Es war einmal. Und es war einmal schön. Damals. Aber ich wünsch‘ mir mein Heute!

Niemals zuvor in meinem Leben habe ich dermaßen intensiv wahrgenommen, bewusst genossen, gelebt, als gäbe es kein Morgen. Die Einzigartigkeit jedes Augenblicks auskostend. Ich liege, lediglich mit einem Bikini bekleidet, im Gras. Kein Badetuch trennt meinen beinahe nackten Körper vom Boden unter mir. So etwas Verrücktes wäre früher undenkbar für mich gewesen, ausgeschlossen! Ich spüre die Feuchtigkeit der Erde, des Rasens, den Auflagedruck meines Körpers, die wohltuende Kraft der Sonne, die mein Gesicht, meinen Bauch, meine Oberschenkel erhitzt. Ich atme mit seitlich weit von mir gestreckten Armen den Geruch des Sees, des Rasens und des traumhaft warmen, wie Hochsommer anmutenden, Frühlings ein. Die weiß leuchtenden Wolken am hellblauen Himmel über mir ziehen rasch vorüber. Meine Gedanken entrücken, schweifen ab, gehen zurück bis zum Mai des Jahres 1994. Vierundzwanzig Jahre sind seither vergangen. Eine halbe Ewigkeit. Gelebtes Leben, und doch erscheint es mir surreal, fremd, als ob es mich nichts anginge, mich nicht beträfe, nicht mehr, und dennoch: es war mein Leben.

Melodien kommen mir in den Sinn, Liedtextfragmente drängen sich auf: „Damals.“ „Damals war‘s besser als heute.“ „Es war einmal, und es war einmal schön. Da ist nichts zu erklären, und niemand hat schuld …“ Kurz bin ich verwirrt. Abrupt setze ich mich auf, versuche mich zu konzentrieren, in meinem Gedächtnis zu kramen, ehe mein Verstand realisiert, dass es sich um zwei Lieder handelt, welche mir mein Geist präsentiert, um André Hellers „Damals“ und um „Es war einmal“, gesungen von Erika Pluhar. Ich versuche, die beiden Melodien und Textpassagen, die in meinem Kopf durcheinandergeraten sind, auf geheimnisvolle Weise ineinander verwoben scheinen, zu entflechten, zu entwirren.

„Damals, damals – sagen die Leute,

damals, damals – war's besser als heute,

denn die Sterne, die war‘n noch Sterne.

Und der Winter, der trug sich noch weiß!

Damals, damals – sagen die Leute,

damals, damals – war's besser als heute.

Ein Ringelspiel war noch ein Ringelspiel.

Ja, die Zwerge waren klein und die Riesen noch groß!“ ...

(André Heller)

Der Liedtext Erika Pluhars „Es war einmal“ ist mir nicht vollends erinnerlich, ich kann ihn nur zum Teil reproduzieren, bleibe hängen bei: „Es war einmal, und es war einmal schön. Da ist nichts zu erklären und niemand hat schuld. Es war einmal, es war … es war … es war …“

Neun Monate sind mittlerweile seit meinem Abschied vergangen. Dem Abschied von meinem gewohnten Leben, dem Verhaftetsein, vom Dorf, von meiner Jugend, von geliebten und ungeliebten Menschen, meinem alten Haus, meinem geliebten Garten. Ich dachte nie, dass ich eines Tages gehe, ich gehen könne, es schaffen würde, alles hinter mir zu lassen, nichts mitzunehmen, noch einmal von ganz vorne anzufangen. Ich frage mich gelegentlich selbst, woher ich den Mut und die Kraft genommen habe, und ob ich heute, jetzt, in diesem Moment, genauso entscheiden würde wie damals.

Und … ob ich meine Entscheidung zu gehen bisher auch nur ein einziges Mal, einen klitzekleinen Moment lang, bereut habe.

Mehr als dreiundzwanzig Jahre habe ich in dem alten Weinviertler Bauernhaus mit Otter und "Hintaus", das ich im Mai 1994 gekauft habe, gewohnt. Es war nie mein Traumhaus gewesen, lieber hätte ich ein Haus an einem See gekauft, allerdings fand ich trotz langen Suchens kein entsprechendes. Zu jenem Zeitpunkt war ich bereits knapp zwei Jahre auf der Suche nach einem Eigenheim im Grünen und zermürbt gewesen. Entmutigt von den unverschämten Lügen skrupelloser Makler, die das Blaue vom Himmel versprachen, angeschlagen von den jedes Wochenende wiederkehrenden Besichtigungen vermeintlicher Villen, die sich bei genauerer Betrachtung als Bruchbuden herausstellten, hoffnungslos ob den irrwitzigen Preisvorstellungen der Hausverkäufer. So müde, dass ich zu jener Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit sogar eine Blockhütte in den Bergen, einen alten Wohnwagen oder ein verrostetes, an der Donau vor Anker liegendes U-Boot gekauft hätte, wäre mir dies angeboten worden. Meine Kinder sollten eine unbeschwerte Kindheit am Land verbringen, inmitten anderer Kinder, von Natur und Tieren aufwachsen. Und ich redete mir ein, es würde sich nur um den Kauf eines Hauses handeln, mitnichten um eine lebenswichtige Entscheidung.

