Am 23. September 2026 feiern wir den 100. Geburtstag von John Coltrane, einem der legendären Saxophonisten des modernen Jazz. Im Mai dieses Jahres war bereits Miles Davis dran – beide Musiker sind im Jahr 1926 geboren. Während Coltrane 1967 mit gerade mal 40 Jahren verstarb, verschwand Miles 1991 mit immerhin 65 Jahren von der Lebensbühne.
Die schillernde Persönlichkeit von Miles Davis in einem Film darzustellen wäre ein Einfaches, gibt es doch neben seiner Musik mit ihren zahlreichen Brüchen, Neuentwicklungen und hochkarätigen Mitmusikern genügend Anekdoten, Frauengeschichten, Skandale und rassistische Erfahrungen, die absolut leinwandtauglich wären.
Wer war der Mensch John Coltrane?
Anders bei John Coltrane. „Die Geschichte John Coltranes hingegen lässt sich nicht verfilmen, man kann sie nur hören.“ (Konrad Heidkamp) [1] Heidkamps Feststellung mag überspitzt sein, aber zumindest sähe ein Film über ihn völlig anders aus. Coltrane war schüchtern, zurückhaltend, introvertiert. Kein Selbstdarsteller, weder auf der Bühne noch privat. Er ließ sich auch auf der Höhe seiner Karriere nicht als Star feiern. Er sonnte sich nicht in seinem Erfolg, sondern war ständig auf der Suche, den Klang seines Saxophons weiterzuentwickeln und zu optimieren. Dafür übte er wie ein Berserker. Täglich viele Stunden, vor seinen Auftritten, ja selbst in der Pause.
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Einer seiner Biografen, der amerikanische Jazzpianist und Musikwissenschaftler LEWIS PORTER schreibt: „Es gibt drei Dinge, worin sich alle einig sind. Erstens: Coltrane war ein freundlicher, ruhiger Mensch, der wenig Worte machte. Bei Aufnahmen klang seine Stimme ausdrucksvoll und sonor, sanft und warm. Er hatte eindeutig einen Südstaatenakzent und eine ruhige maßvolle Art. Zweitens: Er hatte Sinn für trockenen Humor, wenn man ihn im richtigen Moment erwischte. Zum Dritten übte er fortwährend und wie besessen.“ [2]
Seine Kämpfe fanden innerlich statt. Ebenso wie Miles besaß er eine unbändige mentale Stärke, was sich u.a. darin zeigte, dass er sich 1957 ganz allein von seiner Drogensucht befreite, indem er sich – wie Miles einige Jahre zuvor – in ein Zimmer einschloss und den „kalten Entzug“ („Cold Turkey“) über sich ergehen ließ.
Coltrane beschäftigte sich nach seinem Drogenentzug, bei dem es zu einer Art „Erweckungserlebnis“ für ihn kam, noch intensiver mit seiner Musik und arbeitete unentwegt daran. Coltrane, der schon als Kind religiös aufwuchs, verstand seine Rettung vor den Drogen als Handeln Gottes: „Im Laufe des Jahres 1957 erlebte ich durch die Gnade Gottes ein spirituelles Erwachen, das mich zu einem reicheren, volleren und produktiveren Leben führen sollte.“ [3] Und so begann die Entwicklung zu einer spirituellen Ausrichtung seines Lebens, die sich auch auf die Musik auswirkte.
„Meine Musik ist der spirituelle Ausdruck dessen, was ich bin – mein Glaube, mein Wissen, mein Sein.“ (John Coltrane) [4]
„Hören Sie Coltrane, als würden Sie einen spirituellen Zufluchtsort aufsuchen oder eine fünftägige Reinigung Ihres Inneren durchführen.“ (Ted Gioia) [5]
Es dürfte klar sein, dass das Leben des John Coltrane nicht leicht in einem Film darzustellen wäre. Um das Innere dieses Künstlers sichtbar zu machen, bedürfte es besonderer filmischer Mittel, bei dem seine Musik nicht nur als Hintergrund, sondern die Handlung mitbestimmt.
John Coltrane (1963) • von Hugo van Gelderen • Wikipedia
Wer war der Musiker John Coltrane?
John Coltrane wurde 1926 im Südwesten der USA, in Hamlet/North Carolina, geboren. Beide Großväter waren Prediger, die Mutter streng religiös. Mit 13 Jahren starben sein Vater und weitere Familienangehörige. John zieht sich mehr und mehr in die Musik zurück. 1945 erhält er mit 19 Jahren einen ersten professionellen Job als Altsaxophonist. Gegen Ende der 1940er Jahre kommt er in Kontakt mit den Jazz-Ikonen des Bebop: Er spielt mit CHARLIE PARKER und DIZZY GILLESPIE.
Anfang der 50er Jahre geht es nicht wirklich musikalisch voran. Starke Zahnschmerzen plagen ihn unentwegt, die er mit Alkohol und schließlich auch mit Heroin betäubt. Wegen seiner Drogensucht findet er kaum längere Beschäftigungen. Dennoch feilt er unermüdlich am Klang seines Saxophons: „Wenn Kollegen in der Pause einen Drink nahmen, ging er in die Garderobe und übte. Im Studio kam er oft eine Stunde früher, um sich einzuspielen.“ (Ralf Dombrowski) [6]
Die Wende kommt 1955, als MILES DAVIS ihn auf Empfehlung seines Schlagzeugers in seine Band holt. Er war zunächst eher skeptisch über den Neuzugang: „Am Anfang kamen wir nicht besonders gut miteinander klar, weil Trane dauernd blöd fragte, was er spielen soll und was nicht. Mann, wie ich das hasse; für mich war er ein professioneller Musiker und ich erwarte von jedem, der mit mir spielt, daß er sich seinen eigenen Platz in der Musik sucht.“ (Miles Davis) [7]
Coltrane war mit seinen 29 Jahren immer noch ein zurückhaltender, wortkarger und schüchterner Mensch. Aber schon bald zeigte sich, welchen Glücksgriff Miles da getan hatte: Aufgrund seines Drangs nach Perfektion auf dem Tenorsaxophon wurde er bald zum „Star“ des ersten Miles Davis Quintetts. 1956 nahm die Band in zwei Aufnahmesitzungen 24 Titel auf, die auf vier Alben verteilt wurden, allerdings alle unter dem Namen von Miles. [8]
Nach Ende der zweiten Aufnahmesitzung wurde Coltrane allerdings von Miles gefeuert – die Drogensucht machte ihn immer unzuverlässiger. Nachdem er jedoch bald wieder in die Band zurückkehrte, gab es 1957 einen weiteren Rauswurf. Damit reichte es nicht nur dem Bandleader Miles, sondern auch Coltrane selbst. Genau wie Miles zwei Jahre zuvor befreite sich Coltrane ohne jegliche fremde Hilfe in einem „kalten Entzug“ („Cold Turkey“) von seiner Drogensucht.
Der emotionale Ausnahmezustand während der harten Entzugsphase bewirkte bei ihm ein starkes religiöses Erwachen, was seine weitere musikalische Ausrichtung entscheidend prägen sollte. Er sah es als ein Geschenk Gottes an, dass er Ende Mai 1957 wieder „clean“ war und setzte diese Dankbarkeit gegenüber Gott später in großartiger Musik um.
Mit der Befreiung von den Drogen begann eine neue musikalische Phase in seinem Leben – genauso wie es Miles Davis erging, der nach seinem Entzug sein erstes legendäre Miles Davis Quintett mit John Coltrane gründete. Im gleichen Jahr (1957) erschienen erstmalig zwei Alben mit Coltrane als Bandleader („Coltrane“ und „Blue Train“). Drei (!) weitere Alben wurden 1957/58 aufgenommen, erschienen aber erst Jahre später.
