Liebe Lesende,

Liebe Greta-Basher,

was ist denn eigentlich los? Sie haben / Ihr habt die Schnauze voll von Greta? Die täglichen Berichte hängen euch zum Halse raus?

Wunderbar! Es regt sich was. Es ist also doch noch Leidenschaft in euch. Nur, mit Verlaub, völlig fehlgeleitet, nicht progressiv und auch nicht, das schon gar nicht, wertkonservativ.

Zunächst will ich es einmal mit Blogger @tantejo halten: „Wenn du dich so aufregst, dann ist das der Beweis, dass sie ihre Sache sehr gut macht.“

Haltet das Mädel, ich selbst bin so höflich und sage junge Frau, für intelligent oder nicht intelligent, für gehirngewaschen oder nicht, für instrumentalisiert oder nicht. Doch was wollen sich die Hasser, die Basher, die Nörgler, die Engstirnigen denn nun selbst für ein Zertifikat ausstellen? Seid ihr stolz, in dem ihr auf eine 16-jährige schimpft? Seit wann ist euch überhaupt die Schulpflicht so wichtig?

Warum redet ihr nicht über die Sache?

Die Sache ist nicht nur der Klimawandel und das Nichtstun bzw. zu zögerliche Handeln der Politik, sondern im Kern eine tiefe Vertrauenskrise der Generationen.

Es geht darum, miteinander ins Gespräch zu kommen. Daher sind die apokalyptischen Zahlen der eifrigsten Klima-Ankläger obsolet und die reaktionären Gegenpositionen (den Klimawandel gebe es gar nicht, der Mensch hat damit nichts zu tun) ebenfalls.

Andere Krisen in Deutschland sind im Nachhinein gesehen ebenfalls Vertrauens- und Kommunikationskrisen. Und, deshalb dürfen sich viele locker machen, beileibe nicht mit dem Erfüllen irgendwelcher Maximalforderungen abgetan.

Die Sachkenntnis zu Österreich fehlt mir ein wenig. Die österreichischen Freunde mögen gern ergänzen.

Proteste bringen durchaus viel. Hierzu Beispiele:

Gorleben-Projekt

Der Salzstock im Untergrund wurde mit der Frage nach der Eignung für alle Arten von radioaktiven Abfällen untersucht. Die Standortentscheidung war im Jahr 1977 unter der SPD-Bundesregierung von Kanzler Helmut Schmidt gefallen. Der sich anschließende Protest war ein zwingend zu gehender Weg.

Die Gesellschaft kam ins Gespräch. Man kann nun von den Protestlern halten, was man will: Drei Dinge bleiben festzuhalten:

Als Konsequenz aus dem Experten-Hearing und den wachsenden politischen Bedenken und Protesten gegen das Gorleben-Projekt erklärte Ministerpräsident Ernst Albrecht in einer Regierungserklärung am 16. Mai 1979 vor dem niedersächsischen Landtag, dass ein von der Deutschen Gesellschaft zur Wiederaufarbeitung von Kernbrennstoffen am Standort Gorleben beantragtes atomares Entsorgungszentrum mit einer Wiederaufarbeitungsanlage zu diesem Zeitpunkt politisch nicht durchsetzbar sei.

Protest wirkt also nachweislich.

Der damalige Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialisten in der SPD „Jusos“ und spätere Bundeskanzler Gerhard Schröder erklärte sich mit den Besetzern solidarisch.

Werden Erinnerungen unter den Älteren wach? Sehen die jüngeren nicht auch Parallelen? Gehe gefälligst zur Schule! - Gerichtet an Thunberg! Schneide dir gefälligst die Haare! - Gerichtet an Schröder. Man kann jetzt von Kanzler Gerhard Schröder halten, was man möchte, aber einige, die ihn als Drückeberger und hässlichen brauen Wollpulli, ja, der sah wirklich nicht gut aus, und als Phantast mit zu langen Haaren beschimpft haben, müssen zugeben, dass er später Verantwortung übernahm und Teil des Establishments wurde.

Aus Protest und Kommunikation entstehen also Verantwortungsträger.

