Paradeisa
Ich muss los schreiben. Ich weiß nicht, was daraus entsteht. Vielleicht nur ein kleiner Einblick in mein Leben – wirklich nur ein kleiner.
Mir wurde oft gesagt, ich solle einen Blog schreiben. Ich habe es versucht und wieder aufgehört. Erzählen liegt mir, Öffentlichkeit weniger. Vielleicht auch, weil die meisten Texte irgendwann so geschrieben werden, dass sie gefallen. Ich kann das nicht. Ich kann mich nicht eindeutig definieren.
Ich habe nicht vor, die Welt zu umrunden. Ich bin irgendwie Nomadin, bleibe aber auch einmal länger an einem Ort, wenn es möglich ist. Man könnte mich Minimalistin nennen – was Dinge betrifft. Und doch liebe ich auch das Gegenteil davon. Widersprüche eingeschlossen.
Kreta: der Anfang ohne Plan
Ich saß auf Kreta, in Griechenland, in einem kleinen gemieteten Studio. Schrittweise kam es dazu, dass ich begann, alles auszusortieren. Ich sagte Freunden, Nachbarn, Vermietern: Ich will keine Sachen mehr. Nur noch das Nötigste. Und je weniger, desto besser.
Viel hatte ich ohnehin nicht mehr. Dieser Prozess hatte schon früher begonnen. Aber diesmal war mein Ziel klarer – und zugleich offener: kein Zuhause mehr haben. Aber auch kein großes Abenteuer, keine Weltreise, kein Plan mit Ländern.
Ich wollte sehen, wohin ich gehen kann. Welche Wege sich öffnen. Ohne festzulegen, dass ich so für immer leben würde – aber auch ohne mir selbst den Ausstieg beim ersten Hindernis zu versprechen.
Sicherheit ist relativ
Ich habe einen Minijob. Er bringt nicht viel ein, aber er ist mehr, als viele haben. Solche Entscheidungen verunsichern das Umfeld. Manche sorgen sich, andere wissen nicht, wie sie reagieren sollen.
Ich gebe zu, ich fand es trotz meiner eigenen Angst manchmal sogar amüsant: Jetzt dreht sie in ihrem Alter völlig durch.
Vielleicht drehe ich wirklich durch. Und vielleicht ist das manchmal notwendig.
Kurz dachte ich noch darüber nach, das Studio als Basis zu behalten. Eine Art Rückzugsort. Doch bald zeigte sich: Es war unnötig. Die laufenden Kosten fehlten mir dort, wo ich tatsächlich war – bei günstigen Unterkünften, beim Unterwegssein. Und außerdem: Ich war bis heute nicht zurück.
30 Liter Leben
Ich erlebte viele Situationen, die mich zwangen, über innere Barrieren zu springen. Irgendwann blieb mir nichts anderes mehr übrig.
Mein gesamtes Hab und Gut passte schließlich in einen 30-Liter-Rucksack: Zelt, Schlafsack, das Wichtigste. Dazu ein kleiner 20-Liter-Rucksack, eigentlich als Tagesrucksack gedacht – zugegeben, manchmal ist auch der voll.
Das ist alles, was ich besitze.
Und ich habe es bis heute nicht bereut.
Vorher denkt man ständig in Grenzen: Kann ich mir nicht leisten. Zu teuer.
Was mir erst später klar wurde: Viele bezahlen viel mehr – nur nicht mit Geld. Aber das würde diesen Text sprengen.
Israel, Palästina – und der Moment, in dem alles kippt
Mein erstes Ziel im Jahr 2023 war Israel. Politik hatte mich nie interessiert. Ich dachte immer: Je mehr man weiß, desto mehr Kopfschmerzen bekommt man.
Ich freute mich über einen günstigen Flug – etwa 48 Euro – und über die kurze Flugzeit, da ich Flugangst habe. Angst hatte ich ohnehin vor vielem. Ich bin kein Übermensch. Ich habe nur irgendwann akzeptiert, dass der Tod dazugehört. Angst vor dem Sterben habe ich, ja. Aber nicht vor dem Tod.
Israel war ein Abenteuer. Auch finanziell. In Hostels lernt man viele Menschen kennen, viele Geschichten, viele Perspektiven.