Album-Cover der ersten Alben von Coltrane als Bandleader • fotografiert von Hochwald [9]
Auch kehrte er nochmals zu Miles Davis zurück, wo er Anfang 1959 maßgeblich am Album „Kind of Blue“ beteiligt war. Bereits einen Monat später veröffentlichte Coltrane ein weiteres eigenes Album, das zu einem der Höhepunkte seiner musikalischen Laufbahn wurde („Giant Steps“).
1960 trennten sich Miles Davis und John Coltrane endgültig und Coltrane konzentrierte sich voll und ganz auf seine Karriere mit eigener Band. Bald hatte er die idealen Musiker gefunden, mit denen er von 1961 bis 1965 zusammenspielte. Während dieser Zeit wurde seine Musik stark spirituell. Sie gipfelte in Coltranes Meisterwerk der Jazzgeschichte: „A Love Supreme“.
Album-Cover zweier wegweisender Coltrane-LPs • fotografiert von Hochwald [10]
Coltrane entwickelte seine musikalischen Ideen stetig weiter und suchte sich ab 1965 – zwei Jahre vor seinem Tod – neue Musiker, mit denen er seine musikalischen Visionen verwirklichen konnte. Die Musik des John Coltrane war dabei längst über den Bebop und den Hardbop der 1940er Jahre und den modalen Jazz der 1960er Jahre hinaus.
„Der Sinnsucher Coltrane“ … „hatte Spielgrenzen erreicht und suchte zunehmend nach der Auflösung im Klang. Er hörte Stravinsky, las astrologische Texte und probierte die damals legale Modedroge LSD.“ (Ralf Dombrowski) [6]
Seine unermüdliche Arbeit, die fortwährenden Konzerte und das ständige Spiel auf dem Saxophon forderte allerdings seinen gesundheitlichen Tribut.
Am 17.7.1967 hörte das Herz eines der größten Musiker der Jazzgeschichte auf zu schlagen. Tod durch Leberkrebs und „anhaltender physischer Erschöpfung“. [11]
Wandgemälde von J. Coltrane in seiner Heimatstadt Hamlet (Auszug einer Foto-Collage) • von Indy beetle • Wikipedia
Wie ist die Musik von John Coltrane?
Von den frühesten Anfängen als professioneller Saxophonist 1945 bis zu seinem Tod 1967 lagen 22 Jahre, in denen John Coltrane seine Musik in den verschiedensten Stilrichtungen des Jazz entwickelte.
Es sollen hier anhand von Musikbeispielen vier Phasen unterschieden werden:
(1) HARDBOP
(2) BALLADEN
(3) MODAL/SPIRITUELL
(4) FREE JAZZ/TRANSZENDENTAL
Das klingt vielleicht nach harter musikalischer Kost. Und ja, die Auseinandersetzung mit dem Werk von John Coltrane verlangt einem schon etwas ab. Vor allem eine unerschrockene Neugier auf Klänge, die man vielleicht sonst so noch nicht gehört hat. Aber es sei versichert: Wenn man sich erst einmal mit seiner Musik beschäftigt hat, sich durch manches Stück regelrecht „durchgekämpft“ und dabei Widerstände überwunden hat, sich neuen Hörgewohnheiten öffnet, dann besteht eine gute Chance, dass man die Musik dieses „Jahrhundertmusikers des Jazz“ [Hochwald] schätzt und liebt.
PHASE 1: HARDBOP
Der Hardbop entstand in der Mitte der 1950er Jahre als Gegenbewegung zum „Cool Jazz“ und ist eine Weiterentwicklung des revolutionären Bebop mit seinen atemlosen Tempi und akrobatisch schnellen Harmonie- und Melodiewechseln. Hardbop kommt etwas „gemäßigter daher“ und ist daher auch von Menschen, die Jazz nicht so mögen, hörbar.
(1) Das Album „Blue Train“ aus dem Jahr 1957 ist das zweite Album von Coltrane als Bandleader und wird bereits als eines seiner Meisterwerke gefeiert. Dies lag auch an der bestens eingespielten Rhythmusgruppe, denn der Bassist und der Schlagzeuger spielten bereits zwei Jahre zuvor mit Coltrane im ersten Miles Davis Quintett.
Das Titelstück ist ein 12-Takt-Blues, der im Gegensatz zum klassischen Blues zusätzliche Akkordwechsel enthält. Die Reihenfolge der Soli: Tenorsaxophon – Trompete – Posaune – Piano – Kontrabass
• JOHN COLTRANE: „Blue Train“ • Album „Blue Train“ • 1957 • 10:43
(2) Drei Jahre später erschien 1960 mit „Giant Steps“ ein weiteres Hardbop-Album. Es wurde bereits 1959 aufgenommen. Keine drei Wochen nach den Aufnahmen des legendären „Kind of Blue“-Albums arbeitete Coltrane bereits an seiner nächsten LP.
„Giant Steps“ ist der absolute Höhepunkt seiner Hardbop-Phase, bei der Coltrane alles auf die Spitze treibt. Die Musik des Titelstücks ist derart rasend schnell, dass einem Hören und Sehen vergeht. Aber es ist nicht nur das im Jazz übliche uptempo, mit dem Bass und Schlagzeug den Rhythmus vorantreiben. Es sind vor allem die atemlos schnellen Läufe des Saxophons (die „Sheets of Sound“) und die ständig wechselnden Harmonien (die „Coltrane-Changes“), die das Titelstück auszeichnen. Coltrane steigerte mit diesem Album die Geschwindigkeit seiner Töne derart, dass man nicht mehr einzelne Töne wahrnehmen kann. Alles verwebt sich zu einem Teppich aus Tönen, zu einer Klangfläche. Es ist mit den Tönen wie mit einem Film: Das Auge nimmt die Bilder nicht mehr einzeln wahr, sondern als zusammenhängende Bewegung. [12] Diese schnellen Läufe waren kennzeichnend für das Spiel von John Coltrane und werden „Sheets of Sounds“ genannt.
Aber Coltranes Musik zeichnet nicht nur diese temporeiche Spieltechnik aus. Er hat auch die Harmonielehre revolutioniert, indem die Akkorde extrem schnell – zweimal pro Takt! – wechseln und sich nicht mehr am Quintenzirkel orientieren. Das, was sich bei „Giant Steps“ laienhaft anhört, als würde der Saxophonist „einfach nur“ Töne ganz schnell „rauf und runter“ spielen, ist in Wirklichkeit ein von Coltrane mathematisch ausgeklügeltes System von Tonartwechseln. Bei „Giant Steps“ hat Coltrane beide genannten Prinzipien perfektioniert, auf die Spitze getrieben und ihnen quasi die Krone aufgesetzt. Das ließ sich nicht mehr steigern, danach konnte nur noch etwas anderes kommen.
„Mitten ins Gesicht! Musik wie ein Zeusblitz, der in die Szene fährt!“ [6, S. 46]
Was bei Coltrane durch sein inständiges Üben bis zur Perfektion reifte, sorgte für seine Mitspieler für arge Probleme. Besonders Tommy Flanagan – ein Weltklasse-Pianist – geriet bei seinem Solo in arge Schwierigkeiten. Man kann gut hören und nachvollziehen, wie er anfängt, den komplexen Strukturen des Stückes entsprechend zu spielen, dann aber nicht mehr mitkommt und nur noch durch einzelne Akkorde stolpert. Wie gesagt, der Mann ist ein absoluter Könner auf seinem Instrument, aber hier konnte er mit Coltranes Ansprüchen einfach nicht mithalten. Man muss allerdings einräumen, dass Flanagan erst kurz vor der Einspielung ein Blatt mit einzelnen Akkordfolgen bekam. Da blieb keine Zeit zum Üben…
• JOHN COLTRANE: „Giant Steps“ • Album „Giant Steps“ • 1960 • 4:47
Auf dem Album gibt es nicht nur solche Husaren-Stücke. Das völlige Gegenteil ist die langsame und sinnliche Ballade „Naima“, die Coltrane seiner damaligen Frau Naima Coltrane widmete.
