Sozialpuritanismus oder: Hochkindern verboten

Puritanismus, so lautet die Definition von H.L. Mencken, sei „die quälende Angst, dass irgendjemand irgendwo glücklich sein könnte“. Daran anlehnend möchte ich als „Sozialpuritanismus“ die öffentlich geschürte Befürchtung bezeichnen, es könne irgendwo Menschen geben, die zu Unrecht Sozialleistungen in Anspruch nehmen. Dass die Zahl derjenigen, die sich nicht trauen, ihnen zustehende Sozialleistungen einzufordern, weitaus größer sein könnte, spielt für den Sozialpuritanismus keine Rolle. Er wird dann besonders forciert, wenn es darum geht, wieder einmal Reste des Sozialstaates zu beseitigen, um den gesellschaftlichen Reichtum nachhaltiger von unten nach oben zu verteilen. So ließ der Arbeitsminister Wolfgang Clement (damals noch SPD) 2005 eine Broschüre mit dem Titel „Vorrang für die Anständigen“ drucken, in der gegen „faule Arbeitslose“ und andere „Parasiten“ Stimmung gemacht wurde, um die „Hartz-Reformen“ ideologisch zu unterstützen: Nicht das dreiste Einkassieren jahrelang erwirtschafteter Sozialleistungen wurde skandalisiert, sondern der angebliche „Missbrauch“ durch diejenigen, die im Verdacht stehen, dem Arbeitswahn, also der komplementären Zwangsvorstellung zum Sozialpuritanismus, nicht verfallen zu sein.

Und so verwundert es nicht, dass die von Kanzler Merz zur Steigerung der Unternehmensgewinne geplanten „Reformen“ von einer sorgsam orchestrierten Kampagne begleitet werden gegen „Lifestyle“-Teilzeit (wer nicht Vollzeit fürs Vaterland schuftet, ist ein Schuft) einerseits und andererseits gegen „Stütze-Schmarotzer“, für die exemplarisch ein in Köln lebender Bosnier stehen soll, der nach seiner Flucht eigentlich ausreisepflichtig war, aufgrund der Bleibeperspektive seiner hier geborenen Kinder aber einen Duldungsstatus gewährt bekommt. Das rief bei einem „Bild“-Redakteur einen zum Kommentar geronnenen Wutanfall hervor, in dem er nicht nur die sofortige Ausschaffung des Bosniers („Schiebt ihn direkt ab! Er verdient unsere Hilfe nicht.“ ) fordert, sondern auch die Bestrafung der zuständigen Behördenmitarbeiter („Und belangt die Verantwortlichen in den Ämtern und Behörden. Sie haben dem Staat hier nicht gedient, die sind Staatsversager.“ - offensichtlich ist in der „Bild“-Redaktion der Begriff „Dienstaufsichtsbeschwerde“ unbekannt). Nachgerade widerwärtig ist der Neologismus „hochkindern“ („Inzwischen hat er sich und seine Frau mit acht Nachkommen auf satte 7250,77 Euro Stütze pro Monat hochgekindert.“ ), da er dem Bosnier unterstellt, er habe seine Familie nur gegründet, um möglichst hohe Sozialleistungen zu kassieren. Das ist nicht nur eine Verhöhnung des im Grundgesetz verankerten Schutzes der Familie, sondern auch eine Steilvorlage für die rechtsextreme AfD, die auf ihrer Facebookseite einen KI-generierten Cartoonfilm präsentierte, in dem der Bosnier samt seiner (natürlich mit einem Hijab bekleideten) Frau und seinen Kindern gezeigt wird, wie er Chips vor dem Fernseher isst und die Deutschen auslacht. In dieser Karikatur des faulen Einwanderers offenbart der deutsche Sozialpuritanismus seine rassistische Komponente, wenn „Deutschlands frechster Arbeitsloser“ nicht Arno, sondern Huso heißt. (Und wie bei Herrn Dübel kaschiert das hasserfüllte Wüten der „Fleißigen“ gegen die „Faulen“ nur die tiefe Sehnsucht jener, dem Hamsterrad aus Plackerei und Unterwerfung zu entkommen. Irgendjemanden, der sich irgendwo diese Sehnsucht vermeintlich erfüllt, darf es nicht geben.)

auch hier: https://angenehmwiderwaertigzugleich.home.blog/2026/02/27/sozialpuritanismus-oder-hochkindern-verboten/

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