Nato-Doppelbeschluss/ Aufrüstung

Der Beschluss der NATO vom 12. Dezember 1979 bestand aus zwei Teilen:

1. Die NATO kündigte die Aufstellung neuer mit Atomsprengköpfen bestückter Raketen und Marschflugkörper – der Pershing II und BGM-109 Tomahawk – in Westeuropa an. Diese begründete sie als Modernisierung und Ausgleich einer Lücke in der atomaren Abschreckung, die die sowjetische Stationierung der SS-20 bewirkt habe.

2. Sie verlangte bilaterale Verhandlungen der Supermächte über die Begrenzung ihrer atomaren Mittelstreckenraketen (Intermediate Nuclear Forces – INF – mit einer Reichweite zwischen 1000 und 5500 km) in Europa. Dabei blieben die französischen und ein Teil der britischen Atomraketen ausgeklammert.

Die Abgeordnetenmehrheit des Deutschen Bundestages stimmte am 22. 11.1983 zu. Protest regte sich. In Westeuropa und den USA entstand in kurzer Zeit eine breite Friedensbewegung mit verschiedenen Themenschwerpunkten und vielen neuen organisatorisch und ideologisch unabhängigen Bürgerinitiativen. Sie veranstaltete die bis dahin größten Massendemonstrationen in ihren Staaten: darunter die Friedensdemonstration im Bonner Hofgarten 1981 (10. Oktober; 350.000 Teilnehmer). Kommunikation fand statt. Die Friedensbewegung entstand. Die SPD musste Massenaustritte verkraften. Der INF-Vertrag steht heute als eine Art Lösung in den Geschichtsbüchern: Gorbatschow selbst erklärte, seine Kontakte zu Vertretern der Friedensbewegung bei einem Kongress in Moskau (Februar 1987) hätten ihn bewogen, das Problem der Mittelstreckenraketen von anderen Abrüstungsthemen zu trennen. Das habe den INF-Abrüstungs-Vertrag ermöglicht.

Doch halten wir fest, dass ein immer tieferes Hineinsteigern auch einfach mal verhallt. Die meisten haben die späten Achtziger als unpolitischste Zeit nach 1968 überhaupt wahrgenommen. Wir leben mit riesigen Problemen, einige mögen hier ein „leider!“ einfügen, nun einmal sehr gut. Wenn die Klimastreikenden mehr bewirken wollen, als die Friedensaktivisten im Bonner Hofgarten, kann das erst der Anfang sein.

Wir fangen gerade an, zu kommunizieren. Fridays for Future solle dem Establishment Beine machen.

Wir haben wieder eine Zeit vor uns , in der wir erneut kommunizieren müssen. Das Genörgel ist nur die Bequemlichkeit, es nicht tun zu wollen.

Ja, man kann über Freitagsdemos, Fernseh-Auftritt und Goldene Kamera diskutieren. Aber zu sagen, es gebe nichts zu diskutieren, diese jungen Leute würden nur die Schule schwänzen wollen und sich selbst feiern, greift zu kurz.

Lieber Herr Strasser,

ich zitiere Sie: „Und das alles wegen dem SOGENANNTEN Klimawandel, wegen Feinstaub, Stickoxide Co2 und das, was uns da noch so alles um die Ohren fliegt, ich frage mich, wofür fahren wir seit Jahren bleifreie Autos, mit Katalysatoren und Biosprit, haben den Verbrauch auf die Hälfte reduziert, haben unsere Heizungen umgerüstet auf Erdwärme und oder Solarenergie, erzeugen Strom aus Wind, Wasser und Sonne...?“

Ist der Klimawandel nicht Fakt? Ein bleifreies Auto (also ob andere in Mitteleuropa zugelassen würden ) ist genug Beitrag? Au Mann.

Und dann diese Klugscheißerei: „Auch interessant wäre zu wissen, wie diese Thunberg mit Anhang zu ihren häufigen Auftritten kommt... per Flugzeug, Schiff, Bahn, Auto oder Fahrrad?“

Ich bin sehr dafür, dass Greta Thunberg in der Tat nicht nur bei der Goldenen Kamera in Berlin ein hübsches weißes Kleid trägt, sondern ihre Botschaft auch in China und den USA , also den Großen klimagasaustoßenden Ländern, kundtut. Ich fordere aber nicht, dass sie das mit Fahrrad und Ruderboot macht.

Doch die, die sagen, sie solle mal schön zu Fuß gehen, feiern sich für ihre kleingeistigen Vorwürfe im Internet noch als Helden.

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