PHASE 2: BALLADEN
Abgesehen von der Ballade „Naima“ spielte Coltrane Anfang der 1960er Jahre „ziemlich wildes Zeug“. Vor allem bei Live-Konzerten gab es ausufernde, rasend schnelle Soli im Stile seiner „Sounds of Sheet“. Manche Kritiker konnten diese experimentelle Spielart nicht mehr in ihre bekannten Hörgewohnheiten einordnen und sprachen gar von „Anti-Jazz“. Daher schlug der Produzent der Plattenfirma (Impulse! Records) Coltrane vor, es mal ruhiger angehen zu lassen und zur Abwechslung einige Balladen-Alben herauszubringen. Der finanzielle Hintergedanke war dabei allzu offensichtlich… Und so erschienen im Jahr 1963 drei Balladen-Alben hintereinander: Im Januar 1963 „Ballads“, einen Monat später „Duke Ellington & John Coltrane“ und im Sommer 1963 „John Coltrane and Johnny Hartman“.
(1) Die Zusammenarbeit von Coltrane mit dem Pianisten, Komponisten und Bandleader Ellington brachte zwei völlig unterschiedliche Jazzgenerationen und Jazzstile zusammen. Da Ellington zu der Zeit den Kontakt zu jüngeren Jazzmusikern suchte und Coltrane den Duke seit ehedem verehrte, kam es zu einer respektvollen musikalischen Begegnung. Die Begleitband bestand demokratisch aus Musikern beider Künstler. Coltrane verzichtete völlig auf seine sonst üblichen schnellen Soli, sondern übernahm in „In a Sentimental Mood“ mit seinem Saxophon die Rolle des Sängers. Das Stück schrieb Ellington bereits im Jahr 1935.
• JOHN COLTRANE & DUKE ELLINGTON: „In a Sentimental Mood“ • Album: „Duke Ellington & John Coltrane“ • 1963 • 4:17
(2) John Coltrane kannte den Sänger Johnny Hartman bereits von dessen Zusammenarbeit mit Dizzy Gillespie und war daher gerne bereit, mit ihm eine Platte aufzunehmen. Hartman hatte in den 1940er und 1950er große Erfolge, aber in seiner Rolle als klassischer „Crooner“ verlor er Anfang der 1960er stark an Bedeutung. Daher erhoffte er sich durch die Zusammenarbeit mit Coltrane einen Impuls für seine Karriere. Der Song „My One And Only Love“ ist ein „First Take“, wurde also wie alle anderen Titel des Albums fast ohne Proben mit einer einzigen Aufnahme eingespielt.
• JOHN COLTRANE und JOHNNY HARTMAN: „My One And Only Love“ • Album: „John Coltrane and Johnny Hartman“ • 1963 • 4:55
PHASE 3: MODALER JAZZ/SPIRITUALITÄT
Die Phase der Balladen stellte für John Coltrane nur eine kurze Episode dar. Kehren wir noch einmal kurz zurück zum bahnbrechenden Album „Giant Steps“, in dem er seine jahrelang eingeübte Spielweise mit den vielen Tönen und den vertrackten Akkordwechseln perfektioniert und auf die Spitze getrieben hatte. Hier einige Zitate:
„Er hatte seine Musik schon immer sehr ernst genommen und viel geübt. Aber jetzt war es fast so, als hätte er eine Mission zu erfüllen. Er dachte an nichts anderes.“ (Miles Davis über John Coltrane) [1, S. 87]
„Gewinsel eines irregeleiteten Muezzin.“ (DIE WELT) [1, S. 78]
„Musik, nur noch für Fachleute“ (SÜDDEUTSCHE ZEITUNG) [1, S. 78]
„Im Unterschied zu jungen Kollegen“ … „blieb er aus dem Gedanken der stetigen künstlerischen Entwicklungsfähigkeit heraus konservativ und versuchte, innerhalb eines formalen Gerüstes an die Grenzen der Ausdruckskraft zu gehen, anstatt den Rahmen zu zerschlagen. Insofern war er nie free, aber doch zunehmend frei in der Wahl seiner Ausdrucksmittel.“ (Ralf Dombrowski) [11, S. 69]
Die Zitate geben ein teils widersprüchliches Bild über die Musik des John Coltrane wieder:
Miles Davis hat den Wesenskern Coltranes richtig erkannt: sein Perfektionsdrang, der ihn wie ein Besessener eine Art innere Mission auszuführen zwang. Diese Perfektion seiner nach komplexesten Regeln strukturierten Musik und den damit verbundenen allerhöchsten Anforderungen an die Beherrschung seines Instruments hatte Coltrane mit „Giant Steps“ erreicht. Das war der Schlusspunkt der Hardbop-Phase. Mehr ging nicht. Erst jetzt konnte er sich von all diesen selbst auferlegten Regeln befreien und seine Musik in die Richtung lenken, die er bereits bei Miles Davis und dem Album „Kind of Blue“ kennengelernt hatte: die modale Spielweise. Dies eröffnete ihm ein gehöriges Maß an Freiheit, nach der er zeitlebens suchte.
