Viel hört und liest man momentan über den angedachten Einsatz von Datenauswertungen zur Bekämpfung der Ausbreitung des Virus.

Es gibt einige Fragen zu klären:

1. Ist es in Zukunft überhaupt notwendig, Infektionswege nachzuvollziehen oder reichen die Kapazitäten des Gesundheitssystems auch so aus?

Schwer einschätzbar. Man sieht anhand der Statistiken, dass Österreich - sicher auch dank der verhältnismäßig früh und rigoros getroffenen Maßnahmen - generell noch ganz gut dasteht. Dennoch ist nicht auszuschließen, dass noch weitere Infektionswellen kommen werden, solange bis eine gewisse Herdenimmunität erreicht ist. Nachdem diese Herdenimmunität aber ohnehin das Ziel ist, ist fraglich, ob eine Überwachung für Nichtrisikogruppen wirklich notwendig ist. Womöglich wäre es besser, die Wirtschaft nach und nach wieder in Gang zu setzen, Maskenpflicht beizuhalten und Risikogruppen konsequent zu isolieren? Eine sinnvolle Ergänzung dazu wäre eine freiwillige und gut funktionierende App wohl trotzdem. Auch wenn sie nicht jeder einsetzt, könnte man gezielt jene Personen testen, die laut App Kontakt hatten und so die Ausbreitung etwas verlangsamen.

2. Wie funktioniert die App?

Momentan ist in Österreich eine auf Bestreben des Roten Kreