Ein Abschiedsbrief

Es begegnet uns von Zeit zu Zeit ein Zeitgenosse, der an die magische Kraft des Rationalen glaubt. Selbstverständlich ist ein Leben logisch – hinterher, durch die Lebenslüge und den Nekrolog. Lebenslüge hört sich schrecklich an und wir denken vielleicht an einen Raubmörder, der in unserer Straße unter falschem Namen lebt. Aber wir selbst sind der Raubmörder. Wir selbst, jeder von uns hat sich seine Biografie selbst erschaffen, aber nicht den tatsächlichen Lebenslauf, sondern den gedachten: eins hin, zwei im Sinn, so wie wir es gelernt haben. Schon durch die mahnenden Worte unserer Mütter oder die Schelte der Väter wurde eine Person geschaffen, die eigentlich eine Personalie ist: ein fiktives Wesen, das sich trotz aller Misserfolge gleich blieb, gleich gut, gleich stark, gleich freundlich, hier teilt sich schon die Menschheit: oder gleich durchsetzungsfähig. Lange Zeit wirkten auch einfach Klischees: Frauen sind emotional, Christen sind nächstenliebig, außer Katholiken, die sind falsch, Afrikaner sind fröhlich wie Kinder und wir Europäer eben blond und rational, wie man leicht am Automobil erkennen kann, das wir alle, jeder einzelne von uns, immer wieder konstruieren.

Wir sehen, was wir sehen wollen oder können. Unser Geist will aufnehmen, aber die Synapsen sind verknotet wie das Seil eines Zirkuskünstlers oder wie der Softwareweg eines Computers, der sich aufgehängt hat. Wenn wir zwanzig Zeugen eines Verkehrsunfalls befragen, so wird es zwanzig teils sehr verschiedene Varianten geben. Es gibt schon über einen einfachen Verkehrsunfall keine Wahrheit. Wahrheit kann immer nur das Konstrukt einer, meinetwegen herrschenden, Gruppe sein. Dieses Zugeständnis an die Herrschaftskritik vergisst, dass die im Untergrund tagende und den Umsturz planende Widerstandsgruppe ebenfalls schon eine fertige Geschichte im Laptop hat. Wahrheit ist in Wirklichkeit eine Definition: einige Menschen haben sich für einen meist kleinen Zeitraum auf eine Formulierung geeinigt, die von anderen aber verlacht wird. Eine Definition hält die ewige Bewegung der Dinge, Prozesse und Meinungen für einen Moment an, eigentlich ist alles infinit. Deshalb sind auch die meisten Definitionen tautologisch, zum Beispiel Armut ist der Mangel an Lebensmitteln oder Armut ist das Leben unter dem Existenzminimum.

Ohne Vorurteile kann man nicht leben und denken, aber wer nur mit Vorurteilen durch die Welt geht, wird niemals etwas neues sehen oder hören. Für denjenigen oder diejenige gibt es keine Spontaneität der Ereignisse, sondern nur Manipulation. Letztendlich geht so ein Weltbild von einem, wie es bei Hegel heißt, Demiurgen aus. Hegels Demiurg war so etwas wie ein umgekehrter Chirurg, der die kranke Welt durch Schnitte heilen will, sie aber dabei kaputt und immer kaputter macht. Selbstverständlich gibt es Manipulation, aber sie ist weder in der Politik noch im täglichen Leben der bestimmende singuläre Beweggrund. Unerklärliches wurde von der einen Gruppe als Vorsehung, von der anderen als Gesetzmäßigkeit gedeutet. Wie irrational der Glaube an einen übergreifenden Demiurgen ist, zeigt der Vergleich zweier historischer Ereignisse, wenn auch unterschiedlicher Wertigkeit: der Beginn des zweiten Weltkrieges und der Fall der Berliner Mauer jeweils als höchst komplexe und irrationale Geflechte von hilflos agierenden Menschen, immer wieder schön: Schabowski als Gipfel der Inkompetenz. Shakespeare trifft es am besten: life’s but a walking shadow, it is a tale told by an idiot, signifiying nothing [Macbeth V5]. Das ist vielleicht sogar am schwersten zu begreifen: das meiste bedeutet nichts.