Einige Kritiker konnten mit der hochkomplexen Musik Coltranes so gar nichts mehr anfangen, sprachen von „Anti-Jazz“ oder machten sich über seine Spielweise lustig. Für sie war Coltranes Musik nur noch Anarchie, Lärm oder chaotischer Free Jazz.
Im Gegensatz dazu betont der Musikjournalist Ralf Dombrowski, dass Coltrane kein Musiker ist, der sich über alle musikalischen Grenzen hinwegsetzt und mit den Regeln des Jazz radikal bricht. Im Gegenteil, Coltrane sei im Kern konservativ (!), indem er eben nicht den formalen Rahmen seiner Musik wie ein Bilderstürmer zerschlägt, sondern sich immer innerhalb dieses Rahmens bewegt, dabei allerdings an die „Grenzen der Ausdruckskraft“ geht.
Und damit kommen wir zur spirituellen Phase seiner Musik, in der die komplexen Strukturen seines weiterentwickelten Hardbobs keinen Platz mehr hatten, ja nicht mehr nötig waren, da die Suche nach musikalischer Freiheit eine völlig andere Spielweise erforderte.
(1) Das Titelstück des Albums „My Favorite Things“ (1961) ist eigentlich ein launischer Walzer aus einem bekannten Broadway-Musical. Coltrane belässt es auch beim 3/4-Takt, wobei man sich beim Hören zwischendurch durchaus fragt, ob hier nicht ein 5/4-Takt wie im berühmten Brubeckschen „Take Five“ zu hören ist. Ist es nicht, aber der Drummer Elvin Jones verfremdet den Walzertakt derart, dass er nicht einfach zum Mitschunkeln einlädt. McCoy Tyner am Klavier spielt während des gesamten Stücks ein sich ständig wiederholendes, ostinates Klavier-Riff, was wiederum ebenfalls an „Take Five“ erinnert und fast meditativ wirkt. Coltrane spielt hier erstmalig ein Sopransaxophon.
Das Titelstück dauert fast 14 Minuten. Aber die braucht es auch. Die Musik ist eine völlig andere als auf „Giant Steps“. Es gibt keine rasend schnellen Töne mehr, keine atemberaubenden Akkordwechsel. Stattdessen nur 2 Tonarten, über die er minutenlang improvisiert. Vor allem im zweiten Solo spielt Coltrane noch freier, wiederholt immer die gleichen Töne, erzeugt einen näselnden, quäkenden Klang und spielt sich dadurch in eine Art Trance. Das enge Korsett der „Sheets of Sound“ und der „Coltrane-Changes“ hat er abgelegt. Er hat mit diesem Stück die modale Spielweise, die er bei Miles Davis kennengelernt hatte („Kind of Blue“) für sich angewandt. Sie ermöglicht ihm spielerische Freiheiten, spirituelle Tiefe und meditative Züge.
