Ich habe in einem anderen Beitrag gesagt, dass wir wieder den Mut aufbringen müssen unseren Bildungskanon neu zu definieren.

Denn wir sind heute an einem Punkt angelangt, an dem wir den alten Kanon aus unserem Leben verdrängt haben, ohne einen vernünftigen neuen zu definieren. Wir verleugnen mittlerweile sogar, dass es so etwas wie einen verbindlichen Kanon überhaupt geben könnte und glauben Wissen durch Kompetenzen und Bildung durch Informationen aus dem Internet ersetzen zu können.

Aber das ist gleichermaßen falsch wie dumm!

Denn Bildung und intellektuelles Wachstum brauchen immer einen konkreten Gegenstand an dem sich der Geist entzünden kann und nur in der Auseinandersetzung mit bestimmten Werken können wir unseren Horizont erweitern und als Mensch auf allen Ebenen wachsen.

Warum das so ist und wieso die sogenannte Wissensgesellschaft auf dem Weg ist zu verdummen und zu verrohen, darüber werden wir in einem späteren Artikel sprechen.

Was wir aber jetzt schon sagen können ist, dass wir unseren geistigen Kompass verloren haben.

Selbst wir Erwachsene beschäftigen uns kaum noch mit unserer Kultur. Bücher etwa, einst das Hauptinstrument zum Verständnis der Welt, dienen heute hauptsächlich zur Unterhaltung.

Und sollten wir doch einmal an ein geistig anspruchsvolleres Werk geraten, dann besitzen wir weder die mentale Kraft noch das nötige Rüstzeug, es zu verstehen. Denn dazu bräuchte es einen durch Bildung geformten Geist, der die Grundlagen unserer Kultur verinnerlicht hat.

Aber Bildung würde noch mehr bewirken. Im Umgang mit den wichtigsten Werken unserer Kultur würde sie uns helfen unsere Geschichte zu verstehen, unsere Gesellschaftsform in ihrer Entwicklung zu begreifen und die heutigen Werte und Normen in einen größeren Zusammenhang zu setzen und für uns fruchtbar zu machen.

Heute sind wir an einem Punkt angelangt an dem unsere Werte und Überzeugungen flüchtig geworden sind. Ein Großteil der Menschen weiß nicht mehr zu sagen wieso sich unsere Kultur auf gerade diese Art entwickelt hat und auch nicht, was ihre Grundlagen sind.

Dadurch besitzen wir nur noch ein diffuses Gefühl für richtig oder falsch. Doch das ist keine tragfähige Basis um unsere Gesellschaft am Leben zu erhalten.

Vielmehr wäre es nötig, dass der Einzelne unsere Geschichte versteht, lernt sie an ihren grundlegenden Werken nachzuvollziehen und sie zu verinnerlichen.

Doch dazu fehlt den meisten Menschen das Wissen um die Entstehung und das Wirken unserer Kultur oder, einfacher gesagt, es fehlt ihnen schlichtweg an Bildung.

Wem das zu abstrakt klingt, der sollte sich einmal folgende Frage stellen: Wer von uns ist noch imstande, zu beweisen, dass die Sklaverei „schlecht“ ist?

Damit meine ich nicht das Unbehagen, das uns befällt, wenn wir an Plantagenbesitzer oder Kinderarbeit denken. Das sind lediglich Gefühle und Reaktionen die wir durch das vorherrschende Weltbild gelernt haben, genauso wie moralische Bewertungen wie „schlecht“ oder „falsch“.

Sondern wer von uns könnte aus unserer Kultur und Geschichte heraus logisch nachvollziehbar belegen wieso wir uns von der Sklaverei abgewandt haben und wieso das gut und richtig für uns ist.

Ich könnte das nicht, und ich glaube, den meisten Menschen würde es ähnlich ergehen. Denn es fehlen uns alle Grundlagen dafür.

Genauso wenig könnten wir die restlichen Werte und Fundamente unserer Kultur definieren, wie etwa die Demokratie, die Erklärung der Menschenrechte oder die Gleichberechtigung der Frau.

