Von der Kunst, sich selbst zu belügen — ein Vortrag über das Klima, das wir nicht wahrhaben wollen:
Meine sehr verehrten Damen und Herren,
ich möchte heute über eine der bemerkenswertesten Leistungen des menschlichen Geistes sprechen. Nicht über die Relativitätstheorie. Nicht über die Mondlandung. Sondern über etwas viel Erstaunlicheres: die Fähigkeit, ein brennendes Haus zu betreten, den Rauch zu riechen, die Hitze zu spüren — und trotzdem in aller Ruhe zu fragen, ob man nicht vielleicht die Tapete neu tapezieren sollte, während man wartet, dass sich das mit dem Feuer von selbst erledigt.
Das, meine Damen und Herren, nennt man in der Psychologie "kognitive Dissonanz". In der Politik nennt man es "Realismus". Und im Wetterbericht nennt man es neuerdings "Jahrhundertsommer" — zum siebten Mal in Folge, was rein sprachlich betrachtet schon eine bemerkenswerte Inflation des Jahrhundertbegriffs darstellt. Ich schlage vor, wir nennen es ab sofort einfach "Dienstag".
Nun könnte man meinen, der Mensch sei ein rationales Wesen, das Fakten zur Kenntnis nimmt und sein Verhalten entsprechend anpasst. Ha! Wer das glaubt, hat offensichtlich noch nie versucht, jemandem sein drittes Wochenendflugticket nach Malle auszureden mit dem Hinweis auf den CO2-Fußabdruck. Da hört der Realismus auf und die Fantasie fängt an: Dann ist es plötzlich "nur ein Flug", während "die Chinesen" — man achte auf den Plural, es sind ja gleich alle 1,4 Milliarden gemeint — sowieso viel mehr verschmutzen. Als würde die eigene Zigarette weniger krebserregend, weil in China mehr geraucht wird.
Das Faszinierende an der kognitiven Dissonanz ist ja nicht, dass sie existiert. Das Faszinierende ist ihre Kreativität. Der Mensch, konfrontiert mit der unbequemen Wahrheit, wird zum Dichter. Er erfindet Wetterphänomene, die es vor fünfzig Jahren angeblich auch schon gab. Er entdeckt plötzlich eine tiefe Zuneigung zur "gesunden Skepsis gegenüber dem wissenschaftlichen Mainstream" — bei diesem einen Thema, wohlgemerkt, nicht bei der Frage, ob das Auto einen Motor braucht oder ob Aspirin gegen Kopfschmerzen hilft. Nein, ausgerechnet bei dem Thema, bei dem 97 Prozent der Fachwelt einer Meinung sind, wird der Stammtisch zur letzten Bastion des kritischen Denkens.
Und dann, meine Damen und Herren, kommt die Höchstform der Verdrängungskunst: die Delegation der Verantwortung. "Ich trenne ja meinen Müll" — als Ablasshandel für die nächste Kreuzfahrt. "Die Politik muss das regeln" — gesagt von Menschen, die dieselbe Politik wählen, weil sie ihnen verspricht, dass sich nichts ändern muss. Man will die Rettung, aber bitte ohne Preisschild. Man will den Systemwandel, aber bitte im Rahmen des bestehenden Systems, bei laufendem Betrieb, ohne Komfortverlust, und möglichst noch vor dem nächsten Grillfest.
Ich sage: Das ist keine Dummheit. Das wäre zu einfach. Das ist etwas viel Menschlicheres — die schiere Unfähigkeit, mit dem Gedanken zu leben, dass man selbst Teil des Problems ist. Denn wer das zulässt, muss handeln. Und Handeln ist unbequem. Verdrängen ist bequem. Deshalb verdrängen wir so hingebungsvoll, so kunstvoll, so — mit Verlaub — meisterhaft.
Die Ironie dabei: Das Klima kümmert sich nicht um unsere Dissonanz. Es führt keine Debatte mit uns. Es steigt einfach. Und irgendwann wird die Tapete, so schön sie auch tapeziert ist, mitverbrennen.
Richard von Weizsäcker, gewiss kein Revolutionär, sondern ein Mann des Ausgleichs, hat es so formuliert: "Der Mensch braucht die Natur, die Natur den Menschen nicht. Der Mensch ist Teil der Natur, er ist ihr nicht übergeordnet. Erst wenn er das begreift, hat er eine Überlebenschance." Das war kein Klimaaktivist. Das war ein Bundespräsident der CDU. Vielleicht sollten wir aufhören, Vernunft für radikal zu halten, nur weil sie uns unbequem ist.
Ich danke Ihnen.