Seine Karriere als Räuber - mit oder ohne Rose - läuft allerdings glänzend. Das Problem, das er mit vielen der Export-Gangster teilt, ist banal. Was soll man mit dem vielen Geld machen? Arkan ist auf Fahndungsphotos vieler europäischer Polizeibehörden und der Interpol abgebildet, was Investitionen außerhalb Jugoslawiens riskant, wenn nicht gar unmöglich macht. Im (noch immer) kommunistischen Jugoslawien besteht nur bedingt eine private Ökonomie. Deswegen „investieren“ die meisten bösen Jungs aus Jugoslawien in teure Autos, hauptsächlich der Marken BMW und Mercedes-Benz, manchmal auch ein bissigeres Modell aus italienischer Fertigung. Und in Schmuck aus Gold, Silber und Platin. Das ist eine tragbare Bank für Gangster, die jederzeit Behebungen in Bargeld ermöglicht. Selbst als der Kapitalismus ins sterbende Jugoslawien einsickert und die Gangster, Mitte der 80er Jahre beginnen ihre Beute in damals populäre Floßrestaurants am Ufer der Save, in Discotheken und andere Objekte mit Bargeldverkehr zu investieren, bleiben die Ketten, Ringe, Kreuze und Armbänder aus Gold Teil der Verbrecher-Folklore. In diesem Zusammenhang entsteht ein Wettstreit zwischen Arkan und Aleksandar Golubović a.k.a. Kristijan. Als in Zeitungen Fotos von Arkan mit einem Kreuz, das mitsamt Kette über 700 Gramm wiegt auftauchen, lässt Golubović ein Kreuz anfertigen, das 1.300 Gramm auf die Goldwaage bringt. Kein Reporter wagt zu fragen, woher das Geld für so viel Gold kommt, obwohl das ganze Land pleite ist. Und ob das Gold hochkarätig ist oder nur schön glänzt. Beide Fragen sind zu dieser Zeit so gefährlich wie heute Blasphemie in Pakistan.

Als die zweite Hälfte der 80er anbricht und Slobodan Milošević dem Thron Titos zum Greifen nahe ist, aber noch nicht darauf sitzt, beginnt die Kreation des Arkan, wie sie in die Geschichte des Balkans eingehen soll. Die Kamarilla des Diktators in spe, braucht eine politische Schlägertruppe, so etwas wie Hitlers SA, nur ohne Uniformen und ohne nachweisbare Verbindungen zum Milošević-Klüngel. Der richtige Mann für diesen Job ist schnell gefunden: Arkan. Das richtige Material findet sich von ganz alleine und freiwillig zusammen. Es sind die Hooligans des FK Crvena Zvezda Beograd (FK Roter Stern Belgrad). Arkan organisiert sie rund um einen dafür gegründeten Fanverein. Ganz nebenbei vertreibt er exclusiv Devotionalien und Gimmicks rund um den Roten Stern. Aus dem harten Kern der härtesten dieser Jungs bildet Arkan die „Srpska dobrovoljačka garda" (Serbische Freiwilligengarde). Diese Einheit wird aus „freiwilligen“ Spenden von Gangstern und Geschäftsleuten (was damals meist das Selbe ist) finanziert. So sichern die edlen Spender die ungetrübte Fortführung ihrer Tätigkeit. Der Geheimdienst stattet die Einheit mit einer Basis, Waffen und einer vom Rest der bewaffneten Formationen unabhängigen Logistik aus. Sie bekommen den Namen „Tigrovi“. Arkan selbst hört es am liebsten wenn man sie „Arkanovi Tigrovi“ (Die Tiger des Arkan) nennt. Doch im Volksmund, ganz besonders dem der Überlebenden ihrer Einsätze als Ethnienreiniger, heißen sie nur „Arkanovci“. Noch später wird aus den Tigrovi die berüchtigte JSO-Jedinica za specijalne operacije (Einheit für Spezialoperationen), die der Staatssicherheit direkt unterstellt ist und die 2003 den Regierungschef Dr. Zoran Đinđić ermordet.

Arkans Jahre als umherziehender Juwelenräuber, Ausbrecher aus europäischen Zuchthäusern und mutmaßlicher Dissidenten-Killer für die Staatssicherheit endet mit den 80-ern und geht nahtlos in die Karriere als Kriegsverbrecher und Pate von Serbien der 90er über. Trotzdem hat Ražnatović zwischendurch auch einen eigenen Fußballklub, den FK Obilić. Das ist jedoch nicht Protz oder Liebe zum Sport. Sondern ein blühendes Schwarzgeschäft rund um die Steuerhinterziehung bei Spielertransfers. Arkan und einige noch heute lebende Geschäftsmänner verdienen damals ihre ersten D-Mark Millionen. Ich merke gerade, dass ich dem Leser ein nicht unwichtiges Detail unterschlage: Schon seit dem Ende der 70er Jahre und ganz besonders im Todeskampf Jugoslawiens ist die D-Mark die inoffizielle Währung. Selbst der normalsterbliche Jugoslawe muss in D-Mark rechnen und zahlen, wenn eine größere Anschaffung, wie ein fast neues Auto - später auch nur die fast neuen Reifen für das alte Auto – ansteht. Auch viele Normalbürger, darunter Studenten, Familienväter und Pensionisten schmuggeln volkssportartig Markenjeans aus Triest oder Leder und Gold aus Istanbul. Später, auf dem Höhepunkt der Krise, als die Arbeiterselbstverwaltung kollabiert, schmuggelt der jugoslawische Norm-Mensch Kaffee, Speiseöl und Waschpulver. Auch hierbei ist die D-Mark die einzige Währung, die das auch während der Herrschaft des Slobodan Milošević bleibt.