Wenn also jemand sagt, er läse zwar das falsche, aber er sei dabei sehr wachsam, so kann man beide Aussagen ins Reich des irrationalen entsorgen. Es gibt selbstverständlich kein richtiges und kein falsches, denn was dem einen wichtig ist, ist der anderen widerlich. Jeder weiß zum Beispiel, dass RT eine Propagandamaschinerie ist, die so agiert wie früher die Prawda, eine Zeitung des Sowjetimperiums, die Wahrheit hieß, der aber niemand glauben konnte. Trotzdem haben viele geglaubt, was darin stand, schon deshalb, weil sie nicht glauben konnten, dass man eine ganze Welt erfinden und in eine Zeitung schreiben kann. Ein beliebter Spruch in der Sowjetunion, angeblich war er von Lenin, mit dem damals Eltern ihren kleinen Kindern drohten – wahrscheinlich, weil er allgegenwärtig war -, versprach, dass Vertrauen zwar gut, aber Kontrolle besser sei. Obwohl es offensichtlich umgekehrt ist, die ganze Welt und die ganze Weltgeschichte auf Vertrauen und Loyalität beruhen, stand er damals an jenen Fabriken oder Baustellen, in denen das gestohlen wurde, was es wegen der Planwirtschaft nicht zu kaufen gab. Jeder wusste damals, dass die Chruschtschow-Neubauten wegen mangelnder, unmöglicher oder absichtlich verhinderter Kontrolle so aussahen und immer noch aussehen, wie sie aussehen: schief und krumm, mit der heißen Nadel hingeworfen. Kontrolle ist unmöglich. KGB, Securitate, Staatssicherheit, Mossad, CIA, BND und Verfassungsschutz, sie alle wollten oder wollen ganze Völker kontrollieren, aber haben nicht ein einziges Ereignis voraussehen oder gar verhindern können. Kontrolle ist nur sehr teilweise möglich. Deshalb passieren Unfälle. Man kann wachsam sein, aber man wird dadurch weder klüger noch sicherer.

Wir lesen zumeist das, was wir schon wissen oder was wir wissen wollen oder was wir glauben zu wissen. Geraten wir zufällig an das Gegenteil, erklären wir es kurzerhand für manipuliert. Was wir auch lesen, es wird immer die Bestätigung dessen sein, was wir wollen. Manchmal wollen wir mit den Millionen im mainstream schwimmen, an anderes Mal sind wir stolz auf unser widerstehen im Gegenstrom.

Mein schöner Satz, dass, wer einen Text liest, sein Autor wird, wird natürlich gerne sehr positiv verstanden: von der Mitwirkung des schlauen Lesers an den großen Denkprozessen der Weltliteratur. Aber er kann auch meinen: Egal in welches Buch du blickst, du siehst immer dasselbe. Millionen Leser haben die Ironie Mephistos wörtlich genommen: denn was man schwarz auf weiß besitzt, kann man getrost nachhause tragen. Andere Millionen haben Senecas Witz, dass wir für das Leben lernen sogar über Schulen gemeißelt. Am neuen Museum in Berlin, jenem schmählichst geschundenen, aber auch wunderbar wieder auferstandenen Stüler-Bau, steht, jetzt etwas durch die neue Eingangshalle verdeckt, dass die Kunst niemanden hasst, nur die Unwissenden, aus denen wir das Wort Ignoranten gemacht haben. So ist es auch mit dem Leben, es hasst niemanden, aber die Ignoranten haben es schwer. Die Kraft des Rationalen ist allzu oft nur fiktiv, weshalb die rationale Kraft des Fiktiven allzu oft übersehen wird.

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