Eine der beim Nicht-Fachpublikum (ausgenommen Opern-Freunde) weniger bekannten Frauengestalten der jüdischen Geschichte ist Mariamne, also Miriam. Dem Fachpublikum ist sie als eines der Opfer in der Reihe der hasmonäischen Opfer des in Wahnsinn gekleideten herodianischen Machtstrebens bekannt, mit deren Hinrichtung – da von ihrer Mutter weniger die Rede ist – das hasmonäische Königshaus sein gewaltsames Ende fand. Der Gewährsmann für Leben und Sterben der Miriam ist Josephus.

Was können wir bei Josephus über Miriam erfahren?

An harten Tatsachen ungefähr dieses:

-         sie war eine Frau

-         sie hat gelebt

-         sie war eine Hasmonäerin

-         sie kam gewaltsam, nämlich durch Hinrichtung, zu Tode

-         sie war mit Herodes verheiratet

-         sie hat fünf Kinder geboren, zwei Mädels und drei Jungs, von denen einer vermutlich während seiner ‚Ausbildungszeit’ in Rom starb

-         ihr Großvater war Hyrkanos II., der nach einer nicht leicht nachvollziehbaren Anklage unter Herodes hingerichtet wurde

-         ihre Mutter war Alexandra, Tochter dieses Hyrkanos, die ihre Tochter nicht lange überlebte

-         sie hatte einen (vermutlich bis ziemlich sicher) jüngeren Bruder, der unter dubiosen Umständen ums Leben kam

-         sie lebte in einem familiären und höfischen Umfeld, in dem etliche Menschen durch Hinrichtung zu Tode gebracht wurden und von denen zuvor einige versucht hatten, dieses Umfeld zu verlassen

Kurzum: Miriam lebte einen Polit-Krimi und überlebte ihn nicht.

Dreh- und Angelpunkt dieses Polit-Krimis mit Miriam in der verdeckten Hauptrolle soll nach der sich hartnäckig bis in unsere Tage hinein haltenden Überlieferung gewesen sein, dass ihr Gatte Herodes sie liebte und dass die Politik und seine Familie und Miriam irgendwie auch ihm diese Liebe leider leider sehr schwer machten.

Was Miriam selbst außer Herodes zu heiraten und fünf Kinder zu gebären getan hat oder nicht, erfahren wir nicht so genau. Jedenfalls dann nicht, wenn wir uns darauf beschränken, die ‚harten Tatsachen’ wiederzugeben und die ‚weichen’ beiseite lassen. Denn wir können zwar aus allerlei uns hierfür nahegelegten – und nachvollziehbaren – Gründen für ausgesprochen wahrscheinlich halten, dass sie ihrem Gatten nicht in Liebe zugetan war, aber damit beginnt bereits die Spekulation über Miriams (nicht nur Innen-)leben und – noch verzwickter – über ihren Charakter.

Wir können darüber hinaus, um den Bereich der ‚mittel-harten Tatsachen’ zu streifen, auch für möglich halten, dass Miriam ein beachtenswertes Glied in der Kette der hasmonäischen Thronfolge war. Und wir können gute Gründe dafür finden, dass Miriams Position in der Reihe derer, die legitimiert waren, Hyrkanos II. auf dem hasmonäischen Thron zu folgen oder aber ihrem Gatten als Nachfolger das erforderliche Legitimitätspolster zu vermitteln, nicht gänzlich unbedeutend war. Aber damit beginnt wiederum die Spekulation, diesmal über die Bedeutung von Frauen in den Königshäusern Judäas der 2.-Tempel-Zeit. Wobei nicht von der Hand zu weisen ist, dass Miriam etliche Gründe für eigene wie dynastisch vermittelte politische Ambitionen hätte haben können.

