Europa nach der Konferenz von Locarno (1)

Enrico Bergmann

Sieben Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges bemühten sich führende deutsche Politiker, auf friedlichem Weg eine Aufhebung der Besetzung des Rheinlandes und eine Lockerung der Versailler Verträge herbeizuführen. In der ihnen durch den französischen Botschafter in Berlin überbrachten Antwort stand, dass keine Vereinbarung getroffen werden könne, solange die Bedingungen zur Aufnahme Deutschlands in den Völkerbund, dem Vorläufer der Vereinigten Nationen (UNO), nicht bereinigt seien.

Aus der deutschen Stellungnahme ging hervor, dass man die Verknüpfung eines Westpakts mit Deutschlands Eintritt in den Völkerbund annehmen würde, allerdings unter der notwendigen Voraussetzung, dass zuvor eine Einigung über eine allgemeine Abrüstung getroffen werden könne. Deutschnationale Kreise forderten nämlich, die »Kriegsschuld-Klausel« (2) sei aus den Versailler Verträgen zu streichen, die Lösung Elsass-Lothringen-Frage müsse bleiben und die Besetzung Kölns durch die Alliierten sei sofort abzubrechen.

Im August antwortete Frankreich, mit dem vollen Einverständnis Großbritanniens, Deutschland müsse in einem ersten Schritt ohne Vorbedingungen dem Völkerbund beitreten. Die deutsche Regierung lenkte ein.

»An den stillen Wassern (des Lago Maggiore), die Locarno umspülen«, wie Winston Churchill schreibt, wurde ein erster Erfolg erzielt: Eine gegenseitige Friedensgarantie der fünf Mächte, Deutschland, Frankreich, Belgien, Polen und Tschechoslowakei.(3) Außer der Tatsache, dass die Konferenz auf dem neutralen Boden der Schweiz stattfand, war sie selbst natürlich nicht daran beteiligt. Dennoch erinnert der ausgeklügelte Mechanismus an ein Uhrwerk mit zahlreichen Komplikationen.

Churchill (zu jener Zeit britischer Finanzminister) beurteilt den Vorgang in seinen Memoiren als »ein in der Geschichte einmaliges Unternehmen«. Er sieht darin vermutlich den Kern des Westpaktes und, eigentlich, als die Vorwegnahme des Gedankens, den er in seiner Zürcher Rede vom 19. September 1946 bis zu seinem Zukunftstraum der Vereinigten Staaten von Europa weiterentwickeln sollte.

Hier sind also gewissermaßen ansatzweise schon Gedanken enthalten, wie sie später zum Nordatlantikvertrag bzw. der NATO und der Montanunion, EWG und EU führten. Einschließlich der Tatsache, dass die USA dabei eine Rolle spielen würden, aber ganz eindeutig unter Ausschluss der Oststaaten, für welche man ein Gegenstück, spiegelbildlich zum Westpakt in Form eines Ostpakts – an anderer Stelle auch »Ost-Locarno« genannt – erhoffte.

Welchen Weg haben nun aber die NATO und die EU eingeschlagen?

Die Frage muss doch erlaubt sein, ob die NATO und die EU nicht Hand in Hand zu weit gegangen sind. Was haben wir jetzt davon, dass man Russland brüskiert und in seinem »Vorgarten« eine Ausweitung gesucht hat. Haben sich die NATO und die EU übernommen?

(1) 5. bis 16. Oktober 1925

(2) In dieser (Artikel 231) heißt es:

„Die alliierten und assoziierten Regierungen erklären, und Deutschland erkennt an, daß Deutschland und seine Verbündeten als Urheber für alle Verluste und Schäden verantwortlich sind, die die alliierten und assoziierten Regierungen und ihre Staatsangehörigen infolge des Krieges, der ihnen durch den Angriff Deutschlands und seiner Verbündeten aufgezwungen wurde, erlitten haben.“ (diverse Quellen)

(3) Nach Churchill in »The Gathering Storm«: Schlichtungsverfahren zwischen Deutschland und Frankreich, Deutschland und Belgien, Deutschland und Polen, Deutschland und Tschechoslowakei, ferner solche zwischen Frankreich und Polen, Frankreich und der Tschechoslowakei.

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