claudia.tabachnik@tmo.at claudia.tabachnik@tmo.at

Bei kleinen Kindern ist alles noch recht einfach. Wenn die Susi der Marlene in der Sandkiste das Küberl wegnimmt, wird sie gerügt. Die Mutter von Marlene hingegen, wird ihrer Tochter wahrscheinlich sagen, sie solle doch der Susi auch mal das Küberl borgen.

In der Kindergruppe wird der kleine Alex dazu angehalten, dem Neuankömmling Pawel oder Mohammed beim Deutschlernen zu helfen. Und sofern der kleine Alex halbwegs weltoffene Eltern hat, werden die das schön finden und der kleine Alex wird daheim stolz verkünden: der Mohammed kann schon auf Deutsch grüßen und sich vorstellen.

Überhaupt sagt man den lieben Kleinen so einiges. Man schimpft nicht, beleidigt nicht, geht Streit – wenn möglich – aus dem Weg. Die meisten Eltern bemühen sich um eine möglichst gute Erziehung und die Weitergabe guter Werte. Im christlichen Abendland, das ja oft zitiert wird, ist das z.B. eine friedliche Haltung („du schlägst nicht als Erster zu“), die erst aufgehoben wird, wenn es ans Eingemachte geht („aber wenn dich wer schlägt, schlägst du zurück“). Auch versucht man, als Elter die lieben Kleinen dazu zu erziehen, dass sie nicht vorverurteilen oder schlecht über andere reden. Weil es den meisten Eltern nicht gefallen würde, wenn sie beim Elternsprechtag hörten, dass ihr Schatzi das moppelige Mädchen aus der Nebenklasse – das mit der dicken Brille – beständig beleidigt, lächerlich macht oder sogar verletzt. Weil es ihm nicht zu Gesicht steht.

Ein Kind, das bereits im Kindergarten bei Ankunft des kleinen Mohammeds oder der kleinen Ayse verkündet, mit Ausländern nichts zu tun haben zu wollen, wäre den meisten Eltern irgendwie peinlich. Oder zumindest beklemmend. Lässt es doch Rückschlüsse auf das Elternhaus zu und wer will schon als Rassist dastehen? Oder als Mobbingmama?

Zu den Werten, die den lieben Kleinen gerne weitergegeben werden, gehört auch das oft strapazierte „selber denken“, nicht alles unhinterfragt aufnehmen, eigene Gedanken machen. Sowohl, was das Thema Religion angeht (die meisten Eltern geben an, ihr Kind selber entscheiden lassen zu wollen), als auch, was die Meinung über andere Menschen angeht.

Die meisten Eltern wollen ihre Kinder zu mutigen, starken, eigenverantwortlichen und positiven Menschen erziehen. Sie träumen von Kindern, die später mal für andere einstehen, auf die man sich verlassen kann, die Prinzipien haben.

Soweit das Wollen.

In der Umsetzung ist es komplizierter. Da steht die Sandra vor der ganzen Klasse auf und beschwert sich über die ungerechte Behandlung vom Paul. Oder der Paul diskutiert todesmutig mit dem Lehrer über Sinn und Unsinn einer Hausübung. Sollten die zwei Rebellen Glück haben, so ist ihr Lehrer ein Menschenfreund, der auch mit Kritik gut umgehen kann. Im anderen Fall wird der Sandra und dem Paul das Rebellieren durch schlechtere Noten und unfreundlichere Behandlung schnell wieder ausgetrieben. Hand auf´s Herz: Wie viele Eltern würden den beiden Kindern sagen, sie sollten sich nicht einschüchtern lassen? Und wie viele würden ihren Kindern Schweigen verordnen? Wenn es nämlich um einen ordentlichen Schulabschluss und Chancen geht, hört sich für viele der Spaß an der Rebellion – und sei sie noch so berechtigt - auf. Tschüss Prinzipien!

Oder die Sache mit der Religion. Was, wenn so ein selber-entscheiden Kind eines Tages heimkäme und verkündete, dass es jetzt bitte zum Islam konvertieren mag? Mit Moscheen-Besuch, Koran-Schule, also mit allem und scharf? Wie viele Eltern würden lange Gesichter ziehen und versuchen, da wieder raus zu kommen? Was würden diese Eltern den Kindern erzählen?

