Ein persönlicher Blick auf ein komplexes Land und die Menschen, die darin überleben.
Paradeisa
Nigeria ist ein Land der Extreme. Es gilt als reich an Ressourcen, Bodenschätzen und Menschen, gleichzeitig leben Millionen in extremer Armut. Wer das Land nur von außen betrachtet, neigt dazu, Armut als abstraktes Problem zu sehen. Ich habe Ghettos und Armut in mehreren Ländern erlebt, aber erst hier habe ich wirklich begriffen, wie komplex und gleichzeitig kreativ Armut sein kann.
Mir wurde einmal gesagt: „Ein Nigerianer überlebt in jedem Land.“ Ich glaube das mittlerweile uneingeschränkt. Es ist beeindruckend, wie Menschen in diesem Umfeld täglich improvisieren, Risiken einschätzen und Lösungen finden, von denen man von außen gar nicht ahnt, dass sie existieren.
Armut von außen gesehen
Es fällt auf, dass Armut oft von oben herab betrachtet wird. Hilfsorganisationen, Journalisten oder Spender haben das Bild einer Gesellschaft, die „zu retten“ sei. Das ist emotional verständlich, aber es erzeugt ein falsches Bild. Wer in Nigeria lebt, weiß: Menschen, die scheinbar „nichts haben“, entwickeln oft die besten Ideen und Strategien, um zu überleben – Kreativität entsteht nicht aus Wohlstand, sondern aus Notwendigkeit.
Schulpatenschaften oder Bildungsprojekte sind natürlich wichtig, und ich finde sie gut. Aber wenn sich die Hilfe zu sehr darauf konzentriert, entsteht das Bild, dass alles Armut ist, alles Mangel, und dass das Hauptproblem die fehlende Ausbildung sei. Das ist nicht so. Viele junge Menschen gehen zwar zur Schule, aber das zentrale Problem ist mittlerweile, einen Job zu bekommen, der ein Leben über dem Minimum ermöglicht.
Das tägliche Überleben
Viele Menschen arbeiten in Jobs, die extrem niedrig bezahlt werden. Sie akzeptieren das, weil sonst hunderte andere genau diesen Job übernehmen würden – teilweise sogar für weniger. Jeder versucht, ein bisschen zu sparen, improvisiert, plant, und das unter Bedingungen, die wir in Europa kaum vorstellen können. Rückschläge sind riskant, manchmal existenziell, und nicht jeder kann helfen – weil die meisten selbst ums Überleben kämpfen.
Dazu kommen Betrug, Korruption und institutionelle Probleme. Wer hier ein Geschäft startet, Kinder zur Schule bringt oder ein Krankenhaus besucht, merkt schnell, dass nicht jede Hürde nur ein bürokratisches Problem ist: Manchmal sind es Menschen, die selbst überleben wollen, manchmal strukturelle Hindernisse, die alles erschweren.
Falsche Bilder von außen
Wenn man Nigeria nur durch Geschichten oder Bilder von außen erlebt, entsteht leicht das Gefühl, die ganze Welt sei gleich, dass Armut überall dasselbe sei und alle Menschen auf die gleiche Weise kämpfen. Dabei gibt es über 500 verschiedene Sprachen, unzählige Ethnien und regionale Unterschiede, die das Land unglaublich vielfältig machen. Wer Armut erlebt, sieht oft nur die emotionale Seite, das ist okay – aber unterschätzt werden die Resilienz, Kreativität und Anpassungsfähigkeit der Menschen.
Nigeria ist ein Land, in dem man nicht einfach helfen kann, indem man nur von außen wirkt. Um wirklich zu verstehen, was passiert, muss man die alltäglichen Kämpfe sehen, die Anpassungsstrategien, die kleinen Siege und Rückschläge. Und man muss anerkennen: die Menschen hier sind alles andere als hilflos.
Beobachtung
Armut erzeugt nicht nur Not, sondern auch Möglichkeiten. Gerade wer wenig hat, entwickelt Lösungen, die wir uns kaum vorstellen können. Wer dagegen gut versorgt ist, braucht sie oft gar nicht. Das ist keine Heldenstory, sondern eine Beobachtung: Nigeria ist komplex, die Menschen clever und kreativ, und das Überleben ist überall eine Leistung – nicht nur in den Ghettos oder Slums.