Wird die Automatisierung langfristig zu Massenarbeitslosigkeit in Deutschland führen?

Gastbeitrag von The Buzzard

Ob in Büros, Fabrikhallen oder Krankenhäusern – Roboter und Algorithmen werden dem Mensch in Zukunft immer mehr Arbeit abnehmen. Arbeitsschritte, die heute noch von Menschen gemacht werden, laufen in Zukunft digital und automatisch. Was bedeutet das für unsere Gesellschaft? Darüber streiten Experten. Die Redaktion der journalistischen Empfehlungsplattform „The Buzzard“ hat fünf unterschiedliche Argumentationen zusammengestellt.

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Die Phase der Automatisierung schafft keine Arbeitsplätze, sondern vernichtet sie.

Patrick Spät ist promovierter Philosoph, Kapitalismuskritiker und Automatisierungs-Pessimist. Er geht nicht nur davon aus, dass durch die Automatisierung mehr und mehr Menschen in Leiharbeit, als Selbstständige und im Niedriglohnsektor arbeiten werden. Spät meint in seinem ZEIT-Online Beitrag auch, dass unter dem Strich mehr Jobs verloren gehen als dass neue entstehen werden. Das hat für Spät zwei wesentliche Gründe. Erstens entwickelten sich die Technologie und ihre Produktionskapazitäten schneller als die Märkte, die immer mehr gesättigt sind. Zweitens sind die neuen Technologien laut Spät anders als in früheren Phasen so effektiv, dass sie weit mehr Jobs ersetzen als für die Produktion oder Bedienung der Maschinen notwendig sei.

Die verlorenen Arbeitsplätze werden woanders wieder ausgeglichen

Im Zeitalter der Digitalisierung werden in der Arbeitswelt zwar immer mehr Roboter eingesetzt – das führe aber keineswegs zu Massenarbeitslosigkeit, sagt der VWL-Professor Jens Südekum in einem Beitrag von der Webseite „Wissenschaftsjahr“. Anders als Spät ist Südekum sicher, dass durch den digitalen Wandel auch viele neue Arbeitsplätze entstehen werden. Zwar sorgen Roboter dafür, dass es in manchen Bereichen weniger Arbeitsplätze gebe, vor allem in der Industrie. In wirtschaftsnahen Dienstleistungen seien gleichzeitig aber Arbeitsplätze dazugewonnen worden. Das gleiche das Jobdefizit aus. Die Veränderungen in der Arbeitswelt finden außerdem nicht von heute auf morgen statt, sondern über Generationen hinweg. Eher sieht er ein anderes Problem: Die Digitalisierung verschärfe die Ungleichheit der Einkommen.

Es wird keine Massenarbeitslosigkeit aber ein Überangebot an Arbeitskräften in nicht-automatisierten, niedrig qualifizierten Bereichen geben

Ähnlich wie Südekum sieht der Digitalisierungs-Experte Sascha Lobo die Angst vor Jobverlust durch Automatisierung als unbegründet. Das Problem, vor dem wir möglicherweise bald stehen, ist nicht die Massenarbeitslosigkeit, sondern die zunehmende Polarisierung der Arbeitswelt in Arme und Superreiche. Auf der einen Seite werde es wenige hochqualifizierte Digital-Experten geben, die die neue Welt selbst aktiv mitgestalten. Auf der anderen werde der von der Entwicklung überrannte Rest stehen, der sich im wachsenden Wettbewerb um die verbliebenen Stellen mit einem Hungerlohn zufrieden geben müsse. Die Mittelschicht als gesellschaftliches Bindeglied zwischen Arm und Reich werde verschwinden, meint Lobo im Artikel von Spiegel Online.

Frauen brauchen keine Angst um ihre Jobs haben – Männer aber schon

Eine ganz andere, überraschende Folge der Digitalisierung beschreibt Fabrizio Carmignani auf THE CONVERSATION. Die Angst, dass Roboter eines Tages die meisten Menschen in ihren Jobs ersetzen, sei ihrer Meinung nach prinzipiell unbegründet. Jedoch seien Männer stärker von den Folgen des digitalen Wandels betroffen als Frauen. Sie argumentiert, dass Frauen einerseits häufiger in Berufen arbeiten, die starke soziale Fähigkeiten erfordern. In diesen Jobs können Menschen schwerer durch Roboter ersetzt werden. Andererseits seien Frauen in Industrieländern durchschnittlich besser gebildet und haben mehr Digitalkompetenz als Männer. Das macht sie zu besseren Fachkräften. Und laut Carmignani werden in Zukunft immer weniger Hilfs- und immer mehr Fachkräfte gebraucht werden. Denn die Kompetenzen von gut ausgebildeten Fachkräften sind schwerer durch Automatisierung zu ersetzen.

Das bedingungslose Grundeinkommen könnte uns retten

Der Philosoph Richard David Precht ist überzeugt: Die Digitalisierung wird mehr Arbeitsplätze vernichten, als sie schaffen wird. Um die Probleme der Massenarbeitslosigkeit abzufedern, gebe es nur eine Lösung: Ein bedingungsloses Grundeinkommen. Denn damit würden sich alle Menschen gleichbehandelt fühlen. Ein Arbeitsloser hätte dann nicht das Gefühl, von der Gesellschaft nur mitgetragen zu werden, so Precht in einem Beitrag von Xing.

Die Fakten im Überblick

Wie viele Menschen werden durch Automatisierung ihre Jobs verlieren?

Die Schätzungen sind je nach Studie und analysierter Region sehr unterschiedlich. Die Beratungsfirma McKinsey beispielsweise berechnet in einer Analyse, dass bis 2030 weltweit zwischen 400 und 800 Millionen Jobs durch die Automatisierung ersetzt werden könnten.

Wie viele in Deutschland?

Auch für Deutschland variieren die Zahlen beträchtlich je nach Schätzung. Wie die ING DiBa in einem Report erklärt, variieren die Aussagen über mögliche Arbeitsplatzverluste in Deutschland je nach Studien zwischen 9 und 59 Prozent.

Wer ist betroffen?

In der Industrie ist der Einsatz von Robotern weit fortgeschritten. Maschinelles Lernen und künstliche Intelligenz dürften aber dafür sorgen, dass sich künftig auch viele Bürotätigkeiten leicht automatisieren lassen.

Die OECD zählt folgende Berufe als besonders automatisierungsgefährdet: Bäckerinnen und Bäcker, Bergleute, Bürohilfsberufe, Chemie- und Kunststoffberufe, Elektroberufe, Genussmittelherstellung, Werkzeugmechanikerinnen und –mechaniker sowie Berufe in den Bereichen Metallerzeugung, Papierherstellung, -verbarbeitung, Druck, Textilherstellung und -verarbeitung, Steinbearbeitung,Warenprüfung und Versand.

Tiefergehende Analysen und die gesamte Debattenübersicht findet ihr hier auf https://thebuzzard.org/themen/technologie/zukunft-der-arbeit-wird-automatisierung-langfristig-zu-massenarbeitslosigkeit-in-deutschland-fuehren/

The Buzzard ist ein Nachrichten- und Debatten-Navigator mit Blick für die großen Fragen unserer Zeit. In der hektischen Nachrichtenwelt vermitteln wir unseren Leserinnen und Lesern den Überblick und empfehlen spannende, häufig überraschende Perspektiven, die den eigenen Horizont erweitern und die eigene Haltung immer wieder in Frage stellen.

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