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Vielleicht kennen Sie das von der Hundewiese oder von Begegnungen auf der Straße: Ihr Hund macht etwas, was er nicht soll. Vielleicht springt er vor Freude an jemandem hoch. Vielleicht hebt er irgendwo am Nachbarstor sein Bein. Oder er zerrt Sie eben mal quer über die Straße. Ein wildfremder Mensch spricht Sie darauf an und erklärt Ihnen, Sie sollten doch ehebaldigst einen Trainer, Coach oder Hundeflüsterer aufsuchen, der Ihrem unerzogenen Köter Manieren beibringt, wenn Sie es schon nicht tun.

Wahrscheinlich erwähnt er auch den Alpha-Wolf, denn der Hund stammt doch vom Wolf ab und die Wölfe machen das wie folgt: Der Alpha ist der Oberboss, der das Sagen hat, und wenn ihm etwas im Rudelgefüge nicht passt (also ein anderer Unterwolf irgendwo symbolisch an einen Zaun pinkelt, obwohl er eigentlich gar nicht an der Reihe wäre), dann wirft er sich mit aller Gewalt auf den drauf und macht ihn mit Putz und Stängel alle. Er ringt den ungehorsamen untergebenen Omega-Wolf zu Boden und würgt ihm mittels Kehlenbiss die Luft ab, bis dieser kapituliert und sich dem Alpha brav unterordnet. Das ist eine verbreitete Theorie, die sich bis heute hartnäckig hält. Gemeinhin nennt das die Allgemeinheit den „Alphawurf“.

Und damit sind wir schon mittendrin im Jammertal der untergeordneten Hunde.

Wann genau man begann, Hunde zu tyrannisieren, lässt sich zeitlich recht schwer abgrenzen; die deutschsprachige Hochblüte der Hundezerstörung fand mit Sicherheit unter Heinrich Himmler statt, der 1942 eine Reorganisation des Diensthundewesens aller SS- und Polizeiinstitutionen anordnete und SS-Standartenführer Franz Mueller, später auch Hundemüller genannt, dazu berief. Oswald Pohl erschuf zeitgleich die Hauptabteilung DI/6 „Schutz- und Suchhunde“. Die Dominanztheorie war geboren und passte hervorragend zu Hitlers Schergen. Den braunen Worten der Gewalt entsprang ein Buch: „Abrichten und Führen des Jagdhundes“, verfasst von Hundemüller und Möst. Es beschrieb die brutalsten Varianten der Tierquälerei, die schlimmsten Methoden zur Unterordnung der immer „dominanten“ Hunde, auch wie man „unreinen“, weil nicht reinrassigen Nachwuchs trächtiger Hündinnen entsorgte (indem man sie auf den Kopf schlug oder in der Erde verscharrte) und dergleichen mehr. Der unglaubliche Wahnsinn der ersten Auflage aus dem zweiten Weltkrieg war bis vor kurzer Zeit noch in Google-Books online lesbar.

Dass sich die Menschen immer noch so verbissen an dieser fatalen und völlig falschen Dominanz Geschichte festhalten, hat auch noch andere Gründe.

Das missliche Bild vom Alpha-Wolf entstand, als der Schweizer Verhaltensforscher Rudolf Schenkel 1944 das Verhalten einer Wolfsgruppe im Basler Zoo studierte- und dabei die dominante Wölfin und den dominanten Wolf „Alphas“ nannte. Genauso gut hätte er sie auch Heribert und Gretel nennen können.

In weiterer Folge Schuld an dieser fatalen Fehlmeinung hat Dr. David Mech, dessen Buch „Der Wolf: Ökologie und Verhalten einer bedrohten Art“ sich in den 1960-er Jahren weltweit sehr gut verkaufte. Er sprach darin vom dominanten Anführer, dem Alpharüden, nachdem er Wölfe in Gefangenschaft beobachtet hatte, denen unter diesen Umständen gar nichts anderes übrigblieb, als eine gewisse Rangordnung auf engstem Raum zu bilden. Individuen, die sonst nie aus freien Stücken gemeinsam auf so kleinem Raum zusammengeblieben wären, hatten gar keine andere Wahl, als ein solches Gefüge der Hack- und Rangordnung aufzustellen.

Obwohl Mech nach einiger Zeit diese Fehlinformation in mehreren wissenschaftlichen Veröffentlichungen anhand von neuen Studien mit freilebenden Wölfen auf Ellesmere Island korrigierte, war es schon zu spät. Weltweit war der Begriff vom Alpha-Wolf geprägt.

