In den Buchläden dominieren die schlauen Bücher der Lebenshilfe, mit einem Schuss Esoterik, weil ein bisserl Seele durchaus modern ist. Es gibt keine Kaffeekränzchen und keine Partys, bei denen sie nicht ausgetauscht werden. Diese weisen Aussprüche von weisen Personen, kurz und bündig, leicht zu merken: „Es ist was es ist, sagt die Liebe. Werde der, der du bist. Man sieht nur mit dem Herzen gut…“

Wenn also eh alle wissen, wie es geht, warum sind die Menschen dann nicht schon längst viel glücklicher?

Als ich das Gymnasium besuchte, erklärten uns die Lehrer noch eine relativ überschaubare Welt. Mechanistisch, deterministisch und kausal, also eine Welt, die von strikten Naturgesetzen regiert wird. Natürlich kannte man die Relativitätstheorie von Albert Einstein, aber die wurde im Physikbuch auf zwei Seiten beschrieben. Bezüglich der Quantentheorie war man sich in den 60er Jahren des vorigen Jahrhunderts an österreichischen Gymnasien offenbar noch nicht so sicher, ob sie wirklich stimmen kann. Dieses Weltbild, so scheint es mir, ist in vielen Köpfen noch immer gültig. Wir wünschen uns eine erklärbare Welt, die wir mit unseren Sinnen nachempfinden können, für deren Gesetzmäßigkeit es anschaubare Beispiele gibt.

Ich denke dabei an so etwas wie einen Fliehkraftregler, der an Traktoren bewundert werden konnte oder einen Quecksilber-Kippschalter, der bei Überhitzung den Strom abschaltete. Beide waren in ihrer mechanischen Funktion verständlich und ihre Wirkung nachvollziehbar.

Heute werden solche Steuerungen elektronisch vorgenommen. Irgendwo im Gerät ist ein Chip eingebaut, der diese Funktion übernimmt. Ein kleines, unscheinbares Plättchen, dessen Wirkungsweise nur noch dem Fachmann verständlich und halbwegs anschaulich ist.

Dieses Phänomen, dass wir mit Geräten hantieren, deren Funktionsweise dem laienhaften Anwender verborgen bleibt, betrifft aber inzwischen unser gesamtes Weltbild. Die Quantentheorie ist heutzutage die am gründlichsten überprüfte wissenschaftliche Theorie die wir je hatten. Ihre Anwendung steckt in Lesegeräten von Speicherelementen, also in CD-Playern, in Computern, in medizinischen Geräten, in Handys, in Fernsehern usw. Kaum ein User kann noch beschreiben, wie und warum diese Dinge funktionieren und das bringt eine nicht unerhebliche Entfremdung mit sich. Die Welt ist unübersichtlicher geworden. Um uns herum geschehen Dinge, die wir in ihrer Funktion und Wirkung nicht mehr abschätzen und verstehen können, oder auch nicht mehr verstehen wollen.

Das Fatale daran ist, dass sich die meisten Menschen daran gewöhnt haben, die Welt und das was uns umgibt, nicht mehr so genau zu verstehen. Wir kaufen ein Gerät, schalten es ein und es funktioniert. Kaum jemanden interessiert warum, wer es gebaut hat, welche Rohstoffe es enthält...

Ich habe den dringenden Verdacht, dass viele Menschen dieses Gefühl der Uninformiertheit, der Machtlosigkeit, aber auch der Hoffnung auf eine von irgendwo daherkommende Beglückung via Handy oder via Fernseher auf die Politik, auf ihre Lebensführung, auf die Erwartungen gegenüber der Welt übertragen.

So als müsste es eine Partei geben, die uns alle glücklich macht, so als müsste es eine esoterische Erkenntnis geben, mit der wir die Welt erklären können, eine Weisheit die alle Probleme dieser Welt beschreibt. Die aktuelle Wissenschaft sagt dazu ein ziemlich klares „Nein.“ Die Hoffnung auf die eine, alles erklärende „Weltformel“ gibt es nicht. Wer die Welt verstehen will, muss sich dieses Verständnis erarbeiten.

Die meisten Leser werden wohl die Tragödie „Faust“ von Goethe kennen und sich vielleicht an die Szene erinnern, in der er die Bibel übersetzen möchte.

Geschrieben steht: »Im Anfang war das Wort!«

Hier stock ich schon! Wer hilft mir weiter fort?

Ich kann das Wort so hoch unmöglich schätzen,

Ich muss es anders übersetzen,

und nach einigen Versuchen mit Worten wie Sinn und Kraft, kommt er zum Schluss.

Mir hilft der Geist! Auf einmal seh ich Rat

Und schreibe getrost: Im Anfang war die Tat!

Vielleicht eine von vielen Schlüsselstellen der Tragödie. Goethe preist darin die Tat als den Beginn dieser Welt. Und genau dieses „selbst tätig werden“ scheint uns abhandengekommen zu sein. Wir warten darauf, dass jemand etwas für uns tut. Uns einen Rat gibt, der uns glücklich macht, aber alle guten Ratschläge erfordern, dass wir etwas tun. „Erkenne dich selbst“ – eine Aufforderung die ziemliche Anstrengung erfordert, die Aufmerksamkeit und Mühe abverlangt. Mit Intellektuellen-Bashing ist da nichts zu gewinnen. Und eine solche Lebenseinstellung muss über viele Jahre geübt werden, um sie letztlich zur eigenen werden zu lassen.

G. Novak

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