Ja, ich bin wahrscheinlich ein naiver Mensch und kann mit diesem Geschwurbel über Komplexität nichts anfangen. So hänge ich immer noch der Vorstellung nach, dass der Staatsapparat eine Art Dienstleister für das Volk ist, der dafür bezahlt wird, ihm die Organisations- und Verwaltungsarbeiten abzunehmen, sich um die Zukunft zu kümmern, vorsichtig mal etwas Neues nach Abstimmung zu wagen und dafür zu sorgen, dass das Erreichte Bestand hat und nicht verfällt.

Ich stelle mir dann oft vor, ich wäre Miteigentümer eines Wohnblocks und wir, die wir eigentlich nur gut und gerne und in Ruhe gelassen leben möchten, hätten eine Hausverwaltung beauftragt. Die wird gut bezahlt und soll sich um alles kümmern.

Tja, leider sind wir an eine besonders üble Hausverwaltung mit linksgrüner Ausrichtung geraten. Das konnten wir nicht ahnen, denn in ihrem Programm und Leistungsangebot von vor 15 Jahren las sich alles noch ganz gut. Aber mittlerweile sind die komplett durchgedreht. Leider fällt das den meisten meiner Miteigentümer nicht auf. Sie sind zu sehr mit anderen Dingen beschäftigt.

Es fängt schon mal damit an, dass unsere Hausverwaltung sich nicht um die Erhaltung der Bausubstanz kümmert. Alles verfällt immer mehr. Gleichzeitig fordert man immer mehr Geld und neues Personal. Wofür können wir nur ahnen. Die Projekte werden immer absurder. So baut man jetzt ein großes neues Gehege, um dort wilde Tiere anzusiedeln. Sogar einige Wohnungen hat man dafür eingerissen. Wozu soll das gut sein?

Man hat uns gesagt, dass langfristig die Mieter weniger werden und wir dann von dem sukzessiv aufgebauten Wildpark leben könnten. Einen Auftrag haben sie dafür nicht, aber sie machen einfach weiter.

Das Schlimmste ist, die Hausverwaltung hat irgendwann begonnen, sich in unser Privatleben einzumischen und uns zu überwachen. Wo kommt man denn dahin, wenn der Schwanz derart mit dem Hund wedelt? Diese Dienstleistungsheinis spielen sich als moralische Instanz auf und wollen uns vorschreiben, wie wir zu leben haben und was gut und was schlecht ist.

Sicher, in einigen Eigentümerversammlungen regte sich vorsichtiger Widerstand. Aber diese Hausverwalter sind mit allen Wassern gewaschen. Es gelang ihnen, einen Keil zwischen uns zu treiben und die Widerständler als unmoralische Nazis mit dunklen Absichten zu diffamieren. Seitdem herrscht Misstrauen. Mit mir sprechen viele schon gar nicht mehr.

Außerdem hat man uns Eigentümern zu verstehen gegeben, dass wir dumm und inkompetent sind. Sicher, vielleicht hätten wir eine bescheidene Vorstellung, was für unser gemeinsames Geschäft notwendig sei, aber unser Horizont sei notwendigerweise beschränkt. Die Hausverwalter würden drüber hinaus blicken und sähen eine komplexe, globalisierte Welt, die für Laien nicht zu durschauen sei. Viele meiner kritischen Miteigentümer sind darauf verstummt. Sie haben eingesehen, dass sie irgendwie provinziell sind und keinen Überblick haben. Man müsse eben vertrauen, sagen sie.

Ich habe das Gefühl, die Hausverwalter haben einige Miteigentümer korrumpiert. Sie haben ihnen Jobs gegeben, etwa in der Tierpflege oder der Überwachung, und sie abhängig gemacht. Klar, dass die sich nicht mehr über die katastrophalen Zustände aufregen.

In ein paar Wochen ist wieder Eigentümerversammlung, wo es um die Vertragsverlängerung geht. Ich würde dieses ganze, arrogante Verwalterbande am liebsten zum Teufel jagen. Aber damit gehöre ich einer Minderheit an. Die meisten hören auf das, was ihnen immer wieder gepredigt wird, dass die Zeiten schwierig sind, die Welt unüberschaubar, und dass die alten Vorstellungen und Ideen keine Bestand mehr haben. Da sagen sich die meisten Eigentümer: „Hui, da wollen wir mal vorsichtig sein und nichts riskieren. Es läuft zwar alles immer schlechter, aber noch läuft es und wir sollten zufrieden sein, eine so vorausschauende und kompetente Hausverwaltung zu haben. Zukunft kann halt nicht jeder“. Und so wird sich wieder nichts ändern. Der Schwanz wedelt weiter mit dem Hund.

Ja, so ungefähr stelle ich mir das politische Geschehen in diesem Land vor. Aber wahrscheinlich bin ich wirklich zu uneinsichtig und zu naiv, mir die komplexen Herausforderungen, die unser Hausverwalter souverän meistert, auch nur vorzustellen.

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