Else Feldmann 1884 – 1942

Else Feldmann ist eine jener Autorinnen, deren Lebensspuren vom Nationalsozialismus fast völlig ausgelöscht wurden. 1884 in Wien geboren, wächst sie gemeinsam mit einem „Schippel“ Geschwister in ärmlichen Verhältnissen auf. Als ihr Vater arbeitslos wird, bricht sie die Ausbildung zur Lehrerin ab und beginnt als Arbeiterin in einer Miederwerkstatt.

Wann sie journalistisch bzw. literarisch zu arbeiten beginnt, kann, da weder einen Nachlass noch Berichte von ZeitgenossInnen vorliegen, nicht verlässlich bestimmt werden.

Die erste bisher entdeckte Publikation, die Erzählung „Bettina und der Faun“, erschien am 5. Juli 1908 in der liberalen Wiener Tageszeitung „Die Zeit“.

In den folgenden Jahren macht sie sich vor allem mit sozialkritischen Reportagen aus den Armenbezirken Wiens und aus dem Milieu des jüdischen Proletariats, dem sie selbst entstammt, einen Namen.

Über ihren autobiografisch geprägten Romanerstling „Löwenzahn“ schreibt Felix Salten in der „Neuen Freien Presse“: „Eine Kindheit, steht da als Untertitel, und das Buch erzählt in der Ichform die Geschichte einer in Armut verlebten Kinderzeit. Ein kleines Mädchen wächst auf, in einer Armeleutewohnung der Großstadt. Einige Stuben, von Stickluft und Küchendunst erfüllt, in irgendeiner Mietskaserne, die wieder neben anderen Mietskasernen in einer der vielen traurigen Gassen steht, aus denen sich die sogenannten volkreichen Bezirke zusammensetzen. Wien? Ja, Wien. Aber nicht die Stadt der Wiener Literatur oder des Wiener Walzers oder des Wiener Frohsinns oder sonst eines typischen, hundertfach plakatierten Wiener Merkmales, sondern ein anonymes, eintönig graues, unendlich trübseliges Wien, ein Großstadtgefängnis, darin man gelebt haben, darin man heimisch sein muß, um zu erkennen, wie gut hier die Trostlosigkeit der Brigittenau und mancher elender Teile der Leopoldstadt getroffen ist. Es ist ein seltsames Buch, das man mit Schmerz und mit Entzücken liest und das man unweigerlich bewundert, das man bedingungslos liebt, wenn man es gelesen hat.“

Obwohl sie literarisch bzw. journalistisch sehr produktiv ist, bleiben ihr gesicherte finanzielle Verhältnisse zeitlebens verwehrt.

Ein weiterer Roman, „Der Leib der Mutter“ erscheint 1924 in der „Arbeiter-Zeitung“, 1931 in Buchform. Die Illustrationen stammen von Carry Hauser. In „Die Zeit“ schreibt Karl Markus Gauß am 12. November 1993 unter dem Titel „Vorstadtengel“ über den Roman: „Eine düster-genaue Sozialreportage und ein großer, expressionistischer Stadtroman, eine erschütternde Studie über das proletarische Wien und ein phantastisches Prosagemälde voll visionärer Szenen des Grauens – das alles ist ‚Der Leib der Mutter‘, ein Buch, das über sein Verbot, über die Ermordung der Verfasserin verlorengegangen war und jetzt aus bald sechzigjähriger Verschollenheit neu aufgelegt wurde.“

Wenige Tage bevor in Deutschland Reichspräsident Hindenburg am 30. Jänner 1933 Hitler zum Reichskanzler ernennt, gründet sie in Wien gemeinsam mit Max Winter, Luitpold Stern, Theodor Kramer, Marie Jahoda, Käthe Leichter und einer Reihe weiterer AutorInnen die „Vereinigung sozialistischer Schriftsteller“. In der kuren Zeit ihres Bestehens entwickelt sie eine engagierte antifaschistische Tätigkeit. Die zwangsweise Auflösung der Vereinigung erfolgt, nachdem das Parlament ausgeschaltet und die Parteien und Organisationen der Arbeiterbewegung im austrofaschistischen Ständestaat verboten sind, bereits nach etwas mehr als einem Jahr, im März 1934.

In „Martha und Antonia“ erzählt sie die berührende Geschichte zweier Schwestern, die zur Zeit der „Belle Epoque“ im Vorstadtmilieu Wiens um ein menschenwürdiges Überleben kämpfen. Einen Tag vor Ausbruch des Österreichischen Bürgerkrieges am 12. Februar 1934 veröffentlicht die „Arbeiter-Zeitung“ die 78. Folge des Romans. Die restlichen Kapitel gelten seither als verschollen.

Als am 12. März 1938 die Deutsche Wehrmacht Österreich besetzt, ist es für sie auch mit d. wenigen Veröffentlichungsmöglichkeiten in der Zeit des Austrofaschismus vorbei und ihr Werk wird von den NationalsozialistInnen auf die „Liste des schädlichen und unerwünschten Schrifttums“ gesetzt.

Nach der Deportation ihres Bruders Heinrich nach Riga und dem Ende ihrer Schwester Anna in der Euthanasieanstalt Schloss Hartheim wird ElseFeldmann am 14. Juni 1942 von der Gestapo abgeholt und im Vernichtungslager Sobibor ermordet.

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