Und so kam ich, das Wiener Mädel, naiv, blutjung, voller Ideale, im dem schier unerschütterlichen Glauben an die Idylle des Landlebens, als „Zuagroaste“ in jenen bigotten, knappe achthundert Seelen, wenn man Gießkannen, Misthaufen und Postkästen dazurechnet, umfassenden Ort, welcher später von mir spöttisch als „das sündige Dorf“ bezeichnet wurde, und in dem ich letztlich dreiundzwanzig Jahre und drei Monate meines Lebens inmitten der doppelmoralischen Dorfgemeinschaft verbracht habe, ohne jemals gänzlich beheimatet, verwurzelt, gewesen zu sein.

Ein dreiviertel Jahr ist es her, dass ich Abschied genommen habe von meinem alten Haus, das ich nach all den Jahren, die ich in ihm gewohnt und mit ihm gelebt habe, gelernt habe zu lieben, und welches ich stets gleichzeitig auch hasste und für widerfahrenes Leid verantwortlich machte. In jenem Haus war ich unendlich glücklich und zutiefst verzweifelt, habe ich gelacht und geweint, geschwitzt und geblutet, getanzt und gesungen, getröstet und vorgelesen, geschrien und getobt, gelobt und kritisiert, vor allem aber eines – geliebt. Ich hätte mein Haus um nichts in der Welt hergeben wollen, aber auch nicht behalten, es hat mir Sicherheit gegeben und gleichzeitig Angst gemacht, in ihm habe ich unsagbar berührende Momente erlebt, aber auch tiefste Einsamkeit empfunden.

Es ist das Haus, in dem ich meine Söhne großgezogen habe und wir Ostern, Weihnachten, Silvester und Geburtstage gefeiert und sie Besuch vom Nikolaus bekommen haben, in dessen Garten wir Schneemänner gebaut und Schneeballschlachten gemacht, sie geschaukelt, Fußball und Federball gespielt und in der Sandkiste Kuchen gebacken haben, und welches ich unermüdlich und liebevoll, Zimmer für Zimmer, aus eigener Hände Kraft renoviert und verschönert, Fliesen von den Wänden geschlagen und neue verlegt, auf Knien rutschend Parkettböden verklebt, Tapeten von den Wänden gekletzelt, gespachtelt und in bunten, fröhlichen Farben ausgemalt, Kästen zerlegt und andere zusammen geschraubt, Mauern durchbrochen und Ytongwände aufgestellt, Holzdecken demontiert und Rigipsdecken verbaut und im Garten Bäume, Sträucher und Blumen gepflanzt, Hecken geschnitten, Rasen gemäht, Unkraut gezupft, Gartenzaun und Holzschuppen gestrichen habe und welches dennoch, trotz aller auf mich genommenen Mühen und meiner investierten Körperkraft, einmal abgesehen vom Finanziellen, nie ganz meines wurde.

Und in dem ich schließlich und endlich alleine zurückgeblieben bin, als meine Söhne flügge geworden und der Reihe nach auszogen waren, meine Ehe zerbrochen ist.

Dreiundzwanzig Jahre, drei Monate gelebtes Leben in einem Haus, das stets voller Leben gewesen war, von Kinderstimmen durchflutet, von Lachen und Weinen durchdrungen, ehe nur noch Erinnerungen übrig blieben, und unendliche Leere, unaushaltbare Stille.

Heute, im Hier und Jetzt, liege ich auf dem von mir liebevoll gepflegten Rasen, verscheuche eine Ameise, die auf meinem Unterschenkel krabbelt, blicke ehrfürchtig zum Himmel empor, sehe die weißen Schäfchenwolken vorüber ziehen, inhaliere bewusst den Duft des Sees, des Grases, der Blumen, der Bäume. Den Blick auf das Heile, das Gute, das Wahre, das Schöne gerichtet, dem Schicksal dankbar für mein bisheriges Leben. Es war gut.

Diesen Grund, auf dem ich in diesem besonderen Moment völlig entspannt und beinahe nackt im Gras liege, habe ich vor nicht einmal zwei Jahren zum ersten Mal betreten und in einem Bruchteil von Sekunden gewusst, dass ich mir hier, an diesem friedlichen Ort, mein Haus am See bauen lassen würde. Das Traumhaus, von dem ich mein Leben lang geträumt habe, in dem ich niemals einsam sein werde, auch wenn ich allein bin, in dem ich keine Angst kenne und tanze, lache, singe, schreibe, weine, feiere, vor allem aber eines – liebe. Und in dessen Garten ich Blumen und Bäume setze.

Ich habe meine Entscheidung, gegangen zu sein, bisher kein einziges Mal, nicht einen klitzekleinen Moment lang, bereut.

„Damals, damals – sagen die Leute,

damals, damals – war's besser als heute,

denn die Sterne, die war‘n noch Sterne.

Und der Winter, der trug sich noch weiß!

Damals, damals – sagen die Leute, damals,

damals – war's besser als heute.

Ein Ringelspiel war noch ein Ringelspiel.

Ja, die Zwerge waren klein und die Riesen noch groß!

Damals, damals – sagen die Leute – aber ich wünsch‘ mir mein Heute!“

(André Heller)

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