Nun, am Anfang der 90er Jahre ist Arkan eines der Gesichter, die in serbischen Medien für den Rest des Jahrzehnts omnipräsent sind. Aus dieser Periode ist ein Ozean an Fotos bekannt, die ihn in verschiedenen Identitäten zeigen. Arkan wird zu einer polymorphen dramatis persona all dessen, was er selbst gerne wäre. Arkan als montenegrinischer Vladika (eine Art König der Montenegriner), Arkan als serbischer Offizier aus der Zeit des Ersten Weltkrieges, Arkan im Anzug als Kapitalist, Arkan als Warlord in der Uniform der Tiger, Arkan nochmal im Anzug als Politiker und sogar Arkan in einem Strickpullover, als Papa Željko, der etwas erfolgreichere Familienernährer aus Beograd. Im Jahr 1995, bei seiner spektakulären Hochzeit mit dem jungen Turbo-Folk-Sternchen Svetlana „Ceca“ Veličković (geb. 1973), die in ganzer Länge und Live im Fernsehen übertragen wird, legt Arkan einen Verkleidungs-Marathon mit einem halben Dutzend Umzügen hin. Zudem feuert er bei jeder neuen Verkleidung aus verschiedenen Waffen in die Luft. So wie fast alle Anwesenden. An diesem Tag wird wohl genug Munition verschossen um ein mittelgroßes bosnisches Städchen von Nicht-Serben zu „säubern“. Diese Luft-Ballerei ist der traditionelle Ausdruck von Freude, Trauer oder Protest bei balkanischen Mann-Tieren. Man nennt es „šenlučenje", was unübersetzbar ist aber so gut wie sicher aus dem Türkischen stammt und Freude oder Fest bedeutet.

Als 1991/92 der Kroatienkrieg beginnt, wird die Frontlinie zum Gangster-Paradies. Neben anderen kriminellen Günstlingen auf lokaler und regionaler Ebene bekommt auch Arkan und die Seinen vom Regime eine Lizenz zum Plündern. Sobald serbische Einheiten ein Gebiet erobern, beginnt die Verteilung der wertvollsten Beute. So bekommt Arkan Hektoliterweise Qualitätsweine und ganze Wälder hochwertigen Holzes als Beute. Die Weine verkauft er an Restaurants in ganz Serbien, das Holz findet seinen Weg sogar in so manches Nobelschlafzimmer in Deutschland. Zeugenberichten zufolge fließt aus den maroden Lastwagen oft so viel guter Wein, dass die gesamte „Autobahn der Brüderlichkeit und Einigkeit“ zwischen Vukovar und Beograd wochenlang nach Wein riecht. Die Tiger sichern die Beute, Arkans Firmen verteilen sie und schlagen sie in D-Mark um. Daneben darf Arkan am Schmuggel von Embargo-Gütern, wie Benzin, Erdöl und Waffen mitnaschen. Ein Casino, eine Zuckerbäckerei, Drogenhandel und – um die Liste abzukürzen – einfach alles, was illegal, halblegal und schein-legal in Serbien ist - Arkan steckt mindestens einen Finger hinein. Und ein erheblicher Teil der Beute wird „nach Oben“ durchgereicht, bis zum capo di tutti capi, Slobodan Milošević.

Auch wenn Arkan später in diesem Jahrzehnt nicht mehr der Kommandant der Tiger ist, bleibt seine Macht bestehen. Soweit heute bekannt, ist Arkan ein regelrechtes Organ des Regimes. Einerseits lässt man ihn seine Geschäfte tätigen und seine Popularität, den Reichtum und sogar politische Ambitionen genießen. Andererseits bedient man sich seiner Dienste, wenn es um Einschüchterung und Mord an politischen Gegnern geht. Oder um Geldwäsche. Oder das Eintreiben von „Spenden“ bei anderen Gangstern/Unternehmern. Woran Arkan in dieser Zeit noch verdient, wissen nur Teufel und Geheimdienst.

Nach dem Ende des Krieges in Kroatien und Bosnien gibt es außerhalb Serbiens nichts mehr zu plündern. Die Jagdgründe sind weg und ein Strom von Verbrechern fließt in das von der Regierungs-Kamarilla, vom Embargo und dem Schwarzmarkt ausgesaugte Land. Und es wird eng. Ganz besonders in der Hauptstadt. Der Anführer des Klans von Novi Beograd, Radoslav Trlajić, besser bekannt als „Bata Trlaja“, bringt es in einem Interview auf den Punkt: „Kleiner Tümpel, viele Krokodile ...“. Weil Arkan aber das größte Krokodil im Sumpf Serbiens ist und bleibt, wird das für ihn zum Problem. Er muss seine Geschäfte wieder auf Friedenszeit umstellen und kann das Land keinen Zentimeter weit verlassen. Das ist noch vor wenigen Jahren anders. 1990, am Vorabend des Krieges in Kroatien wird Arkan mit einigen Mitarbeitern von der kroatischen Polizei festgenommen. In seinem Wagen findet man ein kleines Arsenal an Kriegswaffen. Doch alle Beteiligten werden nach kurzer Zeit freigelassen und kehren wohlbehalten nach Serbien zurück. Der Hintergrund ist nicht restlos geklärt, aber es scheint sicher, das Geld eine, wenn nicht die Rolle spielt. Arkans Freiheit ist, so sagt man, dem serbischen Geheimdienst eine Million D-Mark wert. Wer auf der kroatischen Seite dieses Geld entgegennimmt und wofür es verwendet wird, ist bis heute unbekannt. Nur fünf Jahre später ist Arkan bloß eine Spinne, die von allen Seiten umzingelt ist. Der Kosovokrieg bietet die letzte Gelegenheit für einen kurzen und blutigen Beutezug. Doch Arkan profitiert nur wenig davon.

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