(David Mech „Was ist eigentlich mit dem Begriff Alpha-Wolf passiert?“, 2008)

Mech stellte in den neuen Studien fest, dass die meisten freilebenden Wölfe in Familienverbänden leben, genau wie Menschenfamilien. Familienverbände, in denen sich das wölfische Elternpaar gemeinsam um den Nachwuchs kümmert und ihn liebevoll anleitet. Anleitet, wohlgemerkt, nicht knechtet!

Wolfseltern verteidigen ihren Nachwuchs und beschützen ihre Familienmitglieder. Ein „Die machen sich das schon untereinander aus!“ kommt niemals vor. Es gibt keine Auseinandersetzung um die Führungsvorherrschaft.

(David Mech „Leadership in Wolf Canis Lupus Packs“, 2000, Canadian Field Naturalist, David Mech, „International Wolf Winter“, 2008)

Die Anführerschaft in der Wolfsfamilie basiert daher niemals auf aggressivem Dominanzverhalten oder körperlicher Überlegenheit, sondern ausschließlich auf Erfahrung und Akzeptanz.

Der echte Leitwolf ist der gelassenste von allen. Im Gegensatz dazu beweist das schwächste Glied im Familienverband durch ständiges Demonstrieren dominanzähnlichen Verhaltens, dass es zu schwach für die Leitfunktion ist.

Der Anführer pocht nicht ständig auf seine Autorität, sondern zeigt sehr entspannt und souverän seine Macht durch ruhige Gelassenheit gegenüber den Schwächeren.

Das Nackenschütteln dient unter Wölfen ausschließlich dazu, die Beute zu töten und ist somit reines Jagdverhalten, niemals Mittel zur Kindererziehung. Es dient auch nicht zur Disziplinierung erwachsener Rudelmitglieder untereinander. Das vielgepriesene Nackenschütteln eines Hundes bewirkt, statt der erwünschten Bindung an den Menschen, nur Angst.

Wölfe schubsen den Nachwuchs zur Erziehung vorsichtig um und drehen ihn auf den Rücken. Keinesfalls heben sie ihn vorher hoch, schütteln ihn heftig und ringen ihn dann brutal und würgend zu Boden, schon gar nicht mittels Würgehalsband.

Das einzige daraus resultierende Ergebnis dieser weitverbreiteten praktizierten Methoden sind gestresste Hunde, die aus Angst vor Schmerzen gehorchen, deren angestauter Frust über mangelndes Verständnis und fehlende Zueignung sich aber immer irgendwann als Aggression oder Depression den Weg bahnt. Der Rest wird einfach krank. Permanenter Stress durch einen bedrohlich-aggressiven Menschen endet immer in psychischen und physischen Erkrankungen des Hundes, daher leiden auch so viele Hunde an unerklärlichen Allergien, Magen-Darm-Erkrankungen, Bandscheibenvorfällen, Gelenksproblemen, erhöhtem Blutzuckerspiegel, Problemen mit der Bauchspeicheldrüse und Erschöpfungssymptomen. Sie sind schlichtweg chronisch gestresst und überfordert.

Dazu kommt, dass Hunde keine kleinen Wölfe sind. Sie sind weder Rudeltiere, noch reine Fleischfresser und sie kommunizieren anders als Wölfe.

Hauptschuld an dem Festhalten der Alpha-Wolf-Lüge hat aber definitiv der allgegenwärtige „Hundeflüsterer“ Cesar Millan, den Sie sicher aus dem Fernsehen kennen.

Seine Theorie fußt auf den drei Eckpfeilern „Bewegung, Disziplin und Zuneigung“. Mit ihm feierte die Dominanztheorie in einem neuen Jahrtausend Auferstehung aus dem Sumpf der Vergangenheit. Dank ihm war es leicht, nicht von der Brutalität abzukommen und den Weg, den SS-Müller vorgab, fortzusetzen.

Der illegal in die USA eingewanderte Mexikaner wurde von Schauspieler Will Smith, dessen Frau nicht mit ihrem Hund zurechtkam, direkt an Hollywoods Spitze der selbsternannten Hundeexperten katapultiert, wo er das Grauen der Dominanztheorie mit harmlosen, zeitgerechten Begriffen verschleierte und mit einem Paukenschlag auferstehen ließ.

Wie aber macht die Dominanztheorie unsere Hunde krank, wo Millan doch nur „flüstert“? Warum sind plötzlich immer mehr Hunde chronisch leidend als gesund und munter?

Das Dreieck "Bewegung, Disziplin und Zuneigung" bedeutet nichts anderes als Stress, Überforderung und Mangel an menschlicher Obsorge- sowie völlige Empathielosigkeit einem hilflosen Lebewesen gegenüber.

