Die Verharmlosung der NS‑Zeit und des Holocaust ist kein neues Phänomen in Europa. Ein besonders drastisches Beispiel lieferte Jean‑Marie Le Pen, der Gründer des französischen Front National. Als er 1987 im Fernsehen erklärte, die Gaskammern seien „ein Detail der Geschichte des Zweiten Weltkriegs“, löste das einen landesweiten Skandal aus. Der Vorwurf der Holocaust‑Relativierung stand im Raum, und genau dafür wurde Le Pen verurteilt.
Das höchste französische Gericht, der Cour de Cassation, bestätigte das Urteil 1997. Doch Le Pen wiederholte die Aussage – und wurde 2005 und 2008 erneut verurteilt. Jede Wiederholung war nach französischem Recht eine neue Straftat.
Eingangstor des KZ Auschwitz I (Stammlager) - Wikimedia Von Dnalor 01 - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0 at, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=26547566
Diese permanente Grenzüberschreitung führte dazu, dass seine Tochter Marine Le Pen eine regelrechte Parteirevolution einleitete. Sie übernahm 2011 die Macht im Front National, schloss ihren Vater 2015 aus der Partei aus und benannte sie 2018 in Rassemblement National (RN) um. Ziel war die „Dédiabolisation“, die Entdämonisierung der Partei, um den toxischen Ruf ihres Vaters abzuschütteln.
Seitdem erreicht der RN regelmäßig in der Stichwahl der Präsidentschaftswahlen gute Ergebnisse – ein Zeichen dafür, dass die französische Gesellschaft zwar eine harte Rechte akzeptiert, aber klare Grenzen zieht, wenn es um die Verharmlosung des Holocaust geht.
Die AfD und der deutsche Weg
In Deutschland zeigt sich ein anderes Bild. Die AfD ist in ihrer Struktur und Rhetorik deutlich radikaler und bedient ein breites Spektrum geschichtsrevisionistischer Aussagen. Alexander Gauland sprach 2018 auf dem Kyffhäuser‑Treffen davon, Hitler und die Nazis seien „nur ein Vogelschiss in über 1.000 Jahren deutscher Geschichte“. Bereits 2017 hatte er erklärt, man müsse „stolz sein auf die Leistungen deutscher Soldaten in zwei Weltkriegen“ – ohne die systematischen Kriegsverbrechen der Wehrmacht, etwa die Massaker von Oradour‑sur‑Glane 1944 in Frankreich oder Lidice 1942 in Tschechien, überhaupt zu erwähnen.
Denkmal der Kinder von Lidice, 2001 - Wikimedia CC BY-SA 3.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=128100
Björn Höcke, der ideologische Kopf des radikalsten AfD‑Flügels, ging noch weiter. 2017 bezeichnete er das Holocaust‑Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ und forderte eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“. Seine Rede von einer „tausendjährigen Zukunft“ und seine biologistische Sprache – etwa „afrikanische Ausbreitungstypen“ – zeigen eine Nähe zu NS‑Semantik und Rassenideologie, die selbst in der europäischen extremen Rechten selten so offen formuliert wird.
Parallel dazu versucht die AfD, den Nationalsozialismus ideologisch umzudeuten. Beatrix von Storch erklärte mehrfach, der Nationalsozialismus sei „Sozialismus“ oder „eine sozialistische Ideologie“. Alice Weidel sprach im Bundestag 2018 von einer „sozialistischen Diktatur“. Tino Chrupalla wiederholte das Narrativ in mehreren Reden und Interviews. Die Behauptung „Hitler war ein Sozialist“ ist historisch falsch, aber politisch funktional: Sie soll die NS‑Verbrechen rhetorisch der politischen Linken zuschieben und die eigene rechte Ideologie entlasten.
Der internationale Schaden dieser Rhetorik zeigte sich 2024, als AfD‑Spitzenkandidat Maximilian Krah erklärte, nicht jeder SS‑Mann sei ein Verbrecher gewesen. Die Waffen‑SS ist durch die Nürnberger Prozesse eindeutig als verbrecherische Organisation verurteilt worden. Diese Relativierung überschritt selbst für europäische Rechtsparteien die rote Linie. Marine Le Pens RN warf die AfD umgehend aus der gemeinsamen Fraktion im EU‑Parlament. Andere Parteien wie Vox, PiS und Fidesz folgten. Die AfD wurde europaweit isoliert.
Damit zeigt sich ein klarer Unterschied: Während Frankreich seine rechtsextreme Partei gezwungen hat, die historische Verantwortung anzuerkennen und sich von Holocaust‑Relativierungen zu distanzieren, erlebt Deutschland eine Partei, die die NS‑Zeit relativiert, Tätergeschichte umschreibt und die Erinnerungskultur offen angreift.
Die AfD ist zu radikalisiert, zu russlandfreundlich, zu geschichtsrevisionistisch und zu toxisch, um selbst für andere extrem rechte Parteien in Europa als Partner infrage zu kommen. In Deutschland hingegen ist diese Rhetorik wieder salonfähig geworden – ein alarmierendes Zeichen dafür, wie brüchig die historische Verantwortung geworden ist. Aber was wissen wir deutschen schon, wir waren ja nur Täter...
Wie unsere Partner und Kunden im europäischen Ausland auf eine solche Alternative reagieren werden, wenn schon die europäische extreme Rechte auf Distanz geht, mag man sich nicht vorstellen.