• JOHN COLTRANE: „My Favorite Things“ • Album: „My Favorite Things“ • 1961 • 13:44
(2) Das 1965 veröffentlichte Album „A Love Supreme“ gilt allgemein als ein Meisterwerk und eines der berühmtesten Jazzplatten überhaupt, vergleichbar mit „Kind of Blue“ von Miles.
„A Love Supreme“ ist eine Suite in vier Sätzen und tiefer Ausdruck seines religiösen Empfindens. Die Sätze tragen folgende Namen:
(1) „Acknowledgement“ (Bekenntnis) – Das Erkennen des Göttlichen
(2) „Resolution“ (Entschluss) – Der Entschluss, Gott zu folgen
(3) „Pursuance“ (Ausführung) – Das Gehen des Weges
(4)„Psalm“ (Gebet) – „Die Lobpreisung des höchsten Wesens [4]
Der vierte Satz („Psalm“) ist die Vertonung eines Gebetes. Coltrane spielt jedes Wort des Gebetes auf seinem Saxophon. Das Saxophon als menschliche Stimme. Man kann den Text im Innencover des Albums mitlesen und Wort für Wort die Umsetzung in Musik verfolgen. Wahnsinn!
Hier soll allerdings der erste Satz („Acknowledgement“) vorgestellt werden. Wieder gibt es eine kurze, sich ständig wiederholende Melodie aus nur vier Tönen, gespielt vom Kontrabass. Im Kontext dieses Albums, das für Coltrane eine Art „spirituelles Erwachen“ bedeutete, kann man dieses ostinate Motiv, das sich wie ein roter Faden durch das gesamte Stück zieht und sofort „ins Ohr“ geht, als eine Art Mantra auffassen, das einen hypnotischen Zustand erzeugt. Zum Schluss singt Coltrane die Worte „A-Love-Su-preme“ entsprechend dieses Bassmotivs.
Da das gesamte Werk eine einzige Lobpreisung Gottes ist, aus tiefster religiöser Überzeugung und Dankbarkeit (Stichwort: „Cold Turkey“), versucht Coltrane, seine Emotionen auf das Saxophonspiel zu übertragen. Dabei wendet er eine Spieltechnik an, bei der er durch Überblasen mehrere Töne gleichzeitig erzeugt („Multiphonics“). So entsteht ein krächzender, kreischender Klang, der nicht als spielerisches Unvermögen, sondern als Ausdruck einer religiösen Extase verstanden werden muss.
• JOHN COLTRANE: „Acknowledgement“ • Album: „A Love Supreme“ • 1965 • 7:44
Die Filmaufnahmen zur Musik wurden in dem legendären Aufnahmestudio van Gelder gemacht. Rudy van Gelder war auch der Tontechniker für dieses Album.
„Für seine Freunde war J. C. mindestens seit ‚A Love Supreme‘ ein Gezeichneter. Er wusste schon damals: An seinen Klängen prägte sich der Jazz seiner Zeit. Und er litt an der Verantwortung. Er sah sich selbst viel zu sehr als einen ständig Suchenden, als dass er glücklich darüber sein konnte, dass nun die ganze Jazzwelt jede seiner Äußerungen als ‚letztes Wort‘ und ‚richtungsweisendes Kunstwerk‘ pries.“ (Joachim-Ernst Berendt) [13, S. 192]
PHASE 4: Free Jazz/ Transzendenz
Die Titel der veröffentlichten Schallplatten nach „A Love Supreme“ („Transition“ , „Ascension“ , „Meditations“ , „OM“ , „Interstellar Space“) zeigen deutlich, dass Coltrane keine unterhaltende Jazzmusik mehr machte, sondern in tief religiöse, spirituelle, ja kosmische Ebenen abgehoben (!) war. Für seine musikalischen Vorstellungen, die frei von allen musiktheoretischen Grenzen wie Melodie, Harmonie oder Rhythmus und dadurch Ausdruck seines religiösen Empfindens und der Suche nach einer Verbindung zum Göttlichen waren, brauchte er neue „frei spielende“ Musiker. Für die letzten zwei Jahre seinen Lebens fand er sie in dem Saxophonisten Pharaoh Sanders, in Rashied Ali am Schlagzeug und seiner neuen Frau Alice als Pianistin. Jetzt war er am Endpunkt seiner musikalischen Suche nach Perfektionierung und Weiterentwicklung seines Saxophonspiels und der spirituellen Suche nach Transzendenz angelangt. Mehr ging wirklich nicht.