Schließlich können wir auch annehmen, dass Miriam Herodes begehrenswert erschien, weil oder obwohl sie eine erheiratsfähige hasmonäische Prinzessin und weil oder obwohl er ein nicht-hasmonäischer sondern idumäischer strategos-Sohn war. Der sich wohl – wenn auch nicht durchgängig – guter Beziehungen zu Rom erfreute, sich um diese auf jeden Fall immer wieder und mit einigem Erfolg bemühte. Damit eröffnen wir die Spekulation darüber, welchen Interessen diese eheliche Verbindung unter welchen Umständen und wie lange förderlich oder besser nicht vorgekommen sein mag.

Wir können sogar annehmen, dass sich Miriam und Herodes zu gleichen oder auch ungleichen Zeiten aus allerlei mehr oder weniger miteinander harmonierenden Gründen symphatisch gewesen sein könnten. Aber wir müssen diese Annahme, die sich bis hin zu der einer Liebe auf des einen oder der anderen Seite steigern kann, durch die Tatsache relativieren, dass am Ende die eine hingerichtet wurde und zwar nicht gänzlich ohne das Zutun des anderen.

Das läßt uns vor der Frage stehen, weshalb die zeitnahste jüdische Geschichtsschreibung, nämlich die des Josephus, in beiden von ihm überlieferten Versionen das Wirrwarr der möglichen Gründe für Miriams gewaltsamen Tod über das Motiv der verratenen Liebe aufzulösen sucht. Wobei Josephus offen läßt, ob dies nun ein willkommener Vorwand war oder nicht. Für ihn steht fest, dass Herodes Miriam liebte.

Wir können allerdings Spekulation für ausgesprochen erlaubt halten, denn die kritische Inaugenscheinnahme der vorhandenen Quellen, die nur mit Mühe noch als zeitgenössische bezeichnet werden können, erhellt, dass diese, was Miriam anbelangt,  selbst weitestgehend spekulativ sind. Wobei ‚spekulativ’ mehreres meint, darunter: ausgedacht, vermutet, angenommen, angedichtet, verzerrt dargestellt, unterstellt, als Annahme nahe- oder auch fernergelegt bis hin zu sich womöglich geradezu aufdrängend, erwünscht und stellenweise vermutlich weggelassen, verschwiegen, verdreht. All dies abhängig vom je persönlichen Knick in der Optik.

Wir befinden uns also mal wieder in der angenehmen Situation, dass wir mehr Fragen haben als Antworten zur Verfügung stehen. Mißlich.

Eine erste Frage könnte sein, wieweit wir uns auf die Spekulation einlassen wollen, welche von den beiden Geschichten, die uns Josephus präsentiert, die wahre, vielleicht auch nur die wahrscheinlichere sein könnte, und wohin die uns führt.

In der traditionellen Lesart führt uns diese Spekulation zu Nikolaos von Damaskus, der als Herodes’ Hof-ja-was-eigentlich? ...-Schreiber, Archivar, Biograph, Historiograph, PR-Manager, von allem etwas? ... diesen natürlich – natürlich? – so pro-herodianisch dargestellt habe, dass wir einfach das Polzeichen austauschen müssen, und schon haben wir den wahren Herodes.

Haben wir? Kommen wir weiter, wenn wir aus Plus einfach Minus machen?  Ich fürchte nein, denn für Miriams Geschichte würde dies bedeuten, dass wir die Behauptung, Herodes habe sie geliebt, wahnsinnig! geliebt, durch die Behauptung ersetzen, Herodes habe Miriam gehaßt, wahnsinnig! gehaßt.

Und? Hilft uns das weiter? Auch nicht besonders? Tja, woran das wohl liegen mag?

Also setze ich erneut ein und frage mich, was ich mit dem Satz sagen wollte, Miriam habe einen Polit-Krimi gelebt.

‚Polit’ scheint ziemlich klar, denn die Frage, wer das Königreich Judäa unter welchen inneren wie äußeren Voraussetzungen und mit welchen inneren wie äußeren Folgen regiert und im Konzert der Interessen vertritt, zielt eindeutig auf politische Zusammenhänge.

