"Wie sie es mit dem Leiden zu halten habe, darüber ist sich die Philosophie nie einig gewesen. Georg Simmel hat beklagt, wie wenig man der Geschichte der Philosophie die Schmerzen der Menschheit ansehe, und Theodor W. Adorno hat im Gegenzug den berühmten Satz formuliert: »Das Bedürfnis, Leiden beredt werden zu lassen, ist Bedingung aller Wahrheit.« Das Leiden als Maß der Erkenntnis zu behaupten, widersetzt sich dem Hauptstrang der Philosophie, deren höchstes Prinzip seit Piaton das Gute ist und deren höchste Aufgabe nach Hegel darin besteht, den Menschen mit der Welt zu versöhnen. Zwar ist das Schlechte seit immer als Herausforderung für die Philosophie erkannt worden, sowohl das moralische wie das physische und das metaphysische Schlechte: das Böse, das Leiden, das Unvollkommene. Im Besonderen ist das Leiden, das von den Menschen erlittene Übel als Stein des Anstoßes empfunden worden: als Irritation für eine Weltsicht, welche die Ordnung und den positiven Grund in allem Wirklichen aufweisen wollte, als Provokation für eine philosophische Theologie, welche die Güte Gottes mit dem Elend der Welt in Einklang zu bringen hatte.

(...)

Es ist die Frage, wie der Widerstand gegen das Leiden und der Impuls rettender Kritik, die Diagnose des Negativen und das Versprechen des Anderen in ihrem unversöhnten Antagonismus letztlich ineinander greifen. Mit Bezug auf Adorno liegt darin die Frage, wieweit über die totalisierend-aporetischen Beschreibungen, unter denen er dieses Verhältnis fasst (und die nach dem Schluss-

aphorismus der Minima Moralia sowohl die Unmöglichkeit wie die Möglichkeit der Kritik begründen), hinauszugelangen ist. Es ist ebenso die Frage, wie sich Adornos Modell zu anderen Formen negativistischen Denkens verhält, die nicht mit dieser Totalisierung des Negativen arbeiten; konkret ist es etwa die Frage nach dem Verhältnis von Negativer Dialektik und Dekonstruktion. Es ist nicht von vorherein ausgemacht, welcher Weg diagnostisch und konzeptuell adäquatere Möglichkeiten, auch im Ernstnehmen des Leidens, eröffnet."

http://edoc.unibas.ch/14399/1/BAU_1_005251809.pdf

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