Eine Episode aus dem digitalen Leben: Irgendwann in den 2010er Jahren war es, da veröffentlichte einer dieser alten weißen heterosexuellen Männer, die damals begannen, im Trollen den verlorenen Lebenssinn zu suchen und zu finden, auf einem mittlerweile eingeschlafenen Blog das Bild, das Mahmoud Asgari und Ayaz Marhoni im Moment vor ihrer Hinrichtung zeigt. Was ihm dazu einfiel, war ähnlich obszön wie die Untertitelung, welche die Bild-Zeitung einst gefunden hatte ("Hier werden 2 Kinderschänder gehängt" ), nämlich ein lustig gemeintes Wortspiel, in dem die Empörung, die er sonst beim Thema Islam an den Tag legte, kaum zu spüren war.

Es entspann sich darauf ein Streit, bei dem mich die Beharrlichkeit, mit welcher der Witzereißer seine nachträgliche Verhöhnung zweier junger Männer - sie waren 16 bzw. 18 Jahre alt, als sie starben - verteidigte, nicht wenig erschütterte. Er wolle doch nur vor dem Islam warnen, schrieb er, und davor, dass der in Deutschland sich ausbreite. Was die barbarische Politik der Islamischen Republik Iran mit der in Deutschland lebenden muslimischen Minderheit zu tun haben soll, erschließt sich mir nicht, auch ist Homophobie kein ausschließliches Problem von Muslimen.

Warum also diese witzig gemeinte Verhöhnung zweier Opfer des islamisch-faschistischen Regimes? Warum meint man, ihnen auch noch im Moment des Todes die Würde rauben zu müssen? Hatte es vielleicht damit zu tun, dass die beiden Opfer des staatlichen Mordes in den Augen des Witzbolds doppelt marginalisiert sind, zum einen schwul, zum anderen muslimisch, und meinte er, dass es daher nicht schaden könne, sie zur Zielscheibe seiner Häme zu machen? Sind sich Islamisten und Islamhasser demnach in ihrem Hass auf jeden, den sie als „minderwertig“ und „fremd“ wahrnehmen, ebenso ähnlich wie in ihrer Vergötzung von Autoritäten?

PS: Der Mann ist heute in der AfD und schreibt bei einem Stadtverband weiter.

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berridraun

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G. Szekatsch

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rahab

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