„Sie sollten lieber schreiben: #ichbin1behinderterGutmensch“. Über die Initiative #ichbinhier

Seit einigen Wochen gibt es eine größer werdende facebook-Initiative nach dem Vorbild einer schwedischen Gruppe. Ziel der #ichbinhier-Mitglieder ist es, den Dialog auf facebook wieder zu versachlichen und Hasskommentaren bestimmt, aber höflich entgegen zu treten. Gestern veröffentlichte Focus Online einen Artikel über die Initiative.

Nicht nur facebook ist bei der Eindämmung von Hass und Hetze offenbar überfordert. Auch die Social Media-Redaktionen größerer Nachrichtenportale können häufig nicht mehr gegen die Wut, die sich dort bahnbricht, anmoderieren. Positiv-Beispiele wie die Teams der ZEIT oder der Süddeutschen sind selten. Für mich galten facebook-Kommentare unter Artikeln daher seit einiger Zeit als „dringend zu vermeiden“. Ich konnte kaum ertragen, wie gegen so ziemlich jede Bevölkerungsgruppe gehetzt wurde, wie sich Menschen gegenseitig als „Hurensöhne“ bezeichneten und sich im schlimmsten Fall den Tod der Mitkommentierenden wünschten. Das hat sich mit der Initiative #ichbinhier geändert.

Die wachsende Gruppe ist politisch divers, alle Gruppenmitglieder agieren in den Kommentarbereichen autonom. Der hashtag dient zum Einen dem Auffinden der Kommentare, zum Anderen als Zeichen für den Wunsch nach einem konstruktiven, sachlichen und möglichst höflichen Dialog. In der Sache hart, im Ton moderat – so sollen Diskussionen auch außerhalb der eigenen Filterblase endlich wieder möglich werden. Dass dabei der hashtag auch von Nicht-Gruppenmitgliedern genutzt wird, ist unbedingt gewollt – solange der Kommentator dieses verbindende Gruppenziel nach einem sachlichen Austausch berücksichtigt.

Gestern wies Focus Online – ein Team, das ebenfalls große Probleme mit der Moderation auf facebook hat – auf die Gruppe hin. In den Kommentarspalten entstand daraufhin eine Diskussion über Gruppenziele und -Verhalten, die mich erstaunt hat. Nicht, weil die Gruppe hinterfragt wurde – das soll und muss sie – sondern weil manche Kommentare erneut zeigten, wie notwendig die Initiative ist.

Im Folgenden ein Augenzeugenbericht aus den Tiefen der Kommentarspalte. Und der Versuch, Fragen und Vorwürfe zu erläutern.

„Das sind alles übelste Denunzianten, die sind wie die Stasi!“

Die Gruppe #ichbinhier besteht aktuell aus etwa 15.000 privat agierenden, unterschiedlichen Personen, die eine freundlichere Diskussionskultur etablieren wollen. Weder sind wir ein staatliches Instrument, noch zeigen wir anonym die Handlungen von Personen bei einem staatlichen Organ an. Es gibt durchaus Gruppenmitglieder, die Straftatbestände wie Beleidigungen oder Drohungen bei facebook melden. Allerdings – und wer etwas Erfahrung mit facebook hat, weiß das – passiert daraufhin meist überhaupt nichts. Denn wir haben als Gruppe keine Macht über die Online-Medien. Wir können weder die Redaktionen beeinflussen, noch facebook selbst, noch die Gesetzeslage.

Hinzu kommt: Wer schlimme Beleidigungen oder sogar Vergewaltigungsandrohungen öffentlich und unter Klarnamen auf facebook postet, braucht gar keine Denunzianten. :)

„Sie sollten lieber schreiben: #ichbin1behindertergutmensch“

Wo hört Meinungsfreiheit auf und wo fängt Hass an? Das ist eine Frage, die wir uns auch innerhalb der Gruppe stellen. Zwar sind Hass und Hetze gut definierte Begriffe (hier zum Beispiel „Hetze“ bei wikipedia), aber im Alltag ist das oft gar nicht so leicht zu unterscheiden. Von dem zitierten Kommentar war ich sehr betroffen. Mir wurde schlecht, und ich wusste nicht, wie ich antworten sollte. Letztlich entschied ich mich, mir zu wünschen, dass niemand mit körperlichen oder geistigen Einschränkungen diesen Kommentar liest. Denn es ist nicht an mir, und auch nicht an der Gruppe #ichbinhier zu entscheiden, was stehen bleiben darf und was nicht. Das entscheiden die Redaktionen und die Plattformbetreiber. Initiativen wie #ichbinhier können reagieren, aber eine diskursive oder administrative Macht haben wir nicht.