Und ‚Krimi’? Normalerweise ist da die Frage, ob die Leserin herausbringt, wer der Mörder war, bevor die Autorin es klarstellt. Für Miriam könnten wir die Frage dahingehend leicht abwandeln, welche der handelnden Figuren sie auf dem Gewissen hat: Herodes, dessen Schwester Salome im Verein mit der vermutlich gemeinsamen Mutter Kypros, Miriams Mutter Alexandra oder aber die ‚Umstände’ oder wer oder was ganz anderes? Womöglich sie sich selbst?

Eine weitere Frage könnte sein, wo wir denn Informationen zu dieser Geschichte finden. Bei Josephus? Klar, aber der stürzt uns ja in Verwirrung. Bei Nikolaos? Schwierig, denn zu Miriam haben wir von ihm keine direkte Überlieferung, will sagen keine Überlieferung, von der wir annehmen dürfen, dass sie aus seiner Feder stammt. Wir könnten allerhöchstens daraus, wie und ob überhaupt oder garnicht Miriam in Nikolaos’ Geschichte um die Hinrichtung ihrer beiden  Söhne Alexander und Aristobulos Erwähnung findet, vorsichtig Rückschlüsse darauf ziehen, wie Nikolaos Miriam als noch lebende dargestellt hätte. Gibt es noch und gab es zu Josephus Lebzeiten andere mehr oder weniger zeitgenössische Quellen? Ein bis heute unentdecktes Buch genannt „die Makkabäer 5 oder 6“, vielleicht irgendetwas bei den in Qumran gefundenen Schriften? Irgendwelche unserer europäisch-christianisierten Bildung unbekannte ‚Evangelien’? Irgendwelche römischen Historiographen? Sonstige literarische Verarbeitungen? 

Und wenn es denn in ‚außerjüdischen’ Quellen etwas zu finden gäbe? Ich bin ziemlich sicher, dass ja: weil ich mir nicht vorstellen kann, dass Herodes nicht nur mit allerhand Leuten sondern auch und gerade mit dem Augustus Caesar in Rom endlos über die Frage korrespondierte bzw. korrespondieren ließ, ob und warum und mit welchem Verfahrensausgang er zu verschiedenen Gelegenheiten mehreren seiner Söhne und seinem Bruder den Prozess macht – und ausgerechnet bei seiner vermutlich doch politisch – innen- wie vielleicht etwas weniger außenpolitisch – wichtigsten  Ehefrau sollte er dies nicht getan haben? Aber: wir finden Hinweise auf die Be- und Verarbeitung derartiger Quellen aus der römischen Staatskanzlei in der Quelle Josephus nicht. Warum nicht?

Was mir eine der nächsten Fragen aufdrängt, nämlich die danach, woher das ausgesprochen langlebige Interesse rührt, die Überlieferung aufrechtzuerhalten, der idumäische Herodes habe seine hasmonäische Miriam aus einem Gemisch von amour fou und Intrigenspiel der ihm und ihr verwandtschaftlich am nächsten stehenden Frauen heraus meucheln lassen. Nur daraus, dass es uns die vor diesem Horizont nur mäßig spannende Frage aufdrängt, wer von beiden das bemitleidenswertere Opfer war? Vielleicht. Was zu der Frage führt: zu welchem Zwecke denn dieses?

Damit will ich es mit den Fragen bewenden lassen und mich der einen oder anderen versuchsweisen Antwort annähern.

Von heute und dem aus gesehen, wie wir Geschichte lernen, präsentiert sie sich (natürlich nicht die Geschichte selbst – die macht garnichts) immer noch als eine Geschichte mehr oder weniger großer Männer und ganz vereinzelt vielleicht großer, aber zumeist doch eher rätselhafter Frauen. Und sie präsentiert sich uns als eine von Kabale und Liebe. Damit wir auch noch was fürs Herz haben, vielleicht.

