Ich habe Stefan Zweig erst relativ spät in meinem Leben kennengelernt. Ich weiß noch, dass es auf der öden Party eines Professors war, von der ich nicht einfach verschwinden konnte. Gelangweilt blickte ich mich nach dem sprichwörtlichen Strohhalm um, der mir den Abend retten sollte. Und fand ihn in Form eines kleinen Buches, das, eingequetscht zwischen ein paar Modezeitschriften, auf einem Küchenboard vor sich hingammelte.

Erleichtert zog ich es hervor, holte mir eine Flasche Wein und setzte mich in eine ruhige Ecke. Und nach ein paar Seiten hatte ich alles um mich herum vergessen.

Ich las.

Und las.

Als ich Stunden später aufblickte, war der Nebel vor den Fenstern das Lebendigste im ganzen Viertel. Also steckte ich das Buch unter meine Jacke, klaute mir noch eine Flasche Wein und ging nach Hause.

Die Leute von damals habe ich schon lange aus den Augen verloren (für keinen von uns ein großer Verlust).

Aber Zweigs Novellen blieb ich treu. Sie sind mir bis heute ein unerschöpflicher Quell an Freude und Inspiration, aus dem ich immer wieder schöpfe.

Denn ihn zu lesen ist ein Fest für jeden, der unsere Sprache liebt.

Jede seiner Novellen ist ein aufs äußerstes gedrängtes Seelendramen, das uns im Innersten berührt. Und das nicht zuletzt durch seine gedrängte, atemlose Erzählweise, die einsam dasteht in der Literatur seiner Zeit.

„… meine Neugier war durch jenen Vortrag leidenschaftlich entzündet und ich las gedichtetes Wort, wie ich es nie gelesen. Kann man derartige Verwandlungen erklären? Aber mit einmal ging mir eine Welt im Geschriebenen auf, die Worte zuckten nur so auf mich zu, als suchten sie mich seit Jahrhunderten; eine Feuerwoge lief der Vers, mich mitreißend, bis ins Adernwerk hinein, dass ich jene seltsame Gelockertheit in Schläfen fühlte wie in einem Flugtraum. Ich zuckte, ich zitterte, ich fühlte das Blut wärmer mich durchwogen, wie Fieber flogs mich an, …“

Zweig beschreibt in der Erzählung „Verwirrung der Gefühle“ die wichtigsten Wochen im Leben eines alternden Philologen. Das Erlebnis das ihn zum Leser machte, zum geistigen Adepten des Wortes.

Vielleicht können wir das für uns mitnehmen. Indem wir die Geschichte lesen, in die Figuren eintauchen und uns durch Zweigs Sprache entzünden lassen. Durch seine Worte, die eine Begeisterung an der Literatur ausdrücken, die heute schon lange verloren gegangen ist.

„Erst müsst ihr bei den Dichtern die Sprache hören, bei ihnen, die sie schaffen und vollenden, ihr müsst Dichtung einmal atmend und warm am Herzen gespürt haben, ehe wir sie zu anatomisieren anfangen.“

Und, etwas später: „… hier aber, fühlt es selbst, ihr jungen Menschen, hier die lebendigste Jugend unserer Welt. Immer erkennt man ja jede Erscheinung, jeden Menschen nur in ihrer Feuerform, nur in der Leidenschaft. Denn aller Geist steigt aus dem Blut, alles Denken aus Leidenschaft, alle Leidenschaft aus Begeisterung.“

Deshalb habe ich meine Literaturliste mit Büchern von H. Hesse begonnen. Um ein Gespür dafür zu bekommen, dass in unserem Leben etwas fehlt.

Später, wenn wir Literatur wieder lieben und verstehen, können wir uns einem literarischen Kanon zuwenden.

Aber zuerst müssen wir erneut einen Weg zu ihr finden.

Einen Weg, Sprache nicht mehr nur zum Plaudern oder Fernsehen zu verwenden. Sondern sie in ihrer höchsten Form kennenzulernen, als Übermittler von Gedanken und Gefühlen.

Und um das einmal zu erkennen, lege ich euch die Lektüre von Zweigs Novellen ans Herz.

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