Irgendwann entstand in meinem Kopf der Gedanke, nach Hebron in Palästina zu reisen. Ich hatte Angst. Aber meine Neugier war stärker.
Ich fand eine einfache Unterkunft in der Altstadt, nahe eines Checkpoints. Ich teilte mir ein Zimmer mit zwei Frauen unterschiedlicher Herkunft. Das schweißte uns zusammen. In anderen Ländern würde man sagen: ausgezeichnete Lage. Hier war es genau das Gegenteil.
Am 7. Oktober 2023 hörten wir Netanyahu sagen: „Es ist Krieg.“
Mein erster Gedanke war: Bitte nicht jetzt.
Ich hatte keinerlei Erfahrung mit Gewalt. Aber das änderte nichts.
Wir hielten zusammen. Versuchten, so etwas wie Alltag zu bewahren. Schwer war vor allem, unsere Familien zu beruhigen. Sie riefen ständig an, wollten, dass wir gehen. Städte wurden abgeschottet, Wege versperrt.
Wir sagten: Macht euch keine Sorgen, es ist alles gut.
Während im Hintergrund Maschinengewehrsalven zu hören waren.
Rückzug auf Glasscherben
In Hebron spitzte sich die Lage zu. Busse, Taxis – nichts fuhr mehr. Ein Freund aus Bethlehem bot an, mich zu holen. Alle sagten, das sei unmöglich. Er schaffte es trotzdem.
Die Fahrt über die sonst überfüllte Straße war unheimlich. Leere. Stille. Gefahr.
Später wollte er mich zur jordanischen Grenze bringen – über Jericho, da Jerusalem für ihn nicht passierbar war.
Wir fuhren einen Hügel hinauf. Oben ein Checkpoint.
Während der Fahrt sah ich ein rotes Licht zwischen unseren Köpfen hin- und herwandern. Erst begriff ich nicht. Dann sah ich den Scharfschützen am Hang. Drei weitere vor uns.
Er bremste. Öffnete alle Fenster. Ich bewegte mich nicht. Mein Reisepass hätte mehr geschadet als geholfen.
Langsam, wie auf Glasscherben, fuhren wir zurück.
Irgendwann waren wir aus der Gefahrenzone.
Nicht erklären müssen
Diese Erfahrungen zwangen mich, intensiver zu leben. Um das Erlebte zu verarbeiten, wollte ich verstehen: warum, wieso. Also ging ich trotz Sorgen meiner Familie nach Jordanien, später in den Libanon.
Am Strand zu sitzen hätte mir nichts gebracht.
Irgendwann genügen die Antworten, die man für sich findet. Man hört auf, zu diskutieren. Lässt andere fachsimpeln – und geht weiter.
In Georgien campte ich wild, trampte.
In Ägypten arbeitete ich gegen Unterkunft und Essen, sah das aggressive Verkaufen in Luxor von der anderen Seite, weil ich dort selbst Touristen belästigte. Einmal für ein Restaurant, einmal für Kleidung. Mein Lehrer wurde ausgerechnet jener, den ich als Tourist überhaupt nicht leiden konnte. Eine Woche von morgens bis nachts stehen. Manche haben Erfolg, andere nicht. Und wer keinen Erfolg hat, muss trotzdem essen.
Einmal brachte uns ein Cousin Essen aus dem Restaurant, in dem er arbeitete. Ein anderes Mal kam es aus dem Garten seiner Mutter.
In Assuan lernte ich eine andere Dynamik kennen. Über zwei Jahre brachten mir Menschen mehr bei, als ich je erwartet hätte.
Und irgendwann landete ich in Nigeria. Ein Hochrisikoland, teuer, was Visa betrifft. Ich hätte mir das nie vorstellen können.
Aber ich bin da. Lebe einfach. Und muss gerade deshalb schneller lernen, wachsamer sein.
Ich weiß nicht, wohin mich das Leben noch führt.
Ich weiß auch nicht, was aus diesem Text wird.
Ich habe über vieles nicht geschrieben. Und über manches werde ich nie schreiben. Nicht, weil es geheim ist – sondern weil nicht jede Erfahrung eine Meinung braucht.
Das hier ist kein Manifest, kein Reiseblog und keine Anleitung.
Es ist einfach ein Teil meines Lebens.
Danke fürs Lesen.