Gut, diese Geschichte ist stellenweise auch schon überholt, der Frauen- und Geschlechtergeschichtsforschung und einigen ‚harten Tatsachen’ sei dank. Was jedoch dazu führt, dass über die Hartnäckigkeit gewisser Frauen- und Männerbilder hinaus wir auch gern an solchen Bildern festhalten, die uns einen Mann nicht nur als harten darstellen. Und einen Mann, zumal einen König, der aus amour fou und Verstrickung in weiblich inszeniertes Intrigenspiel heraus seine Gattin hinrichten läßt, nur um darüber noch wahnsinniger zu werden als er zuvor schon war, den möchten wir uns vielleicht gern erhalten. Der hat so was Menschliches ... und was von Opfer. Selbst Männer mögen so was.

Und nicht nur, dass es uns die Weibs- und Mannsbilder erhält, es erhält uns auch unser Bild von der jüdischen Geschichte. Dies in vielfacher Hinsicht, bis hin zum Ethos der jüdischen Geschichte, das unter Herodes schwer zu leiden hatte – ich will damit nicht mehr und nicht weniger sagen, als dass an dem Bild von Miriam und Herodes mehr hängt als die Frage, ob Herodes sie zu Recht oder zu Unrecht hinrichten ließ und ob ihre Hinrichtung nur seinem Wahnsinn oder nur seinem politischen Kalkül  geschuldet war.

Beispielsweise war Herodes ein ‚Emporkömmling’ und ‚Halbjude=hemiioudaios’ und deshalb „also völlig untauglich zum König“. So Peter Schäfer in: Geschichte der Juden in der Antike, 1982,  mit Quellenangabe in Fn. 309 – und ich gebe damit nur das im deutschsprachigen Raum vermutlich letzterschienene Buch zur Geschichte des antiken Judentums wieder. Damit will ich nicht postulieren, dass Herodes ganz im Gegenteil zum König völlig geeignet gewesen sei, denn so weit will ich mich mit meinem Urteil nicht wagen. Ich möchte nur darauf aufmerksam machen, dass mit dieser Bewertung der Person Herodes auch eine Opferdimension eingeführt und durchgehalten wird, die uns dem, was vielleicht alles noch das Geschehen und seine, also des Geschehens, Darstellung beeinflußt haben könnte, kaum näherbringen wird. 

Beispielsweise wiederum bei Peter Schäfer war der„Schwester und Mutter Herodes’ (...) die stolze Hasmonäerin schon lange ein Dorn im Auge“, weshalb sie durch gezielte Gerüchte und ein fingiertes Mordkomplott erfolgreich den Weg zu Miriams Hinrichtung bereiteten.

„Dorn im Auge“  könnte alles mögliche gewesen sein, aber in dieser unserer letzten Quelle trafen diese Machenschaften bei Herodes auf dessen „extreme Liebe“ und „Mißtrauen“ und die Gerüchte waren solche über Miriams „eheliche Untreue“ und das fingierte Mordkomplott ein Giftanschlag.

Alles klar? Alles klar. Denn wenn wir das zusammenlesen, dann erhält uns diese menschliche Dimension vielleicht nicht die Vorstellung, dass Frauen immer nur die bedauernswerten Opfer von machtgierigen Männern waren, aber zumindest doch die Vorstellung, dass sie in aller Regel aus eher ‚weiblichen’ Motiven handelten und darüber die Frau zum Opfer des machtgierigen Mannes zurichteten. In unserem Falle störten sie sich am „Stolz“ einer anderen Frau, was uns zumindest für die jüdische Geschichte die Vorstellung erhält, dass immer dann, wenn Frauen sich in dieselbe einmischten, nur Murks dabei herauskam. Im Fall Miriams war der Murks ein vielleicht zeitweilig politisch richtiger aber menschlich falscher Justizirrtum – und ein wahnsinniger König.

