Max Neumeyer

Von einem der die Schnauze voll hat

Teil 3

Meine wunderbare Frau und ich haben es gerne grün. Das hat nichts mit unseren politischen Präferenzen zu tun, sondern mit unserem, nennen wir es mal, Sinn für Ästhetik. Manche Menschen lieben Städte. Sie mögen es, nur einmal umfallen zu müssen um schon vor der Feinkost-Theke des nächsten Riesensupermarktes zu stehen und sich ein daumendickes Stück Leberkäs aufs resche Semmerl legen zu lassen. Sie mögen es ihren Kaufrausch im nur fünf Minuten entfernten Shoppingcenter zu verfallen. Sie mögen das Leben auf engstem Raum, mit griesgrämig dreinblickenden Fremden, vielen Autos und dem dementsprechenden Gestank und der unglaublichen Masse an Werbung und Medien-Smog, der erst ein Ende hat wenn man offline in der nächsten REM-Phase vom neuen Auto und den überteuerten Hilfiger Unterhosen träumt. Ja, auch Unterwäsche kann begeistern!

Das Leben in der Stadt ist schön und praktisch. Familie und Freunde wohnen nur einen Katzensprung entfernt. Mit den öffentlichen Verkehrsmittel kommt man rund um die Uhr und zu regelmäßig steigenden Preisen fast überall hin. Die Kinderbetreuung ist so gut, dass man seine Kinder eigentlich gar nicht mehr selbst betreuen muss und die medizinische Versorgung ist der Hit – nach nur fünf Stunden Wartezeit kann man sogar einen kurzen Blick auf die seltene Spezies, der Gottheit „Arzt“ werfen. Und erst die Drogen! Das beste Gras gibt immer noch in der Stadt. An neuralgischen Punkten tummeln sich leise vor sich hin flüsternde Gestalten, die Weed-Dealer ihres Vertrauens. Von den anderen Substanzen ganz zu schweigen. Toll!

Geboren 1976 in Wien, habe ich die nächsten 30 Jahre in dieser Stadt gelebt, geliebt und gearbeitet. Im Gemeindebau kannte ich sogar meine Nachbarn persönlich. Das Lied „Wien, Wien nur du allein“, dürfte allerdings ein Werbeslogan des Wien Tourismus sein. Wien ist toll, aber wer einmal länger „am Land“ gewohnt hat, genießt die kurzen Besuche in der Metropole – mit Betonung auf kurz.

Nach drei Jahren in einem baufälligen Einfamilienhaus im Bezirk Baden inklusive 70er-Jahre-Tapete (grün-beiges Artischockenmuster auf einem dezenten Orangenhauthintergrund) und Doppelflügelfenster mit Willkommenskultur – sie schrien „rain welcome“ und ließen das feuchte Nass auch geschlossen ins Wohnzimmer prasseln – entschied sich unsere Hausbank uns ein Haus zu kaufen. Sehr nett. Als Gegenleistung mussten wir eben jener Bank lediglich rund 1200.- Euro im Monat zurück schenken. Schöne neue Welt – das Geld kommt ja eh aus dem Bankomaten. Das neue Haus war ganz toll. Niedriger Heizwärmebedarf, ein Keller mit Tageslicht (außer in der Nacht) und einer herzerweichenden Aussicht auf die anliegenden Felder des Bezirkes Baden, auf Rehe und Hasenfamilien. Bis die Bagger kamen und direkt daneben eine neue Wohnsiedlung wie Pubertätsakne aus dem Untergrund schoss. Nach fünf Jahren waren nicht nur die Kreditzinsen dank Krise auf ein neues Rekordtief gesunken, sondern auch unsere Lebensqualität.

Dazu kam das weltpolitische Malheur das Frühjahr des letzten Jahres begonnen hat. Die Flüchtlingskrise ließ uns nachdenken. Traiskirchen war nur zehn Minuten von uns entfernt und die Absurdität der Situation, eine durch und durch ungerechte Welt aus den Fugen, festigte unseren Entschluss. Unser Bub, soll in einer unbelasteteren Gegend aufwachsen. Im Wald wäre gut. Oder am Waldrand. Mit viel Wiese. Ja, ok, in einem Haus. Vielleicht einem alten Bauernhaus. Mit toller Aussicht. Guter Luft. Und uns beidem mit erdverkrusteten Gärtnerhandschuhen und selbstgepflücktem Obst in alten Strohkörben und Nussschnaps aus dem eigenen Garten. Kitschig, aber schlecht?

Mit dem Ausstieg wollten wir uns eigentlich Zeit lassen. Finanziell würde es sich ausgehen, wenn wir unser Haus zu einem halbwegs annehmbaren Preis verkaufen und wir damit zumindest zwei der drei Kredite zurückzahlen können. Mit dem Rest könnten wir uns ein billiges Haus kaufen und nach selber herrichten. Meine wunderbare Frau würde sich ein Teilzeitarbeit suchen und ich würde mich um den Haushalt und den Garten kümmern und versuchen nebenbei ein wenig zu schreiben. Leider waren wir wieder einmal schneller als Lucky Lukes Schatten, denn noch bevor wir unser Haus an den Mann bzw. die Frau gebracht hatten, haben wir selber begonnen ein neues Heim für uns zu suchen. Dass dann alles viel schneller ging als geplant, war ja abzusehen. Mehr darüber beim nächsten Mal. Baba, wir lesen uns.

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Ich mag doch keine Fische vergeben
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gigimannheim

gigimannheim bewertete diesen Eintrag 25.03.2016 23:51:56

MarieRedelsteiner

MarieRedelsteiner bewertete diesen Eintrag 25.03.2016 09:30:18

Maria Lodjn

Maria Lodjn bewertete diesen Eintrag 25.03.2016 08:36:53

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