Traumszenario Schulfach übers Essens: Ist Österreich bereit dafür?

Unter dem Titel „Schule des Essens“ wollen das Forschungsinstitut für biologischen Landbau und der Freiland-Verband ein neues Schulfach etablieren, so berichtete „Die Presse“ kürzlich. Derzeit läuft das Ganze als dreitägiger Workshop an der NMS Schopenhauerstraße und soll ab Herbst an zwei Wiener Schulen in die echte einsemestrige Pilotphase übergehen. Als ich davon gelesen habe, war ich extrem positiv überrascht. Besonders begeistert bin ich davon, dass die Initiatoren des Projekts das Thema Ernährung ganzheitlich betrachten: Nur das ist für mich sinnvoll. Das heißt für mich, weg von dem überholten Modell à la Hauswirtschaftsschule, in dem die Ernährungspyramide erklärt wird. Ja, das ist Teil davon, aber man muss sich auch über Landwirtschaft unterhalten, darüber, wie man Bauern unterstützen kann. Man muss den Kindern deutlich machen, dass es um Genuss und die lustvolle Zubereitung der Mahlzeiten geht. Das funktioniert eben nur, wenn die Kinder selbst kochen, selbst Kräuter ansetzen, man gemeinsame Exkursionen zum Bio-Bauernhof unternimmt – kurz, lustige, lustvolle Dinge macht. Alle anderen Ansätze sind zum Scheitern verurteilt. Sie sind schlicht und einfach zu fad.

Immer wieder wird die Frage gestellt, ob das Thema Ernährung wirklich in der Schule richtig platziert ist. Ich glaube ja. Die Schule kann in Sachen Essen eine große Rolle spielen. Vielleicht hat sie sogar mehr Einfluss als die Eltern. Ich denke dabei an meine eigene Schulzeit zurück: Vielen ist Latein in keiner guten Erinnerung. Mein Latein- und Altgriechisch-Lehrer hingegen war ein cooler Typ, der Latein zu meinem Lieblingsfach gemacht hat. Er hatte einen enormen Einfluss auf uns – und diese Erinnerung bleibt über. Deshalb steht und fällt das Thema Schulfach Ernährung für mich mit dem Personal. Es sollten coole, nette, lustige Leute unterrichten, die keine Religion daraus machen, sondern einen guten Lebensstil präsentieren. Das beste Beispiel ist Jamie Oliver: Nicht alles ist toll, was er kocht, aber er ist ein witziger Typ, die Kinder stehen Schlange bei ihm und er reißt einen Witz nach dem anderen. Wenn er dann Hummus isst und sagt, wie cool das schmeckt, dann hat sich im Ernährungsplan der Kinder schon ein gesundes Lebensmittel etabliert – ganz ohne erhobenen Zeigefinger.

Ich würde mir auch wünschen, dass Männer in dem Schulfach unterrichten. Erst dann kommen Burschen vom Macho-Bild weg, dass Essen nur etwas für die Frauen ist, die später kochen oder auf ihre Linie achten. Ich halte das für nicht unwichtig. Bei uns zuhause bekommt mein Sohn deshalb auch mit, dass auch der Vater kocht und das nichts Peinliches, sondern etwas Cooles, Kreatives ist, das Spaß macht.

Dass das Thema Essen in die Schulen gehört, das zeigen viele Länder wie Deutschland oder USA ja schon vor. Und auch wir haben öfters schon eine Initiative starten wollen, verstärkt in Schulen unterwegs zu sein. Wir haben dabei aber an eine Art Workshop gedacht. Dass es ein eigenes Schulfach übers Essen gibt, das ist ein reines Traumszenario. Eines, von dem ich nicht überzeugt bin, dass Österreich modern genug dafür ist. Betrachtet man das Bildungssystem in Österreich, dann ist das unglaublich starr und niemand rührt sich. Reformen werden regelrecht blockiert und das Alte mit einer Vehemenz bewahrt, dass ich fast für unmöglich halte, so etwas Exotisches wie Ernährung als Schulgegenstand zu etablieren. Ich befürchte, dass der Ansatz bald auf Workshops oder Erlebniswochen reduziert wird – so nach dem Motto: Im Juni darf eine Woche im Zeichen der Ernährung stehen. Ich hoffe, dass ich mit dieser pessimistischen Sicht im Unrecht bin. Denn eines ist klar: Das Schulfach übers Essen wäre unglaublich wichtig!

Die Initiatoren von „Schule des Essens“ in der NMS Schopenhauerstraße scheinen jedenfalls gut drauf zu sein. Hut ab vor ihrem Engagement und ihrer Hartnäckigkeit gegenüber der Gesundheitsstadträtin. Ob diese auch längerfristigen Erfolg bringen, wird sich im Herbst weisen. Ich würde es mir wünschen!

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Claudia Braunstein

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