Ab Mitte Juni freut sich der Mensch, wenn er über im Wind wogende Getreidefelder blickt und goldene Ähren, die in der Sommersonne reif geworden sind, zwischen Sonnenblumen, Mohnblüten und Kornblumen stehen. Auch die wildwachsende Mäusegerste ist dann reif und wirft ihre Grannen ab. Der Hund hingegen freut sich darüber weniger. Denn auch an Wiesen und Wegrändern der Stadt stehen die Büschel des wilden Getreides bis zum Herbstanfang an den Straßenrändern, an Feldwegen und auch in Grünanlagen.

Achten Sie während dieser Zeit besonders auf Ihren Hund: Verhält er sich nach dem Spaziergang seltsam, schüttelt ständig den Kopf, hält seinen Kopf schief, hat Gleichgewichtsstörungen, kratzt und leckt sich ständig an der gleichen Stelle, hustet, niest oder hat ein plötzlich entzündetes Auge, kann er sich eine Granne eingefangen haben. Denn es ist wieder „Schliafhanselzeit“! Das tut sehr weh!

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Grannen, im Volksmund „Schliafhansel“ genannt, sind die aus den reifen, leicht gelblichen Getreideähren gelösten Körner mit zentimeterlangen Grannenhaaren. Die Grannen fallen zu Boden und sind für Hunde sehr gefährlich, denn die langen borstigen Außenhaare der Grannen haben winzig kleine Widerhäkchen, die dazu führen, dass die Granne nur in eine Richtung wandern, also „schliafen“, kann. Bohrt sich die Grannenspitze durch die Haut, wandert sie stets nach innen und ist oft auch mit Pinzette nur noch schwer zu entfernen, da sich die Widerhaken wie ein Klettverschluss in Fell oder Gewebe festhaken.

Grannen können sich in den Ohren, den Augen oder der Nase festsetzen, durch die Schwimmhäute zwischen den Zehen in die Pfoten eindringen und sich tief in die Haut hineinbohren oder bis in Gelenke oder zu inneren Organen hochwandern. Sie können auch durch die Nase eingeatmet werden und in die Lunge gelangen.

Deshalb ist es im Sommer ganz besonders wichtig, nach jedem Spaziergang Ohren und Ohrenumgebung sowie den ganzen Hund gründlich (mit den Fingerspitzen durch die Unterwolle fahrend) abzutasten, zu kämmen und zu kontrollieren! Wichtig ist auch die Kontrolle der Ohrentaschen und der Zwischenzehenspalten, in die man am besten einzeln mit der Fingerkuppe vorsichtig hineingreift, um die stechenden Dinger rechtzeitig zu entfernen. Hat man eine Granne entdeckt, muss man sofort zupacken und sie gegen den Widerstand herausziehen.

Speziell Hunde mit langem Haarkleid nehmen Grannen beim Spazierengehen unbemerkt auf, die feinen Widerhaken verhindern ein Abschütteln und lenken die stacheligen Grannenspitzen wie kleine Pfeile immer tiefer ins Fell um dann von dort aus ins Gewebe vorzudringen. Bevorzugte Eintrittspforten sind Ohren, lange Bein-, Bauch- und Brustfahnen, Achselhöhlen, Augen und Pfotenballen, Zehenzwischenräume oder die Penisspitze.

Meistens zeigen Hunde recht deutlich, dass etwas stört und Schmerzen bereitet. Sehen Sie also sorgfältig nach, wenn Ihr Tier nach dem Spaziergang humpelt oder sich die Pfote leckt und ständig daran herum knabbert.

Ist die Pfote schon geschwollen und die Granne weder sichtbar noch entfernbar, hilft oft nur eine OP in Narkose. Der Tierarzt muss dann nachforschen, wo sich die Granne festgesetzt hat, die Pfote aufschneiden und den meist eingekapselten Fremdkörper entfernen.

