1 Prozent der Weltbevölkerung sitzt auf der Hälfte des gesamten Reichtums!

Mir fällt auf, dass die Wirtschaftswissenschaftler eines der wichtigsten, gesellschaftspolitischen Themen, die "Verteilungsgerechtigkeit" sehr stiefmütterlich behandeln. Der US-Ökonom Robert Solow sah im Kapitalismus eine "Flut, die alle Boote anhebt“ – weit gefehlt! Es liege es in der Natur des Kapitalismus, dass die Ungleichheit zu Beginn zunehme, dann aber, im fortgeschrittenen Stadium, zwangsläufig wieder abnehme. Jedoch scheint dieses fortgeschrittene Stadium noch nicht erreicht zu sein.

Das weltweite Vermögen hat um die 250 Billionen US-Dollar (1 US-Billion = 1.000 Milliarden!) und damit einen historischen Höchststand erreicht. In jedem Jahr konnte das Vermögen knapp fünf Prozent zulegen, im letzten Jahrzehnt sogar 68 Prozent. Weltweit stieg die Zahl der Millionäre um rund 10%. Der Global Wealth Report der Crédit Suisse sieht einen weiteren Anstieg von knapp vierzig Prozent für die nächsten fünf Jahre voraus. Dieser Vermögens-Segen kommt aber nur einem kleinen Bruchteil der Menschheit zugute.

1% der Weltbevölkerung verfügt beinahe über die Hälfte des gesamten weltweiten Reichtums. Die 85 reichsten Menschen der Welt besitzen zusammen so viel wie die gesamte ärmere Hälfte der Weltbevölkerung (3,5 Milliarden Menschen).

Während der französische Demokratiexperte, Politiker, Historiker und Publizist Alexis de Tocqueville im 19. Jahrhundert noch voller Begeisterung über die Gleichheit in den USA, der Neuen Welt, schrieb, sieht die Wirklichkeit heute im Land der Tellerwäscher und des amerikanischen Traums anders aus:

1% der US-Amerikaner besitzen 40% des Gesamtvermögens, vor rund 30 Jahren war es 30% . Die Schere zwischen Reich und Arm klafft immer weiter auseinander. Die Entwicklung des Einkommens eines durchschnittlichen US-Amerikaners stagniert hingegen seit dreißig Jahren.

Eine Studie kommt zu einem wenig schmeichelhaften Schluss: Die US-amerikanische Gesellschaft von 1774 war egalitärer (gerechter) als heute. Selbst wenn man alle Sklaven miteinbezieht.

Großbritannien ist mit über 100 Millardären das Land mit dem weltweit höchsten Superreichen-Anteil der Bevölkerung. Innerhalb von fünf Jahren konnten die 1000 reichsten Briten ihr Vermögen verdoppeln und besitzen mehr Vermögen, als 40 Prozent der britischen Bevölkerung.

Weiter unten auf der sozialen Leiter nahmen die Nachfrage nach Essensnotpaketen innerhalb des letzten Jahres um über 150% und seit drei Jahren um rd. 1400% zu.

Auch Deutschland erlebt eine regelrechte Schwemme an Reichtum. 2013 gab es in Deutschland rund 1,8 Mio. Dollar-Millionäre mit jährlicher Zunahme um über 200.000. Auch die Anzahl der Milliardenvermögen hat einen neuen Höchststand erreicht.

Der deutsche Armutsbericht gesteht ein, dass die reichsten 10% der Deutschen über 50% des Gesamtvermögens halten, während die untere Hälfte der Haushalte gerade einmal 1% hat. Laut einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) ist in keinem anderen Euro-Land das Vermögen so ungleich verteilt wie in Deutschland. 20% verfügen über gar kein Vermögen und 7% haben mehr Schulden als Besitz. Innerhalb des Landes herrscht zudem noch immer ein starkes Gefälle zwischen West und Ost, das durchschnittliche Vermögen der Ostdeutschen ist um mehr als die Hälfte niedriger als das der Westdeutschen.