Nun hat Peter Schäfer sich ebensowenig wie andere vor ihm das alles nicht selbst ausgedacht, sondern eben in den entscheidenden Teilen von Josephus übernommen. Womit ich wieder bei der Frage bin, woher Josephus diese Geschichte so hatte, was ihn diese Geschichte so schreiben ließ und weshalb diese Geschichte so rezipiert wurde, wie geschehen.

Bevor nun wer meckert, dass ich ja schon wieder nur Fragen gestellt hätte statt Antworten anzubieten, erkläre ich an Antwort Statt: mir scheint es so zu sein, dass wir zu Antworten im Polit-Krimi Miriams nur gelangen können, wenn wir uns seinen Entstehungsbedingungen zuwenden. Und diese Entstehungsbedingungen liegen, will mir weiter scheinen, bei Josephus.

Womit ich ihn nicht für Miriams Hinrichtung veranwortlich machen will. Sondern einfach nur der Frage nachgehen möchte, was ihn veranlaßt haben mag, ausgerechnet für diesen Teil der jüdischen Geschichte die Liebe als „poetischen Faktor“ und „historische Kraft“ zugleich zum Einsatz zu bringen. Womit ich gleich gesagt haben möchte, dass Josephus wahrscheinlich nicht der Erfinder dieses literarischen wie historischen Elements gewesen sein wird.

Er fand es bereits in der römischen Geschichtsschreibung und der diese bearbeitenden Literatur vor, als er seinen BJ zu schreiben begann. Als er sich an die AJ setzte, hatte er sich aus allerlei Gründen, darunter solche, die wir heutzutage vielleicht auch Akkulturation nennen könnten, daran gewöhnt, so dass er das Element Liebe weiter ausbauen konnte.

Um dies etwas näher zu erläutern, wechsle ich kurz den Schauplatz, aber keine Bange, es geht nicht sehr weit weg, weder zeitlich noch örtlich. Ich wechsle nämlich in den Polit-Krimi Kleopatra, der sich etwa zeitgleich zu dem Miriams ereignet hatte und dessen Schauplatz gerade mal um die Ecke lag. Ich gehe sogar so weit zu behaupten, dass womöglich der eine mit dem anderen mehr zu tun hatte als die Beteiligten ahnten und vor allem ihre späteren Geschichtsschreiber wahr haben wollten.

Die beiden Frauen haben, und das nicht nur räumlich und zeitlich, sondern polit-literarisch miteinander zu tun. Dass dies mittelbar bis vielleicht sogar unmittelbar der Fall war, ist sogar verbürgt. Jedenfalls dann, wenn wir Josephus in den AJ vertrauen dürfen, dass Miriams Mutter mit Kleopatra korrespondierte, um über deren römische connections die Einsetzung des jungen Aristobulos als Hohepriester einzufädeln. Ja, mindestens ein Kleopatra-Biograph nennt Miriams Mutter Alexandra Kleopatras Freundin.

Nun muss dies so nicht stimmen, das mit der Freundschaft, und daraus leitet sich auch nicht gleich eine freundschaftliche Beziehung zwischen Miriam und Kleopatra her. Aber dass das hasmonäische wie das herodianische und das ptolemäische Königshaus das eine oder andere miteinander zu tun hatten, auch und gerade zu ihren geo-politisch so angespannten Leb-Zeiten, das zumindest dürfen wir für einleuchtend halten. Immerhin durfte ja Kleopatras ptolemäisches Königinreich sich auf  Kosten des herodianischen Königreiches territorial etwas erweitern bis arrondieren und sanieren.

Und, die Zeiten waren angespannt, geo- wie innenpolitisch. Zum einen hatten mindestens zwei Großreiche die Tendenz, sich noch weiter auszudehnen bzw. überhaupt erst so richtig Großreich zu werden. Was nicht nur als einen großen Knall den Partherkrieg nach sich zog, sondern davor schon und danach immer noch zu Verwerfungen in der kleinteiligen Herrschafts- und Territorialstruktur im syro-palästinenischen wie ägyptisch-nordafrikanischen Raum führte. Wohinein natürlich sowohl das hasmonäische wie das herodianische Judäa einbezogen war, in all den wechselnden Konstellationen, Allianzen und Gegen-Allianzen. Wie das so ist, wenn gerade mal wieder eine neue Weltordnung im Entstehen begriffen ist.

