Zum heutigen Weihnachtsfest ein Text, den ich für das lokale Pfarrblatt zum "Jahr der Barmherzigkeit", das die Kirche 2016 feierte, schreiben durfte. Frohe und erholsame Weihnachten an alle!

„Die Barmherzigkeit ist eine Eigenschaft des menschlichen Charakters, eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not und nimmt sich ihrer mildtätig an.“ Diese Definition bietet Wikipedia jemandem an, der sich auf die Suche begibt, was Barmherzigkeit wirklich bedeutet und wie sie sich mit den persönlichen und globalen Ereignissen des bald abgelaufenen „Jahres der Barmherzigkeit“ 2016 in Verbindung bringen lässt. Es geht also darum, das Herz für fremde Not zu öffnen. Doch welche Not genau? Hier hilft ein Blick auf die Etymologie, die Herkunft, des Wortes barmherzig. Das stammt nämlich vom althochdeutschen Wort armherzi ab, was eine Lehnübersetzung des lateinischen Begriffs misericors (miser „arm, elend“ und cor beziehungsweise cordis „Herz“) ist. Barmherzig ist daher jemand, der ein Herz für die Armen hat.

Nicht nur das Jahr der Barmherzigkeit neigt sich dem Ende zu, auch ist es schon über ein Jahr her, dass im September 2015 unzählige verzweifelte Schutzsuchende aus Kriegsgebieten in unser Land gekommen sind, in der Hoffnung auf ein besseres Leben. Daher möchte ich an dieser Stelle Ihnen und auch mir selbst die Frage stellen: Sind wir mit diesen Menschen barmherzig umgegangen? Haben wir in dieser Situation, in der tausende arme Menschen – um wieder auf die Wortdefinition zurückzugreifen – unsere Barmherzigkeit, unser Herz für die Armen benötigten, im Sinne einer der Grundtugenden unseres Glaubens, der Barmherzigkeit und Nächstenliebe, gehandelt?

Österreich als Staat, so viel steht fest, hat in jedem Fall dadurch seine Barmherzigkeit gezeigt, dass er im Verhältnis zur Einwohnerzahl deutlich mehr Flüchtlinge aufgenommen hat, als das Gros der EU-Mitgliedsstaaten. Doch darauf möchte ich nicht hinaus. Dieser Text soll auch kein Plädoyer für oder gegen die Grenzöffnung im September 2015, oder die weitere Aufnahme von Asylwerbern werden. Ich möchte hinterfragen, ob wir als Gesellschaft, als Menschen barmherzig gegenüber den Schutzsuchenden waren und sind, und vor allem, wie viel und was man von uns verlangen darf.

Wie oft hat man im vergangenen Jahr Sätze gehört wie: „Was geht uns das an, was da in Syrien passiert? Die sollen sich das dort ausmachen! Die arabischen Länder sollen die Flüchtlinge aufnehmen, das ist ja nicht unser Kulturkreis! Sind wir jetzt dann auch bald schuld, wenn in China ein Rad umfällt?“ Die Herrschaften haben vollkommen recht, natürlich können wir nichts dafür, dass in Syrien ein wahnsinniger Machthaber sein Unwesen treibt und der gesamt Nahe Osten – auch durch militärische Eingriffe der USA im vergangenen Jahrhundert – destabilisiert ist. Doch erlauben Sie, dass ich noch einmal auf den ersten Satz dieses Texts hinweise: „eine barmherzige Person öffnet ihr Herz fremder Not.“ Es liegt in der Natur der Barmherzigkeit, dass ich nicht für jenes Leid verantwortlich bin, das ich mildere. Sonst wäre das nicht Barmherzigkeit, sondern Wiedergutmachung oder Buße. Wenn ich einem Bettler auf der Straße begegne, bin ich auch nicht daran schuld, dass er hier am Boden sitzt und um jeden Euro bangen muss, während ich im Überfluss lebe. Trotzdem fühle ich mich als Christ, der ich bin, im Sinne der Barmherzigkeit bemüßigt, ihm eine Flasche Wasser zu kaufen oder einen Euro in den Becher zu werfen. Auch das geographische Argument, „Das sollen die Araber erledigen, das sind ihre Leute“, lasse ich nicht gelten. Denn Jesus hat die Nächstenliebe sicherlich nicht geographisch verstanden wissen wollen, sodass wir uns nur verpflichtet fühlen müssten, unserem Nachbarn in Berndorf den Rasenmäher zu borgen, wenn der Seinige den Geist aufgibt. Nein, für Jesus ist der Nächste jeder Mensch dieser Erde, wenn er an unsere Tür klopft und um unsere Hilfe bittet.

Für mich ist der Kern des christlichen Glaubens die Heilige Schrift. Denn durch Jesus Verhalten, in den unterschiedlichsten Situationen, haben wir hiermit einen einmaligen moralischen Kompass, der uns dabei helfen kann, im alltäglichen Leben, die richtigen Entscheidungen zu treffen. So lässt sich auch für dieses Thema, einiges von Jesus Handlungen ableiten. Er mischte sich stets unter die Armen und Kranken, beschäftigte sich mit jenen, die die Gesellschaft ins Aus gestellt hatte und ging auf die Geächteten wohlwollend zu. Er erwies also all jenen, denen gegenüber er barmherzig war, Respekt und Toleranz und behandelte sie wie alle anderen Menschen. Ich denke, daraus kann man unglaublich viel für unsere aktuelle Situation lernen. Nächstenliebe und Barmherzigkeit funktionieren nicht vom hohen Ross herab. Man muss vom Pferd absteigen und genau jene Menschen, die von anderen als Eindringlinge, gar Invasoren, Nichtsnutze, Taugenichtse und Schmarotzer abgestempelt werden, wie jeden anderen auch mit Respekt und Anstand behandeln. Dazu zählt für mich auch, diese Menschen, seien es nun Kriegsflüchtlinge, Wirtschaftsmigranten oder Bettler, als Individuen zu sehen und sie nicht, wie es leider viel zu oft passiert, alle in einen Topf zu werfen. Überlegen Sie, möchten Sie in einem anderen Land, egal aus welchem Grund sie dieses bereisen, als Schnitzel essender, skifahrender, Lederhosen-tragender Alpenbauer abgestempelt werden, oder ist es Ihnen lieber, wenn Sie von den Menschen dort nach Ihren persönlichen Eigenschaften und nicht nach den Klischees über Ihre Heimat beurteilt werden? Logischerweise sind unter den zigtausenden Migranten auch schwarze Schafe und Verbrecher. Diese sollten auch die volle Härte des Rechtsstaats zu spüren bekommen, dazu ist er ja da. Doch viele von Ihnen sind einfach auf der Suche nach einem besseren Leben, als jenem im Bombenterror von Aleppo, Damaskus und Co. Und sind wir mal ehrlich, das ist doch ein legitimer Wunsch.

Was darf man nun meiner Meinung nach von einem barmherzigen Christen in einer solchen Situation erwarten? In meinen Augen ist es unsere Pflicht, diesen Menschen, die Chance zu geben, die ihnen durch den Krieg in ihrer Heimat genommen wurde. Wir sollten ihnen mit Respekt begegnen, sie nach ihren persönlichen Eigenschaften beurteilen, wie wir es bei jedem Österreicher genauso tun, ihnen die Möglichkeit bieten, unsere Sprache zu erlernen und sich in unseren Arbeitsmarkt einzufügen. Kurz gesagt, sie integrieren. Ich möchte jedoch nicht unerwähnt lassen, dass Integration immer mit beidseitigen Verpflichtungen verbunden ist. Wie von uns erwartet werden kann, dass wir sie ihren muslimischen Glauben ausleben lassen, müssen die Flüchtlinge andersherum unsere Werte und den Rechtsstaat akzeptieren. Beide Seiten müssen sich bemühen, nur so kann der langwierige aber wichtige Prozess der Integration erfolgen. Flüchtlinge auszugrenzen, ihnen mit Missgunst gegenübertreten oder sogar gegen sie zu hetzen, treibt sie nur in die Hände radikaler Islamisten, die genau diese Spaltung in der Bevölkerung ersehnen und sich zunutze machen wollen. Das dürfen wir nicht zulassen. Der Begriff der Barmherzigkeit im Jahr 2016, ist für mich daher eng verbunden mit der fairen Chance zur Integration in die Gesellschaft.

1
Ich mag doch keine Fische vergeben
Meine Bewertung zurückziehen
Du hast None Fische vergeben
6 von 6 Fischen

bewertete diesen Eintrag

fischundfleisch

fischundfleisch bewertete diesen Eintrag 24.12.2016 23:44:22

3 Kommentare

Mehr von (B)Analytiker