auch hier: https://angenehmwiderwaertigzugleich.home.blog/2026/08/16/todeszone-mit-pocahontas/

Auf dem Bild, das belltower news am 6.8.2026 verwendete, um einen Artikel zu illustrieren, in dem es um die 88 Menschen geht, die beim Versuch, Ceuta – und vielleicht irgendwann das europäische Festland – zu erreichen, ertranken, sieht man im Vordergrund zwei Männer in weißen Schutzanzügen, die einen grauen Sarg über einen steinigen Strand tragen. Neugierige betrachten die Szenerie und fotografieren den Abtransport der Leiche, viele von ihnen tragen Gesichtsmasken, was den Verdacht nahelegt, dass es sich nicht um ein aktuelles Bild, sondern um eines handeln könnte, das während der Pandemie entstanden ist. Das ist aber egal, geht es mir doch um die junge Frau in der Mitte des Bildes bzw. um ihr T-Shirt, das Pocahontas zeigt, wie sie der Disneyfilm sich vorstellt: Eine junge Frau mit sinnlich-rotem Mund und großen dunklen Augen, die sehnsuchtsvoll in eine unbekannte Ferne blickt. Das reale Vorbild war eine Indianerprinzessin, die einem Abenteurer aus der englischen Kolonie Virginia das Leben gerettet haben soll, später einen Tabakfarmer heiratete, mit ihm nach England reiste, vom englischen König empfangen wurde und 1617 kurz vor der Rückkehr nach Virginia verstarb. Man kann sie als Person sehen, die auf fremde Gesellschaften und Lebensweisen neugierig und am friedlichen Zusammenleben verschiedener Völker interessiert war. Man kann sie aber auch als Eingeborene sehen, die dem brutalen Eroberungswillen von Kolonisatoren nichts entgegenzusetzen wusste und mit ihnen fraternisierte, wenn auch vergeblich: Kurz nach ihrem Tod begann in der Chesapeake Bay der Krieg zwischen den Algonkin und den Koloniebewohnern, die gerade festgestellt hatten, dass der Export von Genussmitteln (wenn man Tabak nicht als Droge bezeichnen möchte) so lukrativ war, dass man vielleicht doch in der Fremde überleben konnte. Aber die Plantagen erforderten Platz.

Wenn wir uns wieder der Gegenwart zuwenden, so sind, zumindest in der Wahrnehmung eines rechten Publizisten wie H. Martenstein, die Europäer die Indianer und Marokkaner die „Invasoren“. In einem Artikel in der „Welt am Sonntag“ bezieht er sich auf die Ereignisse in Ceuta und stellt dabei einen Bezug zur Kolonialgeschichte her: „Die Naiven, die unbekannte Fremde mit Blumenkränzen begrüßten, haben es immer bereut, falls sie nicht ausgerottet wurden“. Die naiven Europäer – und hier bezieht er sich positiv auf einen Roman von Jean Raspail, der von Rechtsextremen gerne gelesen wird – seien zu feige, das zu tun, was Dubai oder Saudi-Arabien tun würden: „Dort würde man schießen auf Leute, die sich in Massen unerlaubt der Grenze nähern.“ Und auch Martenstein bemüht militärische Metaphern, auch wenn die erkennbar nicht passen: „Es sah ein bisschen wie D-Day aus, Landung in der Normandie, allerdings unbewaffnet,“ und nicht nur ohne Waffen, sondern auch ohne Schiffe und Flugzeuge. Da stört es auch wenig, dass, sofern sie überlebt haben, die meisten der vermeintlichen „Invasoren“ Ceuta längst wieder verlassen haben, im Wahnsystem eines Rechten sind die Marokkaner diejenigen, die „aus Europa für sich an Vorteilen herausholen, was sich herausholen lässt“, und dann, „sobald ihre Zahl es hergibt, werden sie die Regeln bestimmen.“ Dem Europäer aber sagt Martenstein voraus, „dass man aus der Geschichte verschwindet und sich im Nichts auflöst wie ein Tropfen im Ozean.“ Dieser Vergleich hat, vielleicht ungewollt, etwas Obszönes angesichts der 88 (pro Asyl nimmt eine weitaus höhere Zahl an und geht von 140 aus) Ertrunkenen, demonstriert aber ein Denken, das Menschen, die ihr Leben riskieren, um ihre Arbeitskraft in Europa verkaufen zu können, unterstellt, sie seien im Auftrag einer großen Verschwörung unterwegs, die das Verschwinden der weißen Rasse besiegeln soll. Vor Jahren noch hätte man jedem, der solche Gedanken öffentlich äußerte, eine nervenärztliche Behandlung empfohlen. Heute kommt man damit in eine überregionale Sonntagszeitung.

Pocahontas, um auf sie, deren Bild so zufällig am Strand von Ceuta auftauchte, zurückzukommen, und ihr Stamm sahen sich nicht einer Verschwörung zur Christianisierung Nordamerikas gegenüber, sondern der Virginia Company, in die nicht wenige londoner Investoren Geld gesteckt hatten. Es war nicht das letzte Mal, dass nicht eine Verschwörung, sondern die Wirtschaftsweise des Kapitalismus eine Migrationsbewegung hervorrief.

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