• JOHN COLTRANE: „Venus“ • Album: „Interstellar Space“ • 1967 • 8:36
Die Essenz seines Spätwerks. Kein Klavier, kein Bass. Nur noch sein Saxophon und das Schlagzeug. Keine musikalischen Regeln mehr. Nur noch Freiheit. Nur noch Klang. Free Jazz – aber nicht, um aus Rebellion alle Konventionen niederzureißen. Sondern aus einem tiefen, emotionalen und religiösen Empfinden zu etwas Höherem.
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„Ein ständiges Leben am Rande menschenmöglicher Intensität“ [13, S. 187]
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„Coltrane war ein maßvoller Zögerer. Er hat 10 Jahre gebraucht, um den Schritt zu tun, den er 1965 tat und den eine ganze Generation von Musikern in dieser Epoche von einem Tag auf den anderen getan hat.“ [13, S. 186]
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„…dann war Coltrane der ‚Sisyphos‘, der den harten, kantigen Fels der Erkenntnis immer wieder von neuem bergan wälzen musste.“ [13, S. 193]
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Trane – der Spitzname von John Coltrane in Anspielung auf „train“ – einem rasenden Eisenbahnzug • Wikimedia Commons
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Dem 100. Geburtstag von MILES DAVIS wurde in diesem FuF-Blog gedacht: https://www.fischundfleisch.com/hochwald/der-bob-dylan-des-jazz-zum-100-geburtstag-von-miles-davis-92343
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Quellenangaben:
[1] Konrad Heidkamp: „It’s all over now“, Alexander Fest Verlag 1999, S. 78
[2] Lewis Porter: „John Coltrane – His Life And Music“, zitiert in: Ralf Dombrowski: „John Coltrane – Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten“, Oreos Verlag, S. 66
[3] Begleittext im Album: „A Love Supreme“ , Impulse! Records 1965
[4] zitiert nach: DLF Kultur vom 9.12.2014, Karl Lippegaus: „John Coltranes musikalisches Glaubensbekenntnis“ https://www.deutschlandfunkkultur.de/a-love-supreme-john-coltranes-musikalisches-100.html
[5] Ted Gioia: „Jazz hören – Jazz verstehen“, Henschel Verlag 2017, S. 161
[6] Ralf Dombrowski, in JazzThing Nr. 165/2026: „100 Jahre John Coltrane“, S. 42
[7] Miles Davis: „Die Autobiographie“, S. 237ff, zitiert nach: Ralf Dombrowski: „John Coltrane – Sein Leben, Seine Musik, seine Schallplatten“, Oreos Verlag, S. 38
[8] 11.05.1956: „Steamin’“ und „Workin’“ – 26.10.1956: „Cookin’“ und „Relaxin’“
[9] Esmond Edwards: Cover des Albums: „Coltrane“ , Prestige Records 1957
Francis Wolff/Reid Miles: Cover des Albums: „Blue Train“ , Blue Note Records 1957
[10] Lee Friedlander/Marvin Israel: Cover des Albums: „Giant Steps“, Atlantic Records 1960
Bob Thiele/George Gray: Cover des Albums: „A Love Supreme“ , Impulse! Records 1965
[11] Ralf Dombrowski: „John Coltrane – Sein Leben, seine Musik, seine Schallplatten“ Oreos Verlag, S. 11
[12] DU-Heft Nr. 7/1998, S. 42
[13] Joachim-Ernst Berendt: „Das Jazzbuch“, S. Fischer Verlag 1953, 7. Auflage 2005