Ein Plädoyer für die Greißlerin oder warum Frau A. gut für meine Nerven ist

Ich stehe im dritten Gang auf der rechten Seite des XXX-Mega-Supermarktes und verzweifle. „Bringst bitte was Süßes mit?“ hat die Tochter per SMS geschrieben und nun steh ich da. Zwei lange Gänge voll mit Gummizeug, Schaumware, Schokolade, Kekse, Kuchen, Pralinen, Schokotäfelchen, Zuckerzeug mit und ohne Überzug. Das Gummizeug blende ich gleich mal aus, das isst bei uns sowieso keiner. Der Rest ist immer noch kaum überschaubar. Ich verspüre den Drang, zu fliehen.

In der Abteilung für Milchprodukte ist es nicht besser. Welchen Käse soll ich nehmen? Hunderte Sorten liegen in den Regalen, im Ganzen und geschnitten, foliert, in Holzschachteln verpackt, in Rollen, in Scheiben, in Stückchen, in Plastikschälchen eingelegt. Hartkäse, Weichkäse, Streichkäse, Frischkäse, Frischkäse in Doppelrahmstufe, mit Nüssen, mit Feigen, mit Pfeffer, mit Kräutern oder ohne, in Salzlake, Sonnenblumen- oder Olivenöl eingelegt. Aus Österreich, Deutschland, Holland, Italien, Spanien, Frankreich oder Griechenland, im Sonderangebot, wenn man statt dem, was man braucht, gleich das Doppelte nimmt. Ich fange heftig an zu transpirieren – das wird nix mit „kurz einkaufen gehen.“

Eigentlich stehen auf meinem Zettel nur ein paar Dinge: Milch, Brot, Käse, Mineralwasser, Butter, Nudeln, Pinienkerne, Parmesan. Das müsste doch zu schaffen sein. Aber das Mineralwasser gibt´s in 750 ml Flaschen, in 1l, 1.5l und in 6er Gebinden. Mit Drehverschluss, mit Sportverschluss, in hohen, schlanken Flaschen, in kleinen, bauchigen Flaschen. Dazu noch in still, mild und prickelnd, mit Mineralien angereichert, nitratarm, magnesiumreich, aus der Urquelle, vom österreichischen, französischen oder tschechischen Berg. Meine Sorte in der 1.5 l Flasche ist grad im Angebot – das erleichtert die Sache ungemein.

Anders beim Brot. Das Brot, das ich wollte, gibt´s heute nicht mehr, dafür gibt´s Brot mit und ohne Roggen, Weißbrot, Mischbrot, Schwarzbrot, Fladenbrot, weiß oder Vollkorn, Wecken mit und ohne Körner, im Steinofen gebacken, im Holzofen gebacken, auf Lavastein gebacken, im konventionellen Backofen gebacken, von einem „echten“ Bäcker gebacken, geschnitten oder ganz, im Viertel, in der Hälfte, glutenfrei, eiweißreich. Es gibt das Fitness-Brot, das Wellness-Brot, den Kornwecken, das Gesundheits-Brot. Brot aus der Wiener Fabrik, Brot aus dem Mühlviertel, Brot aus Bayern, Brot aus Preußen, Brot vom örtlichen Bäcker und für die ganz Mutigen als Backmischung. Ich entscheide mich für das Brot vom örtlichen Bäcker, welches an der Theke in schönes, bedrucktes Seidenpapier eingewickelt wird. Wow, denk ich mir, während ich den halben, eingewickelten Brotlaib vorsichtig in den Einkaufswagen lege – sehr edel, aber für 4,80 Euro/kg ist das Seidenpapier echt das Mindeste, was man tun kann, um die Kunden bei Laune zu halten.

Bei der Butter dasselbe Schauspiel. Normale Teebutter, Biobutter, Heumilchbutter, gesalzene Butter, Joghurtbutter, Süßrahmbutter, Bauernbutter, streichfähig, extra-streichfähig, mit Rapsöl, Kräuterbutter, Knoblauchbutter, Zitronenbutter, Sonntagsbutter, Fasslbutter, Halbfettbutter, Butter im Becher, in der Packung, in der Folie, in der Rolle, der Tube und im Glas. Österreichische, deutsche, irische, französische Butter. Butter glutenfrei, laktosefrei oder vegan.

Obwohl ich nur mal „kurz“ ins Geschäft hüpfen wollte, komme ich erst nach einer guten Stunde wieder raus. Die Süßigkeiten hab ich mir gar nicht weiter angetan. Überfordert vom riesigen Angebot, habe ich mich umgedreht und bin ohne Schoki Richtung Kassa gelaufen.

Am Eck der Straße, die über ein paar Windungen zu meinem kleinen Häuschen führt, gibt´s einen Mini-Supermarkt. So einen, wie es ihn in den kleineren Dörfern am Land oft gibt. Dort bekommt man fast alles, aber nur in maximal drei Varianten. Nudeln: drei Sorten. Brot: drei Sorten. Waschmittel: zwei Sorten. Shampoo: drei Sorten (für normales, fettiges und coloriertes Haar). Zusätzlich kann man dort Zigaretten, Tabak und Lottoscheine kaufen sowie Pakete aufgeben und abholen. Frau A. checkt das. Ihr gehört der Laden. Was sie nicht hat, braucht man nicht.

Ich stehe also im Gang und schaue auf das Regal mit den Süßigkeiten. Es gibt (Ausnahmeregel!) 5 Sorten Schokolade, einige Kekssorten, Schwedenbomben, Manner-Schnitten und Schokobananen, Katzenzungen und drei Sorten Pralinen. Mein Blutdruck ist mittlerweile wieder gesunken, ich packe völlig zufrieden eine Packung Schwedenbomben sowie Manner-Schnitten ein und bin nach drei Minuten wieder draußen. Na bitte, geht doch.

Offenbar bin ich ziemlich einfach gestrickt. Ich mag es, wenn ein Laden überschaubar ist und mir nicht zu viele Wahlmöglichkeiten bietet. Liegt wahrscheinlich an meiner Kindheit, in der mich in Sachen Essen niemand gefragt hat, ob ich z.B. in der Früh: ein Ei, Eierspeis oder Palatschinken, Extrawurst, Schinken, Krakauer oder Polnische, Edamer, Gouda, Camembert, Lachs, Brombeer-, Erdbeer-, Marillenmarmelade, Nutella, Müsli oder Cornflakes will.

Nö. Ich bekam ein Butterbrot mit Erdbeermarmelade mit den Worten: „Hier ist dein feines Brot, nun iss mal!“ in die Hand gedrückt und war glücklich. Das ist so geblieben.

Nicht einmal im Urlaub wurde das Thema Essen besprochen. Wir fuhren immer in eine kleine Pension in der Steiermark. Dort gab es zu Mittag und am Abend für alle das Gleiche. Individualität konnte man maximal ausleben, indem man die Suppe wegließ. Oder den Nachtisch. Für mich war das ok.

Nicht falsch verstehen, ich finde es ganz super, dass ich Ziegenkäse im Speckmantel an Feigendialogen kriege, wenn mir der Sinn danach steht. Ich finde es grundsätzlich ganz toll, dass es ein breites Angebot an Waren gibt – schließlich sind Bedürfnisse und Geschmäcker ja bekanntlich verschieden. Nur mich erschlägt die Masse des Angebotes. Mich verwirren all die unterschiedlichen Verpackungen, Geschmäcker und Zutatenlisten für ein Lebensmittel. Ich bin überfordert, wenn ich drei Gänge voller Süßigkeiten vor mir sehe und lass es dann.

Aber macht ja nix, solange es den Mini-Supermarkt bei mir um´s Eck noch gibt. Ich hoffe nur, es gibt ihn noch lange und die Besitzerin, Frau A. haut nicht irgendwann den Hut drauf. Denn eines ist auch klar: Der Minisupermarkt kann mit den Großen nicht mithalten und in Wahrheit ist´s nur eine Frage der Zeit, bis der nächste Riesentempel ein paar hundert Meter weiter eröffnet und alle dorthin rennen. Dann kann die Frau A. mit ihrem Laden einpacken. Und ich mit meinen Nerven auch.

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