Die Grauen Wölfe: Wie der türkische Ultranationalismus die gesellschaftliche Mitte Europas erreicht

Die eigene rassische Überlegenheit, der Traum eines ethnisch reinen Großreichs, stark ausgeprägter Führerkult und eine eigene Grußformel. Was sehr stark an die Nationalsozialisten erinnert, gehört ebenso zum Profil der ultranationalistischen Grauen Wölfe und der Partei MHP. Sie bezeichnen sich auch als „Idealisten“ und träumen vom Turan, einem Großreich, das alle Turkvölker vom Bosporus bis nach Zentralasien umfasst. Die Zielscheibe ihres Hasses sind vorrangig Juden, Armenier, Griechen oder Kurden. Das, was sich nach einer kleinen Randgruppe anhört, vereint bei türkischen Wahlen über 10% der Menschen hinter sich. Autoritäres Führerdenken und Antipluralismus sind das Fundament ihres Handelns. Politische Gegner werden nicht nur als Feinde des Volkes denunziert, sondern auch körperlich angegriffen. Die Grauen Wölfe und die MHP Partei sind keine Randerscheinung – sie sind heute in der europäischen Gesellschaft angekommen. Obwohl vom Verfassungsschutz beobachtet und als rechtsextrem eingestuft, wird den Grauen Wölfe in Europa, konkret in Österreich und Deutschland kaum eine Relevanz beigemessen. Weil sie in der gesellschaftlichen Mitte angekommen sind und weil es unpopulär ist rechtsextreme Gruppen aus dem Ausland als solche zu bezeichnen.

Der (Graue) Wolf im Schafspelz: Neo-Faschismus im Deckmantel von Vereinen

In Deutschland geht der Verfassungsschutz von etwa 20.000 Mitgliedern und etwa ebenso vielen Anhängern der Grauen Wölfe aus. In Österreich geht man von einigen tausend Mitgliedern und Anhängern aus. Gemessen an den etwa drei Millionen türkischstämmigen Bürgern in Deutschland und etwa 400.000 bis 500.000 in Österreich ist es nur ein kleiner Teil. Was diese Gruppen abgesehen von ihrer Ideologie aber gefährlich macht, ist das aktive Auftreten dieser Bewegungen im Deckmantel von Kultur- und Fördervereinen, religiösen Einrichtungen oder Vertretungsorganisationen. Getreu dem Motto “(Grauer) Wolf im Schafspelz“. Die Unterwanderung oder bewusste Steuerung zahlreicher Vereine oder politischer Parteien macht die Organisation zu einem nationalen, wenn nicht sogar europäischen Problem. Menschen, die sich offen zu neo-faschistischen Gedanken bekennen, sind ganz nebenbei auch Mitglied von im Parlament vertretenen Parteien oder fungieren als Integrationsbeiräte irgendwo in einer deutschen Großstadt. Es ist unpopulär, Kulturvereine zu schließen oder die Aktivität religiöser Einrichtungen einzuschränken. Genau das machen sich die Grauen Wölfe zunutze und werden dabei – mal leiser, mal lauter – von manchen Parteien beklatscht.

Obwohl sie politisch, ideologisch und vor allem rhetorisch rechtspopulistischen Parteien näherstehen, sind Graue Wölfe oft Mitglieder von gemäßigteren oder linken Parteien. Zum einen aus Opportunitätsgründen, zum anderen weil diese Parteien gesellschaftlich akzeptierter sind. Die Mitgliedschaft und die Kontakte zu den Parteien reichen beinahe über das gesamte Parteienspektrum. Bekannt geworden sind vor allem einzelne Fälle der Linzer SPÖ zu den Grauen Wölfen, aber auch Mitgliedern innerhalb der deutschen CDU und den deutschen Grünen. Natürlich muss unterstrichen werden, dass in allen Fällen – mal konsequenter, mal halbherzig – die Parteien die entsprechenden Mitglieder ausgeschlossen haben. Bis heute werden aber zu antirassistischen Diskussionen oder Integrationsforen auch Vertreter der Grauen Wölfe eingeladen werden. Wenn ausgerechnet jene, die sich gegen Fremdenhass einsetzen, MHP- oder AKP-nahe Vereine verharmlosend als Jugendorganisationen abtun, dann ist das entweder naiv oder heuchlerisch. Meistens beides.

