Es gibt keine Wahrheit, aber wir brauchen sie.

Wenn Donald Trump etwas behauptet, etwa dass bei seiner Vereidigung vor dem Capitol mehr Menschen anwesend waren, als bei jener von Barack Obama, dann glaubt ihm das eigentlich niemand. Von den beiden Ereignissen gibt es Bilder, die man vergleichen kann und die widerlegen eindrucksvoll, was der Präsident behauptet hat. Das war zu Beginn seiner Amtszeit. Inzwischen gibt es zahlreiche solcher Fälle (Russland-Kontakte, die Prostituierte Stormy Daniels, die angeblichen Atomwaffen des Iran…) und die Welt, wir alle, nehmen inzwischen achselzuckend zur Kenntnis, dass der amerikanische Präsident eben lügt. Zwar wettert er selber immer wieder gegen die Fake-News der angeblichen Lügenpresse, aber glaubwürdige Präsidenten sehen eben anders aus.

Höchstwahrscheinlich haben auch andere Politiker nicht immer die volle Wahrheit gesagt, aber dass sie der dreisten Lüge überführt werden und weiterhin unangetastet im Amt bleiben, das ist eine Qualität der jüngeren Geschichte. Wolfgang Schüssel etwa, startete seine Kanzlerkariere mit der Lüge, dass er in die Opposition gehen werde, wenn er bei der Wahl dritter wird. Tatsächlich bildete er aber eine Regierung mit der zweitplatzierten FPÖ. Vor laufender Kamera darauf angesprochen, dass er die Unwahrheit gesagt habe, lautete seine knappe Antwort: „Ja, na und?“

Vor einigen Jahren noch, konnte man seine Meinung untermauern, indem man sich auf das Fernsehen berief. Die Bilder des Mediums schienen uns Garant für die Wahrheit, aber inzwischen wissen wir, dass auch Bilder gefälscht, falsch zugeordnet und nachgestellt werden. Glaubhafte Instanzen gibt es nicht mehr und wir, als Konsument der Nachrichten, haben kaum Chancen, Lüge und Wahrheit zu unterscheiden.

Philosophie und Naturwissenschaft erklären uns seit vielen Jahrzehnten, dass es diese eine, objektive Wahrheit gar nicht gibt, weil das was wir als Wahrheit erkennen immer durch unsere subjektive Wahrnehmung geprägt und gefärbt ist und jeder behauptete Besitz der „alleinigen Wahrheit“ die große Gefahr in sich birgt, zur Ideologie zu werden. Dies gilt insbesondere für religiöse Wahrheitsüberzeugungen.

„Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ Diese Frage stellte der Kommunikationswissenschaftler Paul Watzlawick im Jahr 1976, also vor 42 Jahren. Darin beschreibt er, wiesehr unsere Wirklichkeit von unserer Wahrnehmung und diese von unserem höchst persönlichen Erleben abhängig ist und inzwischen wissen wir von anderen Wissenschaften, dass alles was wir „zur Kenntnis“ nehmen, durch unser Zwischenhirn (Thalamus, Hypothalamus) gefiltert wird. Dort werden im Wesentlichen unsere Empfindungen ausgelöst, sodass wir ziemlich sicher sein können, dass all unsere Wahrnehmungen von unseren persönlichen Empfindungen gefärbt sind.

Es scheint also ziemlich naiv, eine beobachterunabhängige Wahrheit postulieren zu wollen, obwohl wir für unser alltägliches Handeln ein gewisses Maß an Dingen brauchen, die wir gemeinsam für wahr halten, um überhaupt miteinander reden und handeln zu können. Offenbar müssen wir ein gewisses Maß an substantieller Existenz unterstellen, um uns in dieser Welt zurecht zu finden. Siegfried J. Schmidt (Professor für Kommunikationswissenschaften an der Uni-Münster) schrieb dazu den Satz: „Es gibt keine Wahrheit, aber wir brauchen sie.“

Übrigens beantwortete schon Emanuel Kant die Frage, ob wir eine Chance haben, über die wahre Natur der Dinge und der uns umgebenden Welt irgendetwas zu erfahren, rundheraus mit Nein. „Erkennen der Wahrheit“ bezog sich in der Zeit der Aufklärung zumeist auf eine transzendente Erkenntnis und damals wie heute wurde unserem menschlichen Gehirn das Erfassen göttlicher Weisheit nicht zugetraut.

Wobei das mit der göttlichen Weisheit und vor allem dem behaupteten Alleinvertretungs-Anspruch der abrahamitischen (monotheistischen) Religionen das Problem aufwirft, dass nur einer dieser drei unterschiedlich beschriebenen Götter recht haben kann und tatsächlich liegen viele der großen geschichtlichen Konflikte in diesem Problem begründet.

Ein erster Ausweg aus einem solchen Dilemma wäre wohl, die Angelegenheit mit größerer Toleranz zu betrachten. Etwa in der Art, wie Lessing das in seinem „Nathan der Weise“ schon 1779, also vor rund 240 Jahren vorgeschlagen hat.

„Toleranz ist der Verdacht, dass der andere Recht haben könnte.“ Ein Zitat, das üblicherweise Tucholsky zugeschrieben wird und sich gerade in der heutigen Zeit größere Beachtung verdient hätte. Was wir einsehen sollten ist, dass die Wahrheit keine Endstation, sondern ein fortdauernder Prozess ist, der sich nur in Freiheit entwickeln kann. Das meine ich im Gegensatz zu der um sich greifenden Beliebigkeit, die leider auch tiefsitzender Intoleranz eine Berechtigung einräumt.

Wenn wir davon ausgehen, dass Menschen danach streben, eine möglichst zuverlässige und stichhaltige Wahrheit herauszufinden, an der sie ihr Verhalten ausrichten können, dann sollten wir erkennen, dass es sich bei der sehr überhöht eingeschätzten Wahrheit eigentlich um eine gesellschaftliche Übereinkunft handelt, der wir für einige Zeit folgen können, deren möglichen Wandel wir allerdings in Kauf nehmen sollten. Das bedeutet auch, dass wir uns bemühen sollten, jene Freiheit zu bewahren, in der diese sich möglicherweise ändernden Wahrheiten gedeihen und offen diskutiert werden können. Gesellschaften, die diese Offenheit in Frage stellen beginnen früher oder später in Dogmen zu erstarren und verlieren allem Anschein nach ihre Überlebensfähigkeit. Also ja, wir brauchen das Vertrauen in eine ernsthafte Wahrheit und sollten unsere Fähigkeit schulen, sie von heimtückischer Lüge zu unterscheiden. Diese ehrliche Suche nach Wahrheit sollte uns auch weiterhin einige Mühe wert sein.

g.novak

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