Planung ist etwas das uns als Spezies von den meisten anderen Lebewesen auf diesem Planeten unterschiedet. Wir haben eine Vorstellung wie die Zukunft sein wird und planen entsprechend. Aber was passiert, wenn das nicht mehr funktioniert?

Wenn wir heute von Singularitäten sprechen meinen wir typischerweise entweder schwarze Löcher oder aber die technologische Singularität. Im Falle der technologischen Singularität meinen wir damit einen Zeitpunkt ab dem es für uns Menschen nicht mehr möglich ist abzuschätzen wohin die Reise geht.

Um das zu verstehen müssen wir in die Vergangenheit blicken.

Hätte man einen Zimmermann im Jahre 1297 gefragt welche Werkzeuge ein Zimmermann braucht und was er tut, hätte man von praktisch jedem Zimmermann die gleiche Antwort bekommen und diese Antwort wäre für die nächsten 500 Jahre korrekt gewesen. Was man als Zimmermannslehrling lernte war auch noch wahr, wenn man alt war und es war noch immer korrekt für die Kinder, Enkel und Urgroßenkelkinder. Die Zukunft war absehbar, berechenbar, verlässlich.

Vergleicht man das mit einer Person die als Zimmermann im Jahre 1950 begann und 1990 damit aufhörte sieht die Sache fundamental anders aus. Wer stur an den Werkzeugen, Techniken und Herangehensweisen seiner Lehrzeit festhielt blieb auf der Strecke.

Das ist ein Problem das der mittelalterliche Zimmermann nur in einem minimalen Umfang hatte, dass wir heute aber haben und das mit jedem Jahr schwieriger wird. Mit jedem Jahr das vergeht wird es schwieriger abzuschätzen was die Zukunft bringen wird. Unser Zimmermann aus dem Jahre 1297 etwa hätte wohl vermutet, dass es auch in der Zukunft einen König geben wird, die meisten Menschen von der Landwirtschaft leben würden und es einmal im Jahrhundert einen gewaltigen Krieg geben würde und im Großen und Ganzen wäre er auch mit dieser Ansicht das nächste halbe Jahrtausend richtig gelegen.

Unsere Gesellschaft oder die Werkzeuge unserer Zimmermänner wären für ihn aber völlig unabsehbar gewesen. Im Jahre 1297 für das Jahr 1397 zu planen war entsprechend theoretisch möglich, im Jahre 1923 für das Jahr 2023 zu planen ist aber weitgehend unmöglich, weil wir näher an der Singularität sind.

Und das ganz ohne künstliche Intelligenz. Die generalisierte künstliche Intelligenz ist nur vermutlich der letzte Schritt der uns dann in die Singularität trägt.

Ab diesem Zeitpunkt ist dann jeder Tag so unabsehbar wie heute was in 100 Jahren sein wird.

Und das führt uns dann endlich zur sozialen Singularität. In einer Welt in der die Zukunft nichtmehr planbar ist bricht die Zivilisation zusammen. Zivilisation ist ein netter Begriff der aber am Ende des Tages nur beschreibt wie wir uns als Gruppen organisieren damit unsere Pläne für die Zukunft uns gegenseitig möglichst wenig beeinträchtigen und möglichst viele davon funktionieren.

Wo nicht geplant werden muss, etwa Gegenden in denen Jahreszeiten kein Faktor sind, gibt es weniger Planung, weniger Regeln und deswegen weniger Zivilisation.

Es ist daher naheliegend, dass irgendwann nach dem Zeitpunkt der technologischen Singularität eine soziale Singularität lauert die es völlig unmöglich macht vorherzusagen wie wir uns als Gruppen organisieren.

Und hierbei gilt es zu verstehen, dass wir uns vermutlich aus Sicht des Zimmermannes aus dem Jahre 1297 ohnehin schon längst in der Singularität befinden. Auf dem Weg dorthin sind wir seit dem ersten Werkzeug und die Geschwindigkeit hat sich seither stetig vergrößert.

Dieser Weg ist uns vorbestimmt, es gibt keine Chance diesem Schicksal zu entgehen, auch wenn die Technoprimitivisten und Technokonservativen das nicht wahr haben wollen.

Die Singularität ist, sofern wir weiterexistieren, eine Gewissheit, alles nach ihr ist völlig ungewiss. All die Streitereien rund um die Frage wie wir uns organisieren sollen werden noch zu unseren Lebzeiten unerheblich werden und wir werden vor völlig unabsehbaren Fragen stehen und zu Lösungen kommen die, genau wie der Akkubohrer für den Zimmermann aus dem Jahre 1297, magisch wirken werden.

Wenn wir irgendetwas aus der Geschichte lernen dann, dass uns diese neuen Möglichkeiten gleichzeitig näher an die totale Vernichtung bringen werden und wir es dennoch, trotz all unserer tierischen Dummheit, schaffen werden diese gefährlichen Dinge zu nutzen um eine bessere Welt zu schaffen, eine Welt die für unsere Vorfahren völlig unverständlich ist aber für die sie uns mit Sicherheit, obgleich sie ihnen unverständlich ist, unendlich beneiden würden.

Und ich denke dahin geht die Reise. Die soziale Singularität ist nicht das Ende, vermutlich ist sie sogar erst der Anfang.

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Matt Elger

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