"Das Reich Gottes" (Carrere/Schmidtkunz OE1)

Emmanuel Carrere (bekannter frz. Schriftsteller und Filmemacher) erzählt in einem OE1-Talk mit Renata Schmidtkunz über sein neues Buch "Das Reich Gottes", (frz. "Le Royame" ) über das Urchristentum und bringt die Bibelstellen des neuen Testaments vom Römer Apostel Paulus und besseren Geschichtenerzählers Evangelist Lukas wieder neu zum Leuchten.

Carrère - Sohn russischer Eltern - war für einige Jahre ein sehr strenggläubiger Katholik und wandelte sich zum Agnostiker. Nunmehr versucht er zu ergründen, warum der Querdenker und Jude Jesus aus Galiläa unter Kaiser Tiberius in Jerusalem gekreuzigt es geschafft hat, aus einer kleinen, innerjüdischen Sekte eine 2000-jährige Weltreligion zu machen. Er vertieft sich in die Anfänge des Christentums fragt nach der Kraft, mit der es gelingt, an Dinge zu glauben, gegen die der Verstand rebelliert.

Mark Twain sagte einmal: "Glaube heißt, etwas zu glauben, wovon man weiß, dass es nicht wahr ist"

Die Bergpredigt vertritt eine revolutionäre Ethik , die den "Schwachen zum Starken" erklärt, "die Letzten werden die Ersten sein", "selig die Friedenstifter, sie werden Söhne Gottes genannt", die "Feindesliebe", die "Barmherzigkeit" oder "warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?", "den Reichen und Schlauen ist das Himmelreich verschlossen", etc . Eigentlich das Gegenstück zur "Aug um Aug, Zahn um Zahn" - Ethik des Alten Testaments.

Richard v. Weizsäcker meinte, dass die großen Konflikte der Zeit lösbar wären, wenn wir Menschen die Kraft fänden, persönlich und politisch gemäß der Bergpredigt zu handeln.

Unsere Existenz als Mensch hat 2 Dimensionen, erstens die Vernunft und zweitens das metapysisch jenseits der Vernunft Befindliche, Unbegreifliche in vielen Menschen spirituelle Gefühle weckende.

Wir leben in einer säkularen Zeit in Europa, wo die großen Volkskirchen immer mehr Mitglieder verlieren, Kirchengebäude leer stehen und viele Menschen sich als agnostisch oder atheistisch bezeichnen. Religionen sind eben dem Werden und Vergehen unterworfen. Das Christentum prägte bis die abendländischen Kultur, jedoch die großen Errungenschaften der Aufklärung und Menschenrechte sind keine genuin christliche Erfindung.

Von den beiden Freunden und Helden des Buches war Evangelist Lukas ein Jude aus Tarsus in der heutigen Türkei und Apostel Paulus ein geborener Grieche aus Antakya (ehemals Antiochien, heute Türkei).

Wissenschaftlich belegt lässt sich wenig über beide sagen. Was wir wissen, wissen wir aus den Schriften des sogenannten Neuen Testaments und von den Kirchenvätern. Als das Buch erschien, ist der Sohn der Historikerin Hélène Carrère d’Encausse, Gen.Sekretärin der "Academie francaise", in allen renommierten Talkshows des französischen Fernsehens aufgetreten, ein Bestseller in einem Land, das seit 1905 die Trennung von Staat und Kirche in der Verfassung verankert hat. Carrère gilt als einer der interessantesten und intellektuellsten französischen Schriftsteller der Gegenwart. Im genannten Buch verbindet er 3 Textsorten, Sachbuch/Roman und Autobiografisches. Mit Büchern wie "Limonow" (2012), "Alles ist wahr (2014) und "Amok" (2001) wurde er auch international bekannt , Jurymitglied bei Filmfestspielen von Cannes und Internationalen Filmfestspielen von Venedig. Er liebt Geschichten von Menschen mit "Widersprüchen" und Menschen, die ein "Ich" haben. Wäre er Maler, dann würde er Portraitmaler über Lukas und Paulus geworden.

Er lässt in seinem Buch die ersten Jahre nach dem Tod Jesu Revue passieren. Emmanuel Carrère fragt sich auch, wie Menschen an Dinge glauben können, die dem Verstand entgegenstehen und begibt sich auf die Fährte des Revolutionärs Paulus und des Intellektuellen Lukas, zwei prägende Gestalten des Christentums in der Zeit des Höhepunktes des vom Pragmatismus geprägten, Römischen Reiches. Unter Kaiser Theodosius wurde das Christentum nach Kaiser Konstantin ("Konstantinische Wende") zum Ende des 4. Jh.n.Chr. Staatsreligion.

Immer wieder zieht er Parallelen zum 21. Jahrhundert, gleicht damalige (Un-)Glaubenspraxis mit heutiger ab und füllt sein historisches Gerüst mit einem Nachdenken darüber, worin uns das Christentum mit seiner ungeheuren Umwertung der Werte ("die Letzten werden die Ersten sein", "Geben ist seliger denn Nehmen", etc.) noch heute berühren kann, egal ob gläubig oder nicht gläubig. An den Fragen nach den christlichen Werten, die dieser Roman auf wirft, komme heute niemand vorbei. Carrer bringt die Bergpredigt mit den Worten Jesu wieder zum Leuchten. Er unterscheidet a) Gläubige, b) Nichtgläubige (Agnostiker, Atheisten) und c) die sich beim Christentum nicht mehr ganz zu Hause fühlen, mit dem Glauben aber noch nicht ganz abgeschlossen haben. Zum Glauben gehöre auch immer wieder der Zweifel, jeder Gläubige zweifelt auch. Jedoch um spirituell empfinden zu können, komme man beim Glauben schwer vorbei. Evangelist Lukas meinte mit dem Reich Gottes nicht erst das Jenseits, sondern das Diesseits, bereits eine Dimension in dieser Welt. Die religiösen Riten und Traditionen binden viele noch ans Christentum. Er vergleicht zum Glaubensgehalt die Bibel auch mit den griechischen Mythen.

Keine wirkliche Antwort konnte der Autor auf die Frage finden, wie es möglich ist, dass das Christentum größte Weltreligion bis heute geblieben ist. Offensichtlich stecken in den Evangelien Erzählungen, die bis heute bei den zumindest gläubigen Menschen hängen geblieben sind.

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