Wie auch immer die Beziehungen zwischen Miriam und Kleopatra gewesen sein mögen, wir können heute feststellen, dass sich zumindest in zwei Hinsichten eine enge Beziehung zwischen den beiden herstellen läßt: beide waren Königinnen und beide haben die Liebe nicht überlebt. Wenn auch die eine vielleicht weniger als die andere eine Königin war, und wenn es auch bei der einen mehr die Liebe zu und von mindestens einem Manne und bei der anderen mehr die ihres einzigen Gatten gewesen zu sein scheint, welche sie nicht überlebten.

Sie unterscheiden sich allerdings auch. Während Kleopatra spätestens bereits kurz nach ihrem Ableben als die vermutlich erste orientalische Skandalnudel in die Geschichte einging, tat Miriam dies als gute jüdische Ehe-Frau aber dennoch oder gerade deswegen – wer weiß? – als schwaches Weib.

Beide, um mit der ersten Gemeinsamkeit zu beginnen, stammten aus einer Weltgegend, in der die Existenz einer regierenden Königin nichts besonders Außerordentliches war. Diese gemeinsame Weltgegend geriet unter die Oberherrschaft einer aufstrebenden Weltmacht, in der Frauen zwar der politischen Karriere ihrer Männer als Väter, Gatten, Brüder, Söhne und so weiter zuarbeiten durften, dezent im Hintergrund, aber in der Politik nichts verloren hatten. So sie sich doch einmal aus der Kulisse heraus auf die politische Bühne verirrten, waren sie verloren, oft mit ihrem Leib, und wenn irgendetwas schief ging, mit ihrem guten Ruf sowieso. Die römischen Historiographen und Literaten haben sich nicht völlig umsonst an diesen ‚verlorenen Frauen’ abgearbeitet. Also auch an Kleopatra. So was setzt Maßstäbe.

Auf diese Bühne der schriftlich überliefernden Strukturierung der Wirklichkeit geriet Josephus, als er sich daran machte, dem römischen Publikum den jüdischen Krieg samt dessen Vorgeschichte in gehöriger Form näherzubringen. Sein Herumgeeiere in der Darstellung Alexandra Salomes, der als Königin regierenden Urgroßmutter Miriams, zeigt uns, dass er sich redlich bemühte, dem römischen Publikum zu vermitteln, dass eine Königin, wenn auch ein schwaches Weib, nicht nur im Triumphzug ihres siegreichen Eroberers eine gute Figur zu machen verstand.

An diesem Punkt lagen nämlich politische wie kulturelle Bilder im Widerstreit. Weshalb ja manche den Beginn des noch heute andauernden Zwistes zwischen Okzident und Orient in die römischen innen- und außenpolitischen Auseinandersetzungen um die Liaison Kleopatras mit Julius Caesar und später mit Marc Anton datieren.

Für Kleopatra, und damit komme ich zur zweiten Gemeinsamkeit, hatten die römischen Geschichts- und Stückeschreiber der augustäischen Zeit dies Problem mittels der Liebe gelöst.  Und der Verführbarkeit der Männer. Denn Kleopatras Liebe war Ausdruck ihrer Lasterhaftigkeit, orientalische Variante, und ihrer Neigungen zum Verrat. Denn Schwachheit, dein Name ist Mann, jedenfalls vorübergehend. Und Weib natürlich auch. Aber aus anderen Gründen.

