Candid oder die beste aller Welten

Wer sich mit elementaren Dingen beschäftigt, kommt nicht umhin, sich die Frage zu stellen, wie denn die Welt eingerichtet ist. Somit ist es keine Überraschung, dass Voltaire den überbordenden Optimismus von Leibniz auf die Schippe genommen hat. Für Schopenhauer war der einzige „Sinn“ der Ausführungen von Leibniz, dass sie der Anlass für den Candid waren, von dem nun also die Rede sein wird.

Dieser Candid hat es faustdick hinter den Ohren. Er ist so etwas wie ein Antiheld der kuriosesten Sorte. Die Liebe zu Kunigunde hat zur Folge, dass er aus dem Paradies vertrieben wird. Was er dann erlebt und mitansehen muss, ist von Grauenhaftigkeit, Naturgewalt, Absurdität und tragikomischer Belehrung durchzogen. Pangloss, sein Lehrer, war ihm stets zur Seite gestanden, wenn es galt, die beste aller Welten heraufzubeschwören. Die Reise in die große, weite Welt sieht er als Möglichkeit, dieser Erkenntnis ganz nahe kommen zu können.

Noch so viel Unbill vermögen es nicht, Candid an der besten aller Welten zweifeln zu lassen. Er wird selbst zum Mörder, aber in der besten aller Welten muss das wohl so sein. Mit einem Schiff, zu Fuß und sogar gemeinsam mit Widdern ist er unterwegs, begleitet von erfahrenen Philosophen. Er wird übel übers Ohr gehauen, nachdem er durch die glückliche Fügung des Schicksals zu einem kleinen Schatz gekommen war. Sein vorrangiges Ziel ist jedoch nicht nur die Bestätigung der Erkenntnis von Pangloss, sondern auch das Aufspüren von Kunigunde, die mittlerweile ebenso aus dem Paradies vertrieben wurde und nunmehr wie eine Magd in diesem oder jenem Erdteil einem Herrn zu dienen hat.

Schiffe gehen unter, Erdbeben kosten tausenden Menschen das Leben, Menschen werden gequält, massakriert, ihrer Würde beraubt. All dies vor den Augen von Candid, der dennoch die weisen Worte seines Lehrers Pangloss nicht in Zweifel ziehen will. Selbst schwere Prügel, die er selbst über sich ergehen lassen muss, ändern daran nichts. Was sich alles so an Widerwärtigkeit auf der Welt breit macht, bestätigt doch nur, dass es sich um die beste aller Welten handelt. Denn sie ist nunmal genau so eingerichtet, wie es sein soll! Nur in Eldorado, wohin es ihn und einen Weggefährten eines Tages verschlägt, ist das Leben voller Freuden, Anerkennung und Edelsteinen. Allerdings will er dort nicht dauerhaft seine Zelte aufschlagen, immerhin gilt es Kunigunde zu finden. Seine Odyssee findet ein glückliches Ende und doch wieder nicht, das weiß er nicht einmal selbst einzuschätzen.

Was also macht diesen Candid so zeitlos und so fantastisch, dass Dostojewski unbedingt einen russischen Candid schreiben wollte? Dieser kleine Roman oder diese längere Erzählung stellt die Dinge auf den Kopf, um sie dann wieder umzudrehen. Doch dann sind sie auch nicht so, wie sie von uns Leserinnen und Lesern möglicherweise gesehen werden wollen. Der unverbesserliche Optimist Candid kommt nicht umhin, sein Weltbild zu überdenken, auch wenn dies von Voltaire nicht explizit beschrieben wird.

Zwei Passagen deuten eine antisemitische Tendenz von Voltaire an. Das überrascht allerdings nicht wirklich, Voltaire bildet da keine Ausnahme in einer Reihe von Künstlern und Philosophen.

Meine Lektüre des Candidhabe ich einem Lesetipp zu verdanken, den der Video-Blogger Alex Nowak im Rahmen eines Dialogs einem äußerst optimistischen Zeitgenossen nahe legt. Ob der Angesprochene den Candidmittlerweile gelesen hat?

Ach, und finde ich die Welt nun nach der Lektüre besser als zuvor? Die Welt an sich ist schön und vielfältig. Es ist der Mensch, der an ihr Raubbau begeht und sich als Herrscher des Planeten aufplustert. Und es ist der Mensch, der seinesgleichen jene Dinge antut, die im Candidso ausführlich beschrieben sind. Die Option der besten aller Welten ist also im Grunde nur die Sichtweise des Menschen. Für alle anderen Geschöpfe auf der Erde, ob in den Lüften, im und unter Wasser, und an Land ist die Welt möglicherweise ein schöner Platz zum leben, wenn da nicht der Mensch etwas dagegen hätte und hat.

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