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So dramatisch der Titel auch klingt - er IST dramatisch. In meinem letzten "What's cool" zu "Hot Girls Wanted: Turned On" ging es ja schon ein bisschen um das veränderte Verständnis von Beziehungen und Sex, welches sich schleichend in unseren Alltag ausgebreitet hat. Da durch Social Media und andere Online-Plattformen die ständige Verfügbarkeit eines (Sex-)Partners simuliert wird, wähnen sich viele in der Sicherheit, dass dem so ist. So wird der Weg zu Bar oder zum Club seltener und die Datehäufigkeit vielleicht höher. Vielleicht aber auch nicht, denn laut einer Auswertung des Global Web Index ist jeder dritte Tinder-Nutzer verheiratet. Das passt ganz gut zu der Statistik, die zeigt, dass auch jeder dritte Nutzer bei seinen Profilangaben lügt. Der Aufbau einer anderen Identität für Online-Profile ist nicht nur in Dating-Apps ein Phänomen. Denn heutzutage kann man auch sein Gesicht und seinen Körper mit Apps wie "Facetune" oder "Face App" verändern bzw. nach den eigenen Vorstellungen verschönern. So gibt man sich ein ganz neues Gesicht und erstellt eine neue Identität in der Social-Media-Welt. Doch warum wird diese Anonymität so derartig ausgenutzt und was bringt es den Menschen online ein anderes, verbessertes Leben zu führen?

Create your new identity

Mittlerweile entwickelt sich die Gesellschaft so, dass uns der Schein schon ausreicht und das Sein gar nicht mehr notwendig ist. Denn online bekommt man schon für den Schein so viel Anerkennung, dass das Sein nur zweitrangig erscheint. Hinzu kommt, dass man sein Gesicht so verschönern kann, wie man möchte und sich den Körper formen kann, den man möchte. Gerade jetzt wo der Fitness-Kult so viel Aufmerksamkeit bekommt und die Körperideale immer schwerer zu erreichen sind, ist es eigentlich naheliegend, dass sich jeder etwas pimpen möchte, um in diesem Sog der Perfektion mitschwimmen zu können. Somit tritt früher oder später die Bewunderung für diese neue Identität ein und die Anerkennung aus dem Umfeld lässt auch nicht lange auf sich warten. In einer Folge von "Hot Girls Wanted: Turned On" wurde der Fall eines Mädchens behandelt, das die Vergewaltigung ihrer Freundin live auf der Social-Media-Plattform Periscope streamte. Während sie versuchte das Unverständliche zu erklären, erkennt man, dass sie einfach von der Anerkennung der Zuschauer in diesem Moment so gepusht wurde, dass sie gar nicht wirklich wusste, wie ihr letztendlich geschah. In diesem Rausch von Aufmerksamkeit verschoben sich die Grenzen zwischen richtig und falsch so sehr, und sie selbst war in dem Moment komplett machtlos über ihr Handeln. Dass viele und wenige Likes uns unter Druck bzw. Stress setzen, ist ja bereits bekannt. Daher kann es tatsächlich passieren, dass man vielleicht Dinge postet, die eigentlich nicht wirklich aus eigener Motivation entstanden sind. Die große Gefahr von anderen Online-Identitäten ist allerdings die Einsamkeit, die sich nicht in Form von Likes kompensieren lässt. Viele dieser gespaltenen Menschen haben im echten Leben mit Depressionen und Einsamkeit zu kämpfen, welche durch dieses Zweitleben verschleiert werden und unbehandelt oft in einer langen Abwärtsspirale enden.

Ich liebe dich - steht doch in meinem Profil

Eine Weiterführung der eigenen neuen Social-Media-Identität ist das Führen einer Beziehung online. Da das mit dem Schein und Sein bei der Identität ganz gut klappt, wundert es nicht, dass es auch in Beziehungen sehr gut funktionieren kann. Frei nach dem Motto: Laut Facebook und Instagram bin ich mit Tina zusammen, aber in Real Life bin ich mir nicht mal sicher, was wir sind. Und für Tina ist es auch OK, denn sie ist ja - laut ihren ganzen Profilen - auch "happy in love". Eine Studie ergab, dass die am meisten dokumentieren Social-Media-Beziehungen im Endeffekt sehr unerfüllt sind. Dieses "beweisen" der Beziehung ist meist ein Zeichen dafür, dass die Paare selbst nicht so wirklich hinter ihrer Liebe stehen und sich dafür dann rechtfertigen. Daher holen sie sich die Bestätigung in Form von Likes und versuchen vielleicht auch Verflossenen damit zu zeigen, wie gut es ihnen nun geht und wie glücklich sie sind. Die Beziehung ist also nur eine Fassade, die nur dem Umfeld und nicht einem selbst dienen soll. Eine Hülle ohne Liebe und Leidenschaft, die in Kauf genommen wird, um den äußeren Schein zu wahren. Um noch einmal auch auf die beiden Statistiken zu Tinder zurückzukommen: wundert es uns überhaupt noch, dass diese so ausgefallen sind? Das sollte es eigentlich nicht, denn so wie sich die Gesellschaft verändert ist es gar nicht verwunderlich dass die Dating-Apps voller falscher Identitäten sind.

Leider scheint sich unsere Gesellschaft aus soziologischer und philosophischer Sicht mit diesen Entwicklungen zufrieden zu geben. Denn die ehemals hoch angesetzte Wichtigkeit von Authentizität und Autonomie schwindet durch die mittlerweile hohe Ranganordnung von Glück. Und auch solche Äußerlichkeiten wie unsere Interaktionen auf Social Media können uns ja glücklich machen, auch wenn wir uns dadurch von unserem eigenen Selbst entfernen und in einer Scheinwelt leben. Ich selbst glaube dennoch, dass es früher oder später zu größeren Problemen kommt, sofern sich Sein und Schein zu stark unterscheiden, da man dann irgendwann im Konflikt mit sich selbst steht und das dann nicht mehr vereinbaren kann.

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Maria Lodjn

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pirandello

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