Weiter geht es mit dem Hänseln. Bei der kleinen, moppeligen Nebenklasslerin finden es Mama und Papa gar nicht schön. Warum? Weil man seine Mitmenschen nicht absichtlich kränkt. Hmm. Sollte ein Kind bereits in der Lage sein, Zeitung zu lesen oder in den sozialen Netzwerken zu surfen, wird es aber auch da haarig. Wieso darf man der Vicky aus der Nebenklasse nicht ins Gesicht pfeffern, dass sie a) eine fette Kuh b) völlig unnötig und unerwünscht und c) eh nur ein Versager ist, während es bei Flüchtlingen völlig ok ist, sie als Verbrecher, Schädlinge, Schmarotzer zu bezeichnen und ihnen sogar die Unterkünfte unterm Hintern anzuzünden?

Schimpfen, Pöbeln und Gewalt

Auch hier sind sich die allermeisten Eltern einig. Niemand will ein kleines Prollkind, das permanent schreit, spuckt und flucht und seine Meinung mittels Fausthieben in seine Mitschüler einarbeitet. Außerdem kenne ich keine Eltern, die sich wünschen, dass ihr Kind mal so eben die Schule abfackelt, weil es sich gegen ungerechte Behandlung wehren muss. Also Notwehr sozusagen.

Gleichzeitig sehen Kinder genau das in den Nachrichten und in der Zeitung. Und wo ist der Unterschied?

Es ist eine verlogene Welt, in der Kindern zwar in strengem Ton gesagt wird, was „gut und rechtschaffen“ ist, in der diese Rechtschaffenheit aber, sowie sie aufblüht, im Keim erstickt wird.

Es ist eine verlogene Gesellschaft, die zwar stolz erzählt, dass der Florian „so einen ausgeprägten Gerechtigkeitssinn“ hat, gleichzeitig aber gegen diesen Sinn interveniert, sowie es um schlechte Noten, Migranten, Geld, Homosexuelle, Andersgläubige oder alles zusammen geht. Gerechtigkeitssinn – ja, super, aber nur, wenn er den eigenen bereits durch Generationen verwässerten Gerechtigkeitssinn bedient. Nur, wenn der Florian keinen Nachteil daraus zieht. Nur, wenn man nicht Farbe bekennen muss.

Und es ist eine verlogene Politik, die über ihre verlängerten Arme den Kindern einredet, sie alle hätten gleiche Chancen und wären „selber ihres Glückes Schmied“, wenn ein paar Jahre später der Betriebswirt mit Familiennamen Öztürk auch nach der 131. Bewerbung kein Vorstellungsgespräch bekommt. Oder der 16jährige Dimitri bei einer ausgeschriebenen Lehrstelle anruft und nach Nennung seines Namens hört: „So etwas nehmen wir nicht“. Oder die Marlene, die unter einer gut eingestellten Epilepsie leidet, keinen Job bekommt, weil sie ein zu großes „Risiko“ darstellt. Oder der Herr Aboudabi (Name frei erfunden) in dieser tollen Firma in Wr. Neustadt hört, dass die nie, nie, nie Schwarze aufnehmen. Er solle es nicht persönlich nehmen. Aber auch Sebastian, Klara und Christoph, die leider keine besonderen Leuchten in der Schule sind und es gerademal so durchschaffen, haben die Arschkarte gezogen. Steht ihnen doch ein Leben als unterbezahlte, dafür aber hart arbeitende Lohnsklaven bevor. Selber schuld, wenn sie von dem bisschen Geld nicht leben können. Kann halt nicht jeder Universitätsprofessor oder Arzt werden. Das Leben ist ungerecht. Oder?

In Werbebotschaften wünschen sich Unternehmen Leute mit „eigenem Schädel“, Querdenker, Visionäre und Menschen, die eine starke Haltung haben. In der Realität wird Querdenken oder Eigenschädelbenutzung oftmals mit Kündigung quittiert. Der Querdenker wird als Nörgler wahrgenommen, der eigene Schädel als stur und überhaupt hätte man dann doch lieber Leute, die nicht so viel denken und stattdessen einfach tun, was man ihnen sagt.

Kinder lernen durch Nachahmung, sagt man. Sie beobachten uns ganz genau und – Überraschung – merken den Beschiss. Wen wundert es da noch, dass einige von ihnen durchdrehen, niemandem glauben, Schulen abbrechen und der ganzen Gesellschaft den Mittelfinger zeigen? Wo sollen sie sich orientieren in dieser verlogenen Welt?

Bleibt nur zu hoffen, dass es stimmt, was der Flynn-Effekt verspricht. Nämlich dass jede nachfolgende Generation tatsächlich klüger ist, als die Vorherige. Und dass sie es aufgrund dessen besser machen. Amen.

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Steve Bushman

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fischundfleisch

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