Die Grauen Wölfe, die MHP und Erdogan: Eine Zweckgemeinschaft im Ausland

Dennoch dienen die Grauen Wölfe, die eine politisch aktive Rolle vor allem bei den Jugendlichen einnehmen, als ein gutes Wählerstimmenrohr innerhalb der türkischen Community. Die Grauen Wölfe selbst sind weit über die MHP Grenzen anerkannt und finden dort Sympathisanten. Nicht zuletzt wählen, nachdem 2018 eine Wahlallianz zwischen der MHP und AKP gebildet wurde, die in Österreich oder Deutschland lebenden Grauen Wölfe die Erdogan-Partei AKP. Nicht zuletzt wurden bei ausländischen Wahlveranstaltungen von Erdogan nur zu oft die drei Halbmonde (die Kriegsfahne des Osmanischen Reiches als das Parteisymbol der MHP) oder der Wolfsgruß gesichtet. Das was für die Neo-Nazis der Hitlergruß ist, ist für türkische Ultranationalisten der Wolfsgruß – ein Wolf, der nach seinem Rudel ruft. Als der Wolfsgruß in Österreich berechtigterweise verboten wurde, wurde Wien zum Angriffsziel der türkischen Diplomatie.

Es wäre falsch, zu behaupten, dass innerhalb der Türkei die MHP und AKP freundschaftliche Beziehungen miteinander pflegen würden. Ganz im Gegenteil, es gibt genug Unterschiede in der Radikalität der Parteien. Was beide dennoch – vor allem im Ausland – vereint, ist der gemeinsame Feind: Das Nichttürkische. Deswegen finden sich schwammige Übergänge zwischen Grauen Wölfen und AKP-Anhängern innerhalb der österreichisch-türkischen und deutschen-türkischen Communities. Beide Anhängerschaften sympathisieren mit autoritären Systemen, empfinden Integration als einen Verrat an das Türkentum, leugnen den Völkermord, sind antipluralistisch und antidemokratisch gesinnt. Die Frage zwischen einer MHP und einer AKP ist eine Frage der Intensität, eine Intensität im Pan-Turkismus. Es ist nahezu absurd, dass nationalistische Auslandstürken grauer sind als der Wolf in der Türkei. Während in türkischen Großstädten tendenziell die Opposition gewann, erreichte die AKP in Österreich, der Niederlande und Belgien über 70% , in Deutschland über 60% der Stimmen (die MHP exklusive).

Durch harmlose, jugendfreundliche Angebote, die von Sport, Folklore-Konzerten bis hinzu religiösen Veranstaltungen reichen, können sie den Mainstream erreichen. Vielen Organisationen, die jahrzehntelang als Partner im Bereich Integration galten, wird eine Nähe zur AKP, MHP oder den Grauen Wölfen vorgeworfen. Die Bandbreite reicht von den prominenten Vereinen wie etwa ATIB und DITIB, UID (Union Internationaler Demokraten) bis hin zur Türkischen Föderation, zahlreichen Kulturvereinen oder manchen Moscheen.

Der politische Rand gehört nicht in die Mitte

Die west- und zentraleuropäische Politik hat Hemmungen gegen ausländischen Rechtsextremismus aufzutreten, denn man hat Angst, dass einem selbst Fremdenhass vorgeworfen wird. Die Ausweisungen mancher Imame, Schließung mancher Moscheen, in denen Schlachten nachgespielt wurden, das Verurteilen mancher Organisationen, das Verbot des Wolfsgrußes und Erdogan-Wahlveranstaltungen sind wichtige Lichtblicke. Durch solche Vereine macht man weder der Gesamtgesellschaft, noch jenen türkischstämmigen Bürgern, die sich davon distanzieren, einen Gefallen. Vor allem linksgerichtete Parteien sollten aus Opportunitäts- und Imagegründen sich nicht zu den Komplizen des türkischen Nationalismus machen. Wer die Grauen Wölfe und Co. heute vernachlässigt, vernachlässigt den Rechtsextremismus und läuft Gefahr, Faschismus und Segregationen zu honorieren. Türkisch-ultranationalistische Kräfte gehören nicht in die gesellschaftliche Mitte, sondern zum politischen Rand.

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