„Da kommt sie, die Gesinnungspolizei. Wie damals in der DDR“

Ich muss zugeben, nicht in der DDR gelebt zu haben. Eine 15.000 Mitglieder umfassende Gruppe mit einem diktatorischen Regime zu vergleichen, scheint mir dennoch weit hergeholt. Auch hier gilt die Frage: Wer hat die Macht über den Diskurs? Wenn ein staatliches Instrument diesen Diskurs beherrscht und zensieren kann, was immer es möchte, halte ich das für sehr gefährlich. Ein aktuelles Beispiel ist für mich die Türkei. Aber auch Trump versucht, die Medien zu beeinflussen und zu zensieren. Wäre #ichbinhier ein staatlich eingesetztes Kontrollorgan und hätte Macht über facebook, würden sofort alle Kommentare verschwinden, die eine solche „Gesinnungspolizei“ oder auch „Meinungsdiktatur“ vermuten. Allein die große Zahl der verschwörungstheoretischen Kommentare lässt darauf schließen, dass wir diese Kontrolle nicht haben. Das habe ich auch gestern als Kommentar geschrieben. Und ich erhielt eine Antwort: „du kannst mich auch“.

„Ich habe meine Meinung und in Deutschland herrscht Meinungsfreiheit! Das sollten diese Herrschaften akzeptieren!!!“

Das sehe ich genauso. Auch hier auf fischundfleisch reden wir oft über die Grenzen der Meinungsfreiheit. Kommentierende , die schon lange auf dieser Plattform unterwegs sind, können vielleicht meinen Eindruck eines manchmal harten, aber meist respektvollen Tons hier auf dem Portal teilen. Unterdrückung der Meinungsfreiheit ist nichts, was der Gruppe #ichbinhier vorschwebt. Aber Meinungsfreiheit ist nicht zu verwechseln mit dem Recht auf unwidersprochene Kommentare oder Behauptungen. Jeder hat das Recht, seine Meinung zu äußern. Ich habe das Recht, darauf zu antworten. Das Gruppenziel ist, das immer sachlich zu tun und nicht respektlos oder beleidigend zu werden.

„Die treten im Rudel auf und bashen alle, die nicht ihrer Meinung sind“

Eine vorherrschende Gruppenmeinung gibt es nicht. Wie hier auf fischundfleisch sind in der Gruppe sehr verschiedene Ansichten vertreten, und auch unter einander diskutieren wir. Es gibt daher kein „meinungsvereinheitlichendes Gruppenziel“, abgesehen davon, so etwas wie „Bashing“ auf keinen Fall zu betreiben. Der Rudelvorwurf kommt allerdings häufiger, gestern war auch von einem „Heuschreckenschwarm“ die Rede. Ich verstehe den Eindruck, den die Gruppe aufgrund des hashtags auf einige macht. Beim Focus Online-Artikel aber ging es ja explizit um #ichbinhier. Und nach ca. 100 zum Teil sehr abwertenden Kommentaren hat die Gruppe begonnen, ihre Idee zu verteidigen. Sachlich.

„Mit dem # suchen sie sich Hilfe, um dich mundtot zu machen“

Tatsächlich dient der # auch als Hilferuf, falls sich jemand sehr hart angegangen fühlt. Mundtot wird dabei niemand gemacht – das ist wie beschrieben nicht das Gruppenziel, und wie erklärt liegt es auch nicht in unserer Macht. Nicht einmal in unserem Ermessen.

„Die sollte man alle sofort blocken, schon aus Sicherheitsgründen“ und „Mit solchen links eingestellten Gruppen diskutiere ich nicht“

Zwei Kommentare, die mich betroffen machten. Ich bin gestern ungefähr 20 mal blockiert worden, einfach weil ich den hashtag benutze. Das ist traurig, denn viele von uns sind an Diskurs interessiert und wollen andere Meinungen hören – sofern sie sachlich sind. Aus Missverständnis oder einfach aus Prinzip weggeblockt zu werden, ist schade. Und lässt die Filterblase um diese Menschen kleiner, undurchlässiger und damit gefährlicher werden.

Ein paar harmlose Beschimpfungen, Unterstellungen und einen ziemlich üblen Nazivergleich später war ich mit meinen Antworten auf die Kommentare fertig und brauchte eine Pause. Der Blick aus der eigenen Filterblase hinaus macht auch mir oft Angst, aber die Gruppe zeigt mir, dass ich mit dem Wunsch nach einem respektvollen Umgang nicht alleine bin. Menschenrechte und Respekt sollten Werte sein, die nicht pausenlos verhandelt werden müssen. Wer aber in manche Kommentarspalten schaut, der sieht: Weder Respekt vor einander noch Menschenrechte sind tatsächlich Konsens.

Mit #ichbinhier hat sich eine Initiative gegründet, die den Austausch zwischen Menschen aus sehr entfernten politischen Lagern manchmal sogar fruchtbar erscheinen lässt – in beide Richtungen. Ich selbst und viele andere lernen mit jeder Diskussion dazu. Das geht an die eigenen Grenzen und darüber hinaus. Aber es lohnt sich.

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