Feuerwerk, Sterne und Geister jagen

Am heutigen 4. Juli sind die Farben Rot, Weiß und Blau Trumpf. Zumindest in den USA, wo zum 246. Mal der Tag der Unabhängigkeit („Independence Day“) gefeiert wird. Da gibt es allerorts viel Feuerwerk und noch mehr Stars and Stripes. Und sicherlich tauchen auch die Geister der Vergangenheit wieder auf, jene Männer der ursprünglich 13 britischen Kolonien, die Ende des 18. Jahrhunderts um die Unabhängigkeit ihres Landes gekämpft haben und sich, wenn auch noch mitten im Krieg um eben jene Unabhängigkeit, am 4. Juli 1776 zusammenschlossen und die von Präsident THOMAS JEFFERSON verfasste Unabhängigkeitserklärung unterzeichneten.

Die Vereinigten Staaten von Amerika waren gegründet.

Die Flagge der USA („Stars and Stripes“) besteht aus 7 roten und 6 weißen Streifen, symbolhaft für die 13 Gründungsstaaten, und im linken oberen Feld seit 1960 (mit der Aufnahme Hawaiis als 50. Bundesstaat) aus 50 Sternen. Dieses sternenbesetzte Banner („Star-Spangled Banner“) ist seit 1931 die offizielle Nationalhymne der USA. Wie bei vielen Hymnen wird textlich nicht gekleckert, sondern ordentlich geklotzt. Da ist von in der Luft explodierenden Bomben die Rede und der Raketen grelles, rotes Licht, wo nach gefahrvollen Kämpfen am Ende des Tages das Banner noch weht, „über dem Land der Freien und der Heimat der Tapferen“. Man muss so etwas sicherlich aus seiner Zeit heraus verstehen...

Jedenfalls ist der 4. Juli ein amerikanischer Feiertag, an dem der Patriotismus ganz groß geschrieben wird.

Das Gemälde "Flag" von JASPER JOHNS Jasper_Johns's_'Flag',_Encaustic,_oil_and_collage_on_fabric_mounted_on_plywood,1954-55

Dementsprechend haben sich viele Musiker dieses Themas angenommen. Es gibt zahlreiche Songs, die das Datum des 4. Juli bereits im Titel tragen, z.B. von AMY McDONALD, BRUCE SPRINGSTEEN oder von SOUNDGARDEN („4th of July“). Oder aber vom „Independence Day“ singen, wie MARTINA McBRIDE. Und natürlich all jene Lieder, in denen Amerika selbstbewusst und patriotisch dargestellt wird („Born in the USA“, „This Land is Your Land“ u.a.).

Es sollen hier lediglich drei Songs vorgestellt werden, von denen sich zwei im Grunde nicht wirklich mit dem Independence Day beschäftigen, ihn aber dennoch im Titel oder einer Textzeile erwähnen.

„Chasin‘ down a hoodoo there“

„Well, I can remember the Fourth of July,

Runnin‘ through the backwood, bare

I can still hear my old hound dog barkin‘

Chasin‘ down a hoodoo there

Chasin‘ down a hoodoo there“

JOHN FOGERTY ist 23 Jahre jung, als er mit seinen CCR auf der 1969 als B-Seite von „Proud Mary“ veröffentlichten Single davon singt, er sei am Bayou, also in den Sümpfen Louisianas geboren („Born on the Bayou“). Er erinnert sich an den 4. Juli, wo er als Kind barfuß mit seinem Hund durch die Wälder lief und „Geister“ jagte. Doch nichts davon ist wahr. Fogerty ist nicht dort geboren, er war zu der damaligen Zeit noch nicht einmal dort gewesen. Es handelt sich also um ein Wunschdenken, an einem solchen Ort aufzuwachsen. Künstlerische Freiheit, keine Frage. Andererseits hat Fogerty seine Fantasie über das Leben am Bayou so treffend in Musik umgesetzt, dass „Born on the Bayou“ als perfektes Beispiel für „Swamp Rock“ (Sumpfrock) gilt. Swamp Rock „bezeichnet eine Richtung der Rockmusik, die aus den Südstaaten der USA – insbesondere aus den Sümpfen Louisianas – stammt … Diese Musik verbindet Elemente des Country, Blues, Folk und der Cajun-Musik und reiht sich in die Kategorie des American Folk ein. [1,2]

CREEDENCE CLEARWATER REVIVAL: „BORN ON THE BAYOU“, Woodstock Festival 1969

"I can hear the fireworks"

„I can hear the fireworks

Up and down the San Francisco bay

I can see the boats in the harbour

Lights shining out and a cool cool night

I can hear the people shouting out

And I feel the cold night breeze

Up and down the line

And it‘s almost Independence Day.“ [3]

