Der einfache Junge, der couragierte Bundesbürger und der bürgerlich-konservative Fachbuchautor

Wie konnte, fragte sich neulich die größte Zeitung des Landes, aus einem „einfachen Jungen“ wie Stephan B. ein Mensch werden, der das blutigste antisemitische Massaker der Nachkriegszeit plante? Die Formulierung vom „einfachen Jungen“ legt nahe, dass es sich um „einen von uns“ handelt, einen, der nicht zu den migrantischen „Rotzbuben“ gehört, zum „Sex-Mob“, um einen, bei dem sich Recherchen im Stammbaum nicht lohnen, denn er entstammt nicht einer irgendwie böse geprägten „Herkunftskultur“, sondern der über jeden Verdacht erhabenen christlich-abendländischen Tradition, zu der auch Deutschland, nach nicht einmal 12 „vogelschissigen“ Jahren, sich wieder bekennt. Der einfache Junge aber war, wie während des Prozesses immer deutlicher wird, im Internet gut bekannt mit anderen einfachen Jungen, die wie er an einen „großen Austausch“ glauben, den böse jüdische Drahtzieher wie George Soros zum Nachteil der Arier durchführen. Es ist diese These nichts anderes als die modernisierte Version der hitlerschen Großerkenntnis, dass es Juden seien, „die den Neger an den Rhein bringen“ (Mein Kampf, irgendwo).

Aber weil jeder Dreck, der gedacht wird, auch geglaubt werden kann, glauben diese Geschichte vom „großen Austausch“ ganz ganz fest auch die Autoren des wichtigen Periodikums „Sezession“, das einen Bundeswehroffizier, über dessen Vernetzung mit Identitären und Rechtsextremen berichtet wurde, als „couragierten Bundesbürger“ bezeichnet. Interessanterweise gibt es Unterstützung vom Springerblatt „Welt“, das in einem Kommentar „McCarthy-hafte Gesinnungskontrolle“ beklagt und seinen Blogger Rainer Meyer („Don Alphonso“, dessen politisches Credo im Wesentlichen darin besteht, eine Gesellschaftsordnung zu bejahen, in der es sich reich am Tegernsee besser leben lässt als arm in Berlin) vorschickt, um von einem „Opfer“ linksextremistischer Umtriebe zu sprechen. Das Vergehen des Offiziers mögen manche – ich nicht – vielleicht vordergründig harmlos nennen, es passt aber leider zu gut in eine Zeit, in der fast täglich Berichte über rechte Netzwerke in der Bundeswehr erscheinen, welche sogar – und das will etwas heißen – die Verteidigungsministerin Kramp-Karrenbauer dazu veranlassten, einen Teil des KSK (Kommando SpezialKräfte) aufzulösen. Dass diese militärisch exzellent trainierten Herren zudem Gewehre und Munition horten und bei Partys ungestört den Hitlergruß zeigen, lässt nicht unbedingt darauf schließen, dass es sich bei den Sympathien für Rechtsextreme um Einzelfälle handelt. Das scheint für die „Welt“ und ihre Leser kein Problem darzustellen: 700 Kommentare versammeln sich bislang unter einem Artikel des „Don Alphonso“, welcher zur Folge hatte, dass sich der Digitalmob – unter anderem auch in einem online-Kondolenzbuch – austobte. Ein „Bernd F.“ sieht die Sache ganz anders: „Unsere Gesellschaft ist linksextremistisch unterwandert.“ Genau.

Kommen wir nun aber zu einem pensionierten Polizisten, der sich selbst als „bürgerlich-konservativen Fachbuchautor und Journalisten“ bezeichnet und seine offenbar reichlich bemessene Freizeit mit dem Schreiben von Artikeln bei der Internetkloake „pi news“ verbringt. Im Zusammenhang mit der „NSU 2.0“-Affäre, in der viele Menschen die beunruhigende Erfahrung machen mussten, dass sie von Leuten bedroht werden, die Zugang zu Polizeirechnern haben, wurde er vernommen, bei der anschließenden Durchsuchung seines Hauses sollen laut dpa auch noch – mutmaßlich illegale – Waffen gefunden worden sein. Noch vor einer Woche schrieb er, der „permanente Zustrom einer großen Zahl von Kulturfremden“ werde im „unvermeidlichen Zusammenbruch Deutschlands“ enden, für den er sich wohl bereits ausgerüstet hat. Da er zudem von der AfD-Bundestagsfraktion eingeladen wurde, an einer Konferenz „freier Medien“ (mit Berger, Bannon etc.) teilzunehmen, ist er auch mit dem parlamentarischen Arm des Rechtsextremismus gut vernetzt. Wenn dieser Herr „bürgerlich-konservativ“ sein soll, dann gewinnt Rainer Meyer die nächste Tour de France.

Aber eben diese Kombination aus vordergründiger Rechtschaffenheit und permanenter Rekrutierung des Digitalmobs passt in die Strategie der „Selbstverharmlosung“, der „Zurschaustellung der eigenen Harmlosigkeit“ (Kubitschek 2019), mit der nicht nur unbedarfte Springerkolumnisten spielen, sondern die auch, leider, die „einfachen Jungen“ an ihren Geräten erreicht. Vor wenigen Minuten postete einer von ihnen auf welt.de: „Es ist unglaublich was sich manche Leute in diesem Land erlauben können, ohne Angst vor eventuellen Folgen haben zu müssen.“ Wer da eine Drohung liest, liest richtig.

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Kerstin Kellermann

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G. Szekatsch

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