Denn dazu bräuchte es Bildung anhand eines übergeordneten Bildungskanons.

Sie würde einerseits dafür dienen eine enzyklopädische Überschau über das Ganze unserer Kultur zu gewinnen um sie in ihrer Entwicklung zu begreifen.

Und andererseits würden wir an einzelnen Werken geistig wachsen und verschiedene Zugänge zur Welt entdecken um uns moralisch zu entwickeln.

Und aus dem heraus würden wir dann die Werte und Normen unserer Gesellschaft verstehen, sie verinnerlichen und einen Platz in unserer entwickelten Gesellschaft einnehmen können.

In letzter Zeit höre ich oft das Argument, dass nie alle Menschen einer Kultur im selben Maße gebildet waren und dass immer nur einige wenige Bücher lasen oder klassische Musik hörten.

Das will ich gar nicht bestreiten, nur ist es lange nicht so wichtig, wie allgemein angenommen wird.

Denn es werden sich, durch die individuellen Unterschiede, nie alle Menschen im gleichen Maße um ihre Bildung bemühen. Nicht jeder von uns wird den Wunsch oder die Fähigkeiten haben gleich tief in den geistigen Kanon unerer Kultur einzudringen.

Aber wenn man in der Schule anhand des Buches gebildet wurde und die Grundlagen unserer Welt verstanden und in sein Leben integriert hat, dann hat man eine Basis, auf der man in unserer Gesellschaft leben und an ihr Anteil nehmen kann. Und die Gemeinschaft als Ganzes hat die Möglichkeit weiter zu bestehen und sich friedlich weiter zu entwickeln.

Doch der vollständige Verzicht auf einen Bildungskanon und eine umfassende Bildung hat mehrere dramatische Konsequenzen für alle Menschen in unserer Kultur.

Als Erstes beschneidet es den Einzelnen um sein Fortkommen in der Welt.

Wir leben in einer Zeit in der es immer mehr auf Kreativität und Intelligenz ankommt. Doch ein Geist der nicht an großen Gedanken geschult wurde und nicht die Grundlagen unserer kulturellen Fertigkeiten beherrscht wird nie die Möglichkeit besitzen, sich in unserer Kultur frei und kreativ zu entfalten.

Zum Zweiten braucht jedes Gemeinwesen einen Bestand an moralischen Grundwerten, an Regeln und Verhaltensweisen auf die sich alle Menschen im Alltag und in der Planung ihres Lebens beziehen können.

Wenn wir uns und unsere Kinder nicht mehr durch unsere Geschichte und klassischen Werke bilden dann werden sie sich diese Werte aus dem Fernsehen und Internet holen. Aber dadurch wird sich die Gesellschaft auf dramatische Weise verändern und, wie wir heute schon bemerken, auf eine massiv negative Art und Weise.

Deshalb müssen wir möglichst schnell einen neuen Bildungskanon definieren und eine umfassende Bildung wieder in unser Leben integrieren.

Dabei kommt dem Buch eine zentrale Rolle zu. Denn wir leben in einer Buchkultur und unsere gesamte geistig moralische und technisch zivilisatorische Entwicklung fußt auf einem Denken durch und einer Bildung über das Buch.

Um noch kurz auf den verbreitesten Vorwurf an den alten Bildungskanon einzugehen: Es ging nie nur um ein stures auswendig lernen von Jahreszahlen und Fakten.

Das ist zwar die Grundlage, auf der sich Bildung entfalten kann, aber die nächsten Stufen sind weit wichtiger. Nämlich eine Entfaltung des Geistes und ein moralisches Wachstum an den großen Werken unserer Kultur in einer für unsere Gesellschaft und ihre Zukunft förderliche Art und Weise.

Heute müssen wir das selbst in die Hand nehmen. Unsere Schulen sind viel zu sehr mit den neuen Theorien der Kompetenzvermittlung, der Vorbereitung auf den Arbeitsmarkt und den jährlichen Pisa Studien beschäftigt.

Aber sei es wie es ist.

Wir haben es selbst in der Hand uns und unsere Kinder wieder zu bilden und den Bildungskanon für uns fruchtbar zu machen.

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