Hat sich bereits ein Abszess gebildet, ist der Weg zum Tierarzt unumgänglich, ebenso wenn der Hund den Kopf schüttelt oder schiefhält. Bitte keinesfalls Ohrentropfen in den Gehörgang leeren oder mit einem Wattestäbchen nachbohren! So wird die Granne nur weiter ins Ohr geschoben und kann das Trommelfell perforieren.

Hat man die Granne noch in einer Pfote erwischt und erfolgreich entfernt, lässt man die Wunde offen (kein Verband) und badet das Pfötchen mehrmals täglich in lauwarmer, verdünnter Betaisodona-Lösung, indem man die Pfote in den Becher taucht, und versucht, sie solange wie möglich darin zu baden. Wenn sich bereits ein eitriger Abszess gebildet hat, ist immer ärztliche Hilfe nötig und man kommt um die Antibiotikagabe nicht herum.

In den Augen können Grannen Bindehautentzündungen auslösen, das betroffene Auge fängt an zu tränen, wird meist stark zugekniffen oder schwillt ganz zu und zeigt Entzündungssymptome wie starke Rötung und eitrigen Ausfluss. Spätestens dann sollten Sie einen Tierarzt aufsuchen.

Doch auch vorher empfiehlt sich ein Besuch, denn wenn es Ihnen nicht gelingt, die Grannen selbst schonend zu entfernen und der Hund sich bei der Manipulation abwehrend bewegt, wandert die Granne noch tiefer.

Schlimmstenfalls entstehen durch eingewanderte Grannen tiefsitzende Fisteln, aus denen sich immer wieder viel Eiter entleert. Oft findet man die Ursache nicht, es folgen schmerzhafte Operationen, wiederkehrende Verbandswechsel, Antibiotikagaben und die Fisteln bleiben bestehen, solange die Granne nicht entfernt wird. Oft gelingt es erst mittels CT, die in inneren Organen festsitzende Granne zu lokalisieren und oft hat sich schon ein Abszess in einem inneren Organ gebildet, der im schlimmsten Fall unbehandelt zur tödlichen Sepsis führen kann.

Keine Seltenheit sind raumgreifende Abszesse in Brust-oder Bauchraum, verursacht durch in Rippenknochen fest eingewachsene Grannen, die bereits eine Knochenauflösung und hochgradige lebendbedrohende Entzündungen hervorrufen.

Mit einem Wort, Grannen sind der Albtraum jedes Tierarztes.

Tipps: Grannen sind schon während des Spaziergangs mit der Hand zu entfernen, aber spätestens zu Hause mittels Pinzette herauszuziehen. Am besten vermeidet man stark mit gerstenartigen Ähren bewachsene Stellen. Müssen Sie immer wieder an einer kleinen bewachsenen Stelle vorbeigehen, schneiden Sie die Ähren einfach selbst mit einer Schere ab. Der Aufwand lohnt und ist nichts im Vergleich zu einem langen, teuren, schmerzhaften Leidensweg und kostet nichts außer Zeit. Langhaarigen Hunden schneidet man das aus den Ballen hervorwachsende Haar regelmäßig mit einer Verbandsschere heraus oder wenigstens ab, damit die Tastkontrolle leichter fällt und die Grannen weniger Halt finden. Gleiches gilt für stark behaarte Ohren, wie beim Cocker Spaniel oder Pudel.

Die Ohrmuscheln des Hundes sind schon während des Spaziergangs mehrmals zu überprüfen, weil die Grannen erst langsam in die Tiefe wandern.

Nach jedem Spaziergang muss man den Hund gründlich abtasten um eventuell vorhandene Verdickungen oder Spitzen unter der Haut des Hundes sofort zu bemerken und die Grannen so schnell wie möglich zu entfernen.

Dann steht einem unbeschwerten Sommer nichts mehr im Weg.

Herzlichst, Ihr Tierarzt Bela

(Auszug dem neuen Buch von Bela F. Wolf „Tipps vom Hundedoktor- Gesunde und glückliche Hunde müssen nirgends durch!“ )

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Spinnchen

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