31 Tage Glück: Wohin mit meiner Angst?

Neulich unterhielten sich einige meiner Studentinnen darüber, dass sie übers lange Wochenende nach Hause aufs Land fahren wollen und wie sehr sie sich seit sie Kinder waren und auch heute noch vor den „Perschten“ fürchten, den Perchten, die zu dieser Zeit in ländlichen Gebieten wieder ihre Umzüge veranstalten. Zu gut kann ich mich selbst noch an einen dieser Umzüge in Salzburg erinnern, wo ich entsetzt von der Dynamik, die angeheizt wurde durch die Finsternis, die kreischende Menschenmenge und das rythmische Schlagen von Trommeln und Glocken, in der hintersten Reihe verschwand, um ja keiner dieser Gestalten zu nahe zu kommen.

Perchtenläufe finden ja üblicherweise in den Rauhnächten, also der Zeit zwischen Weihnachten und den Hl. Drei Königen, statt, werden aber immer mehr mit Krampusumzügen vermischt, womit wir beim Thema für den heutigen Krampus-Tag sind: der Angst.

„Jemandem das Fürchten lehren“

Das ist keine bedeutungslose Floskel, im Gegenteil, Angst gehört zu den emotionalen Reaktionen, die vom Gehirn erst gelernt werden. Das Gehirn lernt also, auf bestimmte Reize hin Furchtreaktionen zu produzieren! Dieser Mechanismus ist speziesübergreifend gleich, was darauf beruht, dass es sich evolutionär als nützlich erwiesen hat: Tiere haben gelernt, vor bestimmten Dingen auf der Hut zu sein, sich davor zu erschrecken und instinktiv das Richtige zu tun: Abstand zu halten. So war es auch für Steinzeitmenschen wichtig, in Gefahrenmomenten „richtig“ zu reagieren, wenn sie überleben wollten. Zur Wahl standen Flucht, Tod stellen und Angriff.

Heute ist es jedoch so, dass der Automatismus der Furcht dagegen für viele Menschen nicht mehr lebensrettend ist, sondern nur die Lebensqualität erheblich beeinträchtigt. Dann nämlich, wenn Sie an Angststörungen, Panikattacken, angstbedingter Schlaflosigkeit und zahllosen anderen immer wiederkehrenden Sorgen und Ängsten leiden.

Was sagt unser Gehirn dazu?

1. Emotionaler Prozess

Einer der bekanntesten Hirnforscher im Bereich der Emotionen ist Joseph LeDoux. Für das emotionale Prozessieren, also den schnellen Abgleich des Reizes mit groben Reizmustern zur Kategorisierung als gefährlich/ungefährlich, ist hauptsächlich unsere Amygdala zuständig. Diesen Weg nennt LeDoux "Quick and Dirty". Er dient zur Vorbereitung schneller Reaktionen (z.B. Flucht) und ist fehleranfällig. Die Kategorisierung findet nicht auf Grundlage angeborener, sondern erlernter Reizmuster statt. Die Amygdala übernimmt also Reizmuster erfahrungsbedingt. Sie ist somit unser emotionales Gedächtnis.

2. Kognitiver Prozess

Den zweiten Prozess nennt LeDoux kognitives Prozessieren. Er dient zur Kontrolle der beim emotionalen Prozessieren gewonnenen Information und ist zeitaufwendiger. Dieser Prozess beginnt am Thalamus und verläuft über den Präfrontalen Cortex, sowie auf einer Nebenroute über den Hippocampus.

Was bedeutet dies nun für die Praxis: Wenn wir z.B. lernen uns vor etwas zu fürchten, also ein emotionaler Auslöser etabliert wird, werden zwischen bestimmten Zellgruppen unseres Gehirns neue Verknüpfungen gebildet. Einen solchen Lernvorgang bezeichnet man als Konditionierung. Das Resultat des Lernvorgangs ist dann ein konditioniertes Netz. LeDoux bezeichnet ein konditioniertes Netz als Zellensemble (cell assembly). Diese Zellverbände, die also das Gedächtnis der erlernten Auslöser bilden, sind somit Aufzeichnungen dessen, was wir gelernt haben. Sie sind quasi eine emotionale Alarmdatenbank.

Wie uns wissenschaftliche Untersuchungen zeigen, können wir lernen die Verknüpfungen zwischen diesen Zellverbänden und unserem Verhalten zu entkoppeln. Der Auslöser aktiviert zwar weiterhin das etablierte Zellensemble, doch die Verknüpfung zwischen diesem und unserem emotionalen Verhalten lässt sich aufbrechen – zumindest für einen gewissen Zeitraum. Wir mögen uns fürchten, aber wir laufen nicht davon. Wir können auch lernen, die Verknüpfung zwischen dem Auslöser und den dazugehörigen Zellensembles zu unterbrechen, was zur Folge hat, das ein Gefühl erst gar nicht aufkommt. Dennoch bleiben die Zellverbände, also die Zellensembles, erhalten. Die „Datenbank“ wird daher nicht gelöscht und somit auch nicht das Potenzial, erneut mit Auslöser und Reaktion verknüpft zu werden. Dies kann z.B. unter Stress wieder geschehen.

Eine Möglichkeit diese Verknüpfungen zu entkoppeln ist über eine achtsame Haltung. Ich registriere meine Angst in dem Moment, wo sie entsteht, mache einen tiefen, achtsamen Atemzug und frage mich zwei Dinge: 1) Bin ich aktuell wirklich in einer Gefahrensituation? 2) Kann ich einen aktiven Beitrag leisten die Situation zu verändern?

Wenn es sich dabei um immer wiederkehrende Ängste handelt (ich könnte den Job verlieren, ich könnte krank werden, mein Mann könnte einen Autounfall haben), nehmen Sie Ihre Angst wahr und lenken Sie Ihre Aufmerksamkeit auf Ihren Atem und dann bewusst auf Wohlfühl-Gedanken. Wenn Sie nämlich Ihre ängstlichen Gedanken unkontrolliert „laufen lassen“, gräbt ihr Gehirn in Erinnerungen an frühere Gefahrenmomente, vergleicht sie mit der aktuellen Situation und reitet Sie so immer tiefer in Ihre Ängste.

Wenn Sie jedoch schon den ersten ängstlichen Gedanken bewusst wahrnehmen, können Sie Distanz zwischen sich und Ihre Ängste bringen - denn wie wir schon wissen, wir sind nicht unsere Gedanken -  und Ihre Gedanken gezielt auf etwas anderes lenken.

Ich wünsche Ihnen einen angstfreien und sorglosen Tag!

Info: Susanne Strobach ist Unternehmensberaterin und hilft Menschen dabei, ihren Weg selbstbestimmt zu meistern. Ihr usp in ihren Seminaren und Coachings ist die Verbindung von Neurowissenschaften und Achtsamkeit. Diesen Dezember hat sie sich vorgenommen, täglich einen Blog über Glück, Erfolg bzw. achtsames Leben auf fischundfleisch zu schreiben.

Titelbild: Thomas Hadinger

Fotos im Text: Akademie für neurowissenschaftliches Bildungsmanagement

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