Auch „Almost Independence Day“ von VAN MORRISON aus dem Jahr 1972 thematisiert den Unabhängigkeitstag nicht wirklich, obwohl er titelgebend ist. In diesem zehnminütigen Stück wird keine Geschichte erzählt. Auch wenn der Erzähler in der ersten Strophe mit seiner Freundin in San Francisco nachts vor die Tür tritt, um irgendwas in Chinatown zu kaufen. Die Freundin spielt keine weitere Rolle mehr. Der Erzähler ist ganz versunken in seine Eindrücke, seine Wahrnehmungen. Er steht auf einer Brücke in San Francisco und sieht von oben das Feuerwerk zum 4. Juli, sieht die Boote im Hafen, hört die Menschen jubeln, fühlt die Nachtluft. In einem „stream of consciouness“ (Bewusstseinsstrom), wie MORRISON es selbst bezeichnet hat, singt er in scheinbar ungeordneter Reihenfolge mit immer wiederkehrenden Wiederholungen von seinen Eindrücken und seinem Gefühlserleben. Persönlicher und privater geht es kaum. Ganz großes Kino für denjenigen, der Ohren hat zu sehen! [4,5]

Und zu dieser außergewöhnlichen Gesangsdarbietung kommt eine außergewöhnliche Musik. Im Vordergrund steht die Gitarre von RON ELLIOTT, die den Gesang begleitet, umspielt, verdeutlicht und ergänzt. Morrison galt ursprünglich als irischer R&B-Musiker, aber seine Musik geht darüber hinaus. Es ist eine Mischung aus Folk, Blues und Jazz. Auf „Almost Independence Day“ spielen Jazzmusiker am Bass und Schlagzeug. Und diesen Jazzeinfluss hört man mehr als deutlich. Das Stück wurde live aufgenommen, mit Ausnahme der Synthesizer-Einspielungen.

Der Song dauert satte zehn Minuten. Die ersten Gitarrenklänge erinnern an ein berühmtes Stück von PINK FLOYD, das allerdings erst danach komponiert wurde.

Man sollte sich Zeit nehmen für diese zehn Minuten. Ein schnelles Durchhören des YT-Videos kann man sich sparen. Hier ist Hingabe erforderlich. Sinnvoller wäre es sogar, das Stück von CD oder noch besser von Platte zu hören. Konzentriert, in Ruhe, in einem abgedunkelten Raum. Wie schreibt Jesse Kornbluth in einer Rezession: „Turn off the lights. See what happens.“ [4]

VAN MORRISON: "Almost Independence Day" , Album: "Saint Dominic's Preview" 1972

Protest

Nachdem die ersten beiden vorgestellten Musikstücke an der Westküste Amerikas aufgenommen wurden, geht es nun rüber nach New York. Nördlich davon liegt das kleine Nest Bethel, wo sich vom 15. bis 17. August 1969 die Hippies dieser Welt zu einem Musik- und Friedensfestival trafen. Es ging als Woodstock-Festival in die Annalen ein, wobei der Ort Woodstock etwa 70 km von Bethel entfernt liegt.

Der Rest ist Geschichte.

Auch der Auftritt der letzten Band des Festivals, der wegen zahlreicher Verzögerungen erst am Montagvormittag des 18.8. stattfinden konnte. JIMI HENDRIX trat mit seiner neu zusammengestellten Band auf die Bühne. Nur noch ein kleiner Teil der Festivalbesucher, die noch ausharrten, wurde Zeuge einer einzigartigen Darbietung. Hendrix spielte die amerikanische Nationalhymne. Aber auf seine Weise:

„Am Morgen des 19. August 1969 zerschoss Jimi Hendrix zum Abschluss des Woodstock, N.Y. Music Festivals die amerikanische Nationalhymne The Star Spangled Banner. Mit dem heulenden Soundgestöber des Tremolohebels seiner elektrifizierten Fender Stratocaster, kombiniert mit den kreischenden Rückkopplungseffekten des Verstärkers ahmte er inmitten der Hymne den Sound von Fliegerbombenangriffen des zu diesem Zeitpunkt scharf kritisierten Vietnamkriegs nach.“ (Katja Müller-Helle,[6])

Mehr braucht hier nicht geschrieben zu werden. Einfach anhören und sich der Tragweite dieser Musik zu der damaligen Zeit bewusst werden.

JIMI HENDRIX: "Star-Spangled Banner", WOODSTOCK Festival 1969

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Das Foto des Gemäldes "Flag" von JASPER JOHNS ist von wikipedia: https://en.wikipedia.org/wiki/File:Jasper_Johns%27s_%27Flag%27,_Encaustic,_oil_and_collage_on_fabric_mounted_on_plywood,1954-55.jpg

[1] https://de.wikipedia.org/wiki/Swamp_Rock

[2] https://www-songmeaningsandfacts-com.translate.goog/born-on-the-bayou-by-creedence-clearwater-revival/?_x_tr_sl=en&_x_tr_tl=de&_x_tr_hl=de&_x_tr_pto=sc

[3] https://www.google.com/search?q=van%20morrison%20almost%20independence%20day%20lyrics&ie=utf-8&oe=utf-8&client=firefox-b-m

[4] https://headbutler.com/reviews/van-morrison-almost-independence-day/

[5] https://en.wikipedia.org/wiki/Almost_Independence_Day

[6] https://nomoi.hypotheses.org/tag/jimi-hendrix

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