Miriam nach dem Vorbild Kleopatras als deren vielleicht auf schnellerem Wege unglücklich gewordene Schwester zu zeichnen, kam allerdings nicht in Frage. Für eine hasmonäische Prinzessin wäre dies ausgesprochen unschicklich gewesen. Schließlich ist Keuschheit und sittliche Reinheit das Grunderfordernis für die gute jüdische Ehe-Frau. Aber irgendetwas mußte dennoch den Herodes ja so wahnsinnig gemacht haben, dass er ihr einerseits in Liebe verfiel und andererseits, sozusagen in leicht fehlgeleitetem Mannestum, sein aus Leidenschaft gespeistes Mißtrauen nicht mehr zu zügeln verstand.

Dafür kamen die anderen intriganten Weiber des herodianischen Haushalts gerade recht. Die intrigierten hier, die intrigierten da, und schwups, war der arme Herodes in einem Intrigenspiel hoffnungslos verfangen. Und alles blieb im Bild, der Mann Herodes und sämtliche Frauen auch.

Allerdings hatte Josephus ein weiteres Problem zu lösen, vielleicht sogar ein ganzes Problembündel. Natürlich mußte er so schreiben wie die Römer schreiben, aber andererseits durfte er die Geschichte seines jüdischen Volkes nicht gänzlich verzeichnen. Diese sollte und musste mit ihren Eigenheiten und Besonderheiten kenntlich bleiben. Und sein jüdisches Publikum durfte er auch nicht gänzlich vergrätzen, das kannte die Geschichten schließlich auch und hatte von Fall zu Fall seine ganz eigene Meinung dazu. Als vielleicht erster Verfasser einer säkularen jüdischen Geschichte aus der Binnenperspektive hatte Josephus vermutlich keinen leichten Stand. Und ganz letztendlich war es vermutlich auch nicht ratsam, im nachhinein die Politik der Caesaren zu vehement zu kritisieren, auch wenn die schon gute hundert Jahre zurücklag. Auch da bewegte sich Josephus auf schwerer See.

Ich finde, er hat diese schwere Aufgabe in Anbetracht der ihm zur Verfügung stehenden Quellen – und damit meine ich nicht nur Nikolaos von Damaskus! – doch recht gut gelöst. Sowohl BJ als auch AJ können als Dokumente des legitimen Unabhängigkeitswillens eines Volkes um seiner Religion Willen gelesen und verstanden werden. In dessen kanonisierter Geschichte spielten, so die Darstellung wie sie schon weit vor Josephus einsetzt, Frauen früher mehr und dann immer weniger eine Rolle. So dass wir es Josephus nicht weiter übel nehmen können, wenn er Miriam nicht als für die Unabhängigkeit ihres Volkes unter ihrer hasmonäischen Königinschaft  kämpfende und sterbende hasmonäische Prinzessin gezeichnet hat.

Schließlich bleibt völlig im Dunkeln, ob Miriam überhaupt und sei es auch nur in Ansätzen eine solche Rolle spielte, spielen wollte, oder lediglich den Platz der Figur besetzte, welche diese Rolle hätte spielen können. Obwohl es schon ein bezeichnendes Licht auf die verwickelten Verhältnisse der Thron- und Legitimätsansprüche wirft, dass Jospehus in BJ  I 26.2 den Aus- und Anspruch des Alexander, Sohn der Miriam, kolportiert, Herodes, der ihre Mutter ermordet habe, mache auch ihm und seinem Buder den durch sie vererbten Tron streitig. Darin blitzen kurz Konfliktlinien auf, die Josephus wahrscheinlich aus gutem Gund und historisch vielleicht auch nicht ganz falsch in einer weiteren Intrigengeschichte verpackte.

Jedoch hat Josephus uns ein schweres Erbe hinterlassen: die Liebe des Herodes. Die immer da, wo’s richtig interessant werden könnte, verdeckt, was denn nun Miriam eigenes Tun und Denken und Begehren gewesen wäre.

Und dass auch heute noch die Leut gern in die Liebesfalle tappen, das hat Josephus dazumal nun wirklich nicht ahnen können!

dass ich diese konserve hier einzustelle, verdankt das kommentariat @crinan, die mich von Massada zum berg Nebo schicken wollte.

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