Spannender Nebenaspekt, dass sich gerade die Brutalo-Coachs immer als Retter der Hundewelt aufspielen. Jeder von ihnen hat garantiert selbst gerade drei oder vier furchtbar bissige, riesige, blutrünstige Red Zone-Monster aus dem Tierschutz in letzter Sekunde dem sicheren Tod entrissen und "resozialisiert".

Ganz furchtbar ist, dass dieses ganze „Bewegung, Disziplin und Zuneigung“-Dreieck auf den ersten Blick gar nicht so schlimm aussieht, sondern in Maßen durchaus logisch klingt. Aber leider nur im ersten Moment.

Schaut man auch nur einen Hauch genauer hin, sieht man in jeder TV-Folge des Hundeflüsterers, in jedem online gestellten Video, in seinen Büchern und unter seinen Anhängern stets nur eines: rohe bestialische unmenschliche Gewalt. Die verharmlost und verherrlicht wird.

Jedes Jahr wieder tourt ER quer durch Europa, auch, weil es gegen ihn den Staaten längst Auftrittsverbote gab. Gerichtsverfahren sind anhängig. Und jedes Jahr wird ER dennoch mit seiner tierschutzwidrigen Methode weltweit vielen weiteren Hunde das Leben nochmal um ein Eckhaus schwerer machen. Viele werden sterben. Andere lebenslänglich an den Folgen leiden.

Indem man den Hund, am Würgehalsband befestigt, kilometerlang neben dem Fahrrad herrennen lässt, bis er niederbricht, erfüllt der Alpha- Mensch den ersten Eckpfeiler, die „Bewegung“.

Die Folgen der „Bewegung“ reichen von der Überbelastung der gesamten Wirbelsäule und des gesamten Bewegungsapparates (Bandscheibenvorfälle, Bänderrisse, Zerrungen, Quetschungen, Prellungen, Frakturen, Muskelrisse, Verstauchungen) bis zu Kreislaufkollaps und Herzversagen. Bis zum Tod ist bei „Bewegung“ alles drin. Man kann Hunde auch zu Tode erschöpfen. Das Herz hört dann einfach auf zu schlagen.

Junge Hunde sind sehr schnell übertrainiert und körperlich überfordert, ihre noch im Wachstum befindlichen Organe werden in der Entwicklung schwer gestört und nachhaltig geschädigt. Da braucht man gar nicht stundenlang zu trainieren, bei Welpen reicht schon eine kurze heftige Trainingseinheit, um sie für immer nachhaltig krank zu machen.

Schaden nimmt auch die Psyche dieser Hunde. Vielfältige psychosomatische Krankheitsbilder wie unerklärliche, wie aus heiterem Himmel immer wiederkehrende Durchfälle, häufiges Erbrechen, Gelenksschmerzen, Schwächung des Immunsystems, Autoimmunkrankheiten, Allergien und die ganze Bandbreite der Erschöpfungssymptome bis hin zum Burn Out, entstehen. Das alles lässt Millananhänger aber kalt, denn es ist ja nicht wahr. Auch nicht, wenn es ein Tierarzt sagt.

Nach dem täglichen, mehrmaligen Erschöpfungsritual wird vom Flüsterer empfohlen, den Hund hart auf Gehorsam zu trainieren und wir finden uns beim zweiten Eckpfeiler, der „Disziplin“, wieder. Bei dem man mit der geballten "Dreifingermethode" und stets begleitet von lauten Zisch- oder Drohlauten („TSSSSS!“) mehrmals hart in den Hundehals (oder wo man gerade hintrifft) in den Hundeköper stößt. Gleichzeitig macht der menschliche Fuß hinterrücks- und für den Hund völlig überraschend- einen satten Tritt seitlich in die Weichteile der Becken- und Bauchregion. Gerne auch in die Geschlechtsorgane.

Hundebisse nachmachen? Soll das ein Scherz sein? Leider kann man darüber keineswegs lachen. Das Botoxmännchen meint das völlig ernst. Selbst wenn es auch nur ansatzweise mit wölfischem Verhalten vergleichbar wäre (was nicht der Fall ist!), welcher Hund, der andauernd von seiner Hundefamilie „zurechtgebissen“ wird, wäre noch geistig normal?

Die Folgen dieser von den Fans immer verharmlosten „Stupser“ und „Trittchen“ sind umfangreich.

Schäden der inneren Organe, Nierenblutungen, Milzrisse, Leberblutungen, Schäden an den Geschlechtsorganen, Blasenrupturen, Beckenknochen-, Wirbelsäulen-, Hintere Extremitäten-Frakturen oder Verstauchungen sind die schwerwiegendsten Konsequenzen dieser Methode. Geradezu harmlos muten dagegen Blutergüsse, Verstauchungen und Prellungen an, die man dank Fell nicht mal sieht. Falls Sie es nicht wissen, eine Prellung ist schmerzhafter als ein Knochenbruch.

In weiterer Folge wird empfohlen, „immer“ das Millan-Halsband zu benutzen, (gegebenenfalls Ketten- oder Stachelhalsband, falls man dieses grad nicht zur Hand hat), damit man den Hund an selbigem strangulierend durch die Luft wirbeln, ihn hochheben oder wenigsten daran heftig und ruckartig zerren und reißen kann. So, dass es ihm mal endlich richtig weh tut. Dieses Halsband besteht aus zwei verbunden Teilen, damit es nicht verrutscht. Es ist extra dünn und so konzipiert, dass es direkt hinter den Ohren anliegt und auf beide Karotiden sowie Parotiden und auch knapp über den Kehlkopf drückt. Es sperrt also die Blutzufuhr zum Gehirn ab und nimmt dem Hund zusätzlich die Luft zum Atmen.

Erstickungsanfälle, hochgradige Sauerstoffunterversorgung, Ohnmacht, Herzrasen, Kehlkopfschäden, Schäden der Speiseröhre und der Lunge sowie Lungenemphysem, Lungenödem, Glaukom, Augenaustritte und schwere Panikattacken sind die Folge. Der Hund erleidet Todesangst. Fallweise stirbt der Gequälte an Genickbruch durch Strangulation.

Schuld ist aber immer noch nicht der Hundeführer. Schuld ist möglicherweise die Blödheit des Hundes, der immer noch wie irre vor Angst in die Leine springt und sich wehrt, der in Todesangst und Panik um sein Leben kämpft- und sich dabei selbst erwürgt. Hätte er halt früher kapiert, dass das weh tut! Hätte er halt gehorcht! Hätte er doch wissen müssen, der Rabenbraten, oder?

Den Fehler, den sucht man weder bei Millan und schon gar nicht bei sich selbst. Schuld ist immer der Hund! Der Idiot.

Und da wäre dann noch der dritte Eckpfeiler, die „Zuneigung“, denn aller guten Dinge sind bekanntlich drei. Diese letzte Zutat ist bitte immer nur in homöopathischer Dosis zu verwenden, im Zweifelsfall lieber gar nicht. Bloß dem Hund nicht zu verstehen geben, dass man ihn mag! (Mag ihn so ein Millananhänger wirklich?) Er könnte sonst das Ruder an sich reißen und die ganze Welt dominieren, nicht nur seinen eigenen Menschen. Das darf nie passieren! Niemals!

Woran es mangelt? Kann es sein, dass die Welt nur deshalb selbsternannte Gurus braucht, weil die meisten Menschen verlernt haben, auf ihr Herz zu hören? Weil die Welt täglich schneller und immer brutaler wird und die, die da nicht mehr mithalten können und daran zerbrechen, ihren täglichen Frust an einem schwachen Hund auslassen müssen? Damit es ihnen selbst wieder besser geht?

Warum will niemand verstehen, dass Gewalt immer nur Gegengewalt erzeugt? Dass aus frustrierten, dominierten Hunden immer nur kranke oder völlig unberechenbare Tiere entstehen?

Wie erzieht man seinen besten Freund richtig und ohne, dass man an das Grauen der schwarzen Pädagogik erinnert wird?

Hunde verstehen nachweislich unsere Sprache.

Man nehme Vertrauen und Bindung statt Dominanz und Tyrannei und ersetze das Stresshormon Cortisol durch das Bindungshormon Oxytocin.

Noch eine Prise belohnendes Dopamin dazu- und alles wäre alles gut. Und die Geschichte vom Alpha-Wolf für immer zu Ende.

Und wenn Sie jetzt glauben, der Rütter macht das besser, muss ich Sie leider enttäuschen. Auch Rütters Methoden sind tierschutzwidrig. Einen Hund auszuhungern und ihn dann aus der Ferne mit Flüssigkeit zu bespritzen oder etwas in seine Richtung zu werfen, um ihn zu erschrecken, steht der Millan-Methode um nichts nach. Nur die gutgläubigen Hundetanten fallen noch auf solche Methoden herein. Traurig, aber wahr...

Herzlichst, Ihr Bela Wolf

Tierarzt, Journalist und Autor

https://tierarztwolfblog.wordpress.com/2019/11/15/du-bist-nicht-der-rudelfuehrer/

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