Dass extreme Ungleichheit existiert, ist kaum zu leugnen. Für den US-amerikanischen Ökonomen Paul Krugman (Princeton Universität) ist das über 800 Seiten starke Piketty-Werk "Das Kapital im 21.Jh" eine schockierende Revolution unseres Verständnisses der Langzeitentwicklung der Ungleichheit. 15 Jahre lang recherchierte Thomas Piketty für sein Opus Magnum. Sein erklärtes Ziel war es, keine Annahmen und Theorien über Ungleichheit zu verkünden, sondern feste, belegbare Zahlen. Dafür analysierte er das Datenmaterial aus 27 Ländern über einen Zeitraum von bis zu drei Jahrhunderten. Seine akribische Recherche belegt zum ersten Mal auf Basis einer soliden wissenschaftlichen Grundlage das Ausmaß der Ungleichheit und ihre Entwicklung über längere Zeiträume.

Es gibt im Kapitalismus keinen natürlichen Prozess, der destabilisierende und ungleiche Tendenzen abmildert. Der vorübergehende Rückgang der Ungleichheit in den Jahren von 1945 bis 1970 sei nicht Ausdruck des Fortschritts des Kapitalismus oder einer strukturellen Reform, sondern einzig das Resultat des finanziellen und wirtschaftlichen Schocks der beiden Weltkriege gewesen. Für Piketty ist wachsende Ungleichheit das zwingende Resultat eines funktionierenden Kapitalismus. Vom fortgeschrittenen Kapitalismus vergleichbat einer "Flut, die alle Boote anhebt“, weit und breit keine Spur.

Piketty entgegenet seinen Zweiflern, wie der Financial Times, dass er alle seine Datensätze und Tabellen öffentlich zugänglich gemacht habe, um die Kontrolle seiner Ergebnisse zu ermöglichen. Zudem würden neue Studien die von ihm gefundenen Ergebnisse belegen, wobei er betont, dass seine Daten noch sehr zurückhaltend berechnet seien, weil sie die Auswirkung der Steuerflucht nicht berücksichtigen würden.

"Vermögensungleichheit" viel größer als "Einkommensungleichheit":

Piketty's weitere Erkenntnisse waren, dass die meisten Ökonomen bisher fälschlich davon ausgingen, dass die Einkommensunterschiede für das Ausmaß der Ungleichheit entscheidend seien.

Conclusio:

Nicht der eigene Verdienst und der eigene Lohn, kurz die eigenen Fähigkeiten und die eigene Leistung sind für den wirtschaftlichen Erfolg primär entscheidend, sondern das ererbte Vermögen, das noch dazu viel schneller wächst, als die Löhne. Die "Vermögensrendite" ist viel höher als die kaum steigende, daher stahgnierende "Einkommensrendite". Heute werden Menschen nicht mehr aus eigener Kraft Millionäre, weil heutzutage die Vermögensungleichheit weitaus stärker ausgeprägt ist als die Einkommensungleichheit.

Wir müssen uns daher völlig neue Konstruktionen im ERBRECHT überlegen, um auch eine größerer Verteilungsgerechtigkeit beim Vermögen zu erzielen, ein politisch heißes Thema, das niemand anfassen will. Es geht dabei jedoch nicht um die Häuselbesitzer, sondern um Euromillionäre.

Laut Piketty ist es fast zwangsläufig so, dass ererbter Besitz stärker dominiert und viel höhere Renditen abwirft, als erwirtschaftetes Einkommen. Die Kapitalrendite steigen also viel schneller an, als der Gewinn aus dem Leistungs-Einkommen (Löhne, Gehälter, etc..). Diese Ungleichheit ist zwar kein logisch zwingendes Gesetz, aber eine historische Realität.

Eine extreme hohe Konzentration des Erbvermögens zeichnet ganz Europa vom 18. Jahrhundert bis zum Ersten Weltkrieg aus. Der plötzliche Rückgang der Erbschaftsvermögen in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts hat seine Ursache in den beiden Weltkriegen. Seit 1945 nimmt aber die Bedeutung der Erbschaft wieder zu. In Frankreich stellte das ererbte Vermögen 1970 noch weniger als die Hälfte des Gesamtvermögens dar, jedoch heute liegt es bereits bei 70% und Tendenz weiterhin steigend. So bewegt sich auch die heutige Gesellschaft in Richtung der Erbengesellschaften und Familiendynastien.

Der zügellose Kapitalismus führt systeminhärent zu einer immer größer werdenden Ungleichheit, aber ein Vergleich verschiedener Industrieländer zeigt jedoch deutlich, dass unter entsprechenden politischen Rahmenbedingungen (Erbrecht, Vermögenssteuer, etc..) weniger Ungleichheit herrscht. Daher müssen wir mit Hilfe der Steuergesetze das wilde Tier im Kapitalismus und seine Gier zähmen. So sind die skandinavischen Länder nicht seit jeher egalitäre Länder, sondern sie sind es aufgrund politischer Prozesse geworden.

Ungleichheit muss nicht immer schlecht sein, entscheidend dabei nach dem Fairnessgedanken ist, ob sie rechtfertigbar ist.

Reichtum spielt eine bemerkenswert untergeordnete Rolle in der Glücksforschung. So hat zusätzlicher Reichtum ab 30.000 Dollar pro Jahr keinen Einfluss mehr auf das Wohlbefinden der Menschen. Und selbst in einem Zeitraum, in dem sich die Realeinkommen verdoppeln, ist unter der Bevölkerung kein weiterer Anstieg von „Glück“ zu verzeichnen.

Die Probleme innerhalb einer Gesellschaft entstehen nicht dadurch, dass die Gesellschaft nicht reich genug ist, sondern durch das Ausmaß der Unterschiede im Reichtum. Je gleicher der Reichtum einer Gesellschaft verteilt ist, desto gesünder ist diese und umgekehrt.

Die Rate der physisch Kranken, der Drogenabhängigen, der Analphabeten, der Schulaussteiger, der Inhaftierten, der Morde, der psychisch Kranken und der Übergewichtigen steht jeweils in direktem Zusammenhang mit der Ungleichheit der Gesellschaft. Gleiches gilt auch für die Höhe der Säuglingssterblichkeit, den Erfindungsreichtum, das Vertrauen der Menschen untereinander, die Angst, das Wohlbefinden des Kindes und nicht zuletzt die Lebenserwartung der Bevölkerung.

So offenbart die aktuelle Lebenserwartung Londons Schockierendes. Der Unterschied der Lebenserwartung zwischen Menschen, die in einem reichen, und denen, die in einem armen Viertel Londons geboren werden, beträgt knapp 25 Jahre.

Studien von British Medical Journal, Social Science and Medicine und The American Journal of Public Health bestätigen diese empirisch belegte Erkenntnisse. Aus den Studien folgt, dass das Erste, was man in einer Gesellschaft analysieren muss, wenn man so unterschiedliche Probleme wie Bildung, Gesundheit, etc. angehen möchte, die Gleichheit bzw. Ungleichheit ist. Studien belegen, dass nicht nur die unteren Schichten von geringerer Ungleichheit profitieren, sondern die gesamte Gesellschaft.

Was ist zu tun?

Wir müssen die Frage nach der Ungleichheit stärker in den politischen und gesellschaftlichen Fokus, in den gesellschaftlichen Diskurs rücken und statt Jammern entsprechende gesetzliche Maßnahmen dagegen einfordern. Zu stark hat sich das kapitalistische System in den Köpfen verankert, dass nur Ungleichheit der Motor für Fortschritt und Wachstum sei und das Gleichheit jegliche Leistungsmotivation verhindere. Blödsinn kann ich dazu nur sagen.

Mittlerweile betonen sogar schon eine Reihe anerkannter Ökonomen, dass zunehmende Ungleichheit negativ für das Wirtschaftswachstum (Nachfrageausfall) und Gift für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft ist. Und eine Studie des Internationalen Währungsfonds kommt zu dem Schluss, große Einkommensunterschiede können dem Wirtschaftswachstum schaden. Sogar eine Studie der Ratingagentur Standard & Poor’schließt sich dieser Einsicht an.

Es ist Zeit, das Thema der gerechten Vermögensverteilung wieder in das Zentrum des politischen Diskurses zu rücken. Gerade auch in Deutschland, das unter den westlichen EU-Ländern Spitzenreiter im Niedriglohnsektor ist. Vor wenigen Jahren handelte sich Deutschland damit sogar eine Rüge des Europarates ein, weil es seit Jahren gegen das in der Europäischen Sozialcharta verankerte Recht auf ein angemessenes Arbeitsentgelt verstoßen hatte.

(Quelle: http://www.hintergrund.de/201412213368/feuilleton/zeitfragen1/kapitalismus-und-soziale-ungleichheit.html)

Thomas Schoch/https://commons.wikimedia.org/wiki/User:Mosmas own work at http://www.retas.de/thomas/travel/india2007/index.html / Wikipedia

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