Entschleunigung und Reduzierung auf das Wesentliche: Cassandra Wilson ist tot.

Die Sängerin Cassandra Wilson ist vor wenigen Tagen verstorben. Sie wurde nur 70 Jahre alt. Geboren 1955 in Jackson/Mississippi als Tochter eines Jazzmusikers und einer Lehrerin lernte sie bereits früh Klavier und Gitarre und komponierte eigene Lieder, die sie im Stil einer Songwriterin vortrug. Dennoch absolvierte sie zunächst erfolgreich ein Studium der Kommunikationswissenschaften, bevor sie über eine kurze Zwischenstation in New Orléans 1982 nach New York ging. Dort traf sie auf den Saxophonisten STEVE COLEMAN, der eine Gruppe progressiver und experimentierfreudiger Jazzmusiker unter dem Namen „M-Base Collective“ leitete. Für Wilson war diese Band mit ihrer rhythmisch vertrackten Musik, mit Hip-Hop- und Funk-Einflüssen der Start ihrer Musikerkarriere. 1985 erschien eine gemeinsame CD („New Good Time Fairies“)

Scott Penner: Cassandra Wilson beim Bluesfest in Ottawa (2008) • wikipedia

Der musikalische Durchbruch erfolgte 1993 mit dem Wechsel zum renommierten Jazz-Label Blue Note. 1993 und 1995 veröffentliche Cassandra Wilson zwei vielbeachtete und bahnbrechende Alben: „Blue Light ’Til Dawn“ und „New Moon Daughter“. Letzteres, für das es einen Grammy für das beste Jazz-Gesangsalbum gab, gilt bis heute als ihr Meisterwerk. Der Klang des Albums ist herausragend. Die Musik ist reduziert auf das Wesentliche, oft nur Percussion und akustische Gitarren. Die knarzige Resonator-Gitarre von CHRIS WHITLEY verstärkt die Wirkung der Blues-Stimmung und -Stimme. Man möchte in die Lautsprecher hineinkriechen, wenn Wilson ROBERT JOHNSONS „32-20“ oder SON HOUSE’ „Death Letter“ bis auf die Essenz zerlegt. Mehr Entschleunigung und Reduzierung geht nicht.

• CASSANDRA WILSON: „32-20“ [Robert Johnson] • Album: „New Moon Daughter“ • 5:24

• CASSANDRA WILSON: „Death Letter“ [Son House] • Album: „New Moon Daughter“ • 4:15

1999 folgte mit „Traveling Miles“ ihre Hommage an Miles Davis.

• CASSANDRA WILSON: „Run The Voodoo Down“ • Album: „Traveling Miles“ • 4:36

Bereits 2015 erschien ihr letztes Album, das sie BILLY HOLIDAY widmete. Auch auf „New Moon Daughter“ gedachte Wilson dieser großen Jazzinterpretin, die "Strange Fruit", das Protestlied gegen rassistische Lynchmorde in den Südstaaten, 1939 berühmt gemacht hat.

• CASSANDRA WILSON: „Strange Fruit“ • Album: „New Moon Daughter“ • 5:35

Im gleichen Jahr ihres letzten Albums zog sie zurück in ihre Heimatstadt Jackson, wo sie nun elf Jahre später starb.

• CASSANDRA WILSON: „Last Train To Clarksville“ • Album: „New Moon Daughter“ • 5:16 • Ja, es handelt sich in der Tat um den alten Hit der Monkees von 1966!

Cassandra Wilson gilt in den Medien als Jazzsängerin. So titelt auch DER SPIEGEL am 3.9.2026: „Jazzsängerin Cassandra Wilson ist tot.“ Im gleichen Artikel wird der Musiker JON BATISTE zitiert, „Wilsons Stimme habe wie der Süden der USA geklungen.“ [1] Wer die tiefe, weiche Altstimme von ihr einmal gehört hat, wird dem zustimmen.

Doch aus dem Süden der USA kommt nicht nur der Jazz, sondern auch der Blues. Wilson ist stimmlich keineswegs in die Schublade „Jazz“ einzuordnen. Sie kann ebenso als Bluesmusikerin gelten, zumal sie zahlreiche Klassiker des Delta-Blues vertont hat.

„Ihre dunkle Altstimme war nicht einfach tief. Sie hatte Gewicht, ohne sich aufzudrängen. Sie konnte hauchen, erzählen, eine Melodie beiläufig umkreisen oder einen Ton so lange stehen lassen, bis aus einer schlichten Phrase Geschichte wurde.“ [2]

Cassandra Wilson war von Anfang an mehr als eine klassische Jazz- oder Bluessängerin. Sie hat alle diese Elemente neben vielen anderen in sich aufgenommen und mit ihrer Stimme etwas Eigenes daraus gemacht. Mit einer Stimme, „die wusste, dass Musik niemals nur aus Tönen besteht.“ [2] Und das hat Cassandra Wilson einzigartig gemacht.

• CASSANDRA WILSON: „Redbone“ • Album: „Blue Light ‘Til Dawn“ • 5:36

• CASSANDRA WILSON: „I can’t stand the rain“ • Album: New Moon Daughter“ • 5:29

• CASSANDRA WILSON: „Don’t Explain“ • Album: „Coming Forth By Day“ • 2015 •4:32

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"Jackson hat eine außergewöhnliche Tochter der Stadt verloren, und die Welt eine einzigartige musikalische Stimme.“(John Horhn, Bürgermeister von Jackson [3])

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Grüße gehen raus an @berridraun. Sie war heute etwas schneller als ich und hat bereits einen Gedenkblog für Cassandra veröffentlicht. https://www.fischundfleisch.com/berridraun/the-jazzy-queen-is-dead-93155 Aber wenn es zwei Blogs für DOLLY PARTON gibt, dann wird es wohl mindestens zwei derselben für CASSANDRA WILSON geben dürfen. Gerne auch einen Dritten…

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[1] https://www.spiegel.de/kultur/musik/cassandra-wilson-ist-tot-jazz-saengerin-im-alter-von-70-jahren-gestorben-a-4b264dd0-a771-4383-888e-f9df04f1e891

[2] https://www.jazzzeitung.de/cms/2026/09/im-offenen-gelaende-zum-tod-von-cassandra-wilson/

[3] https://laut.de/News/Cassandra-Wilson-US-Jazz-Saengerin-mit-70-gestorben-03-09-2026-21933

https://laut.de/Cassandra-Wilson

https://laut.de/Cassandra-Wilson/Alben/New-Moon-Daughter-38117

https://www.jazzthing.de/news/2026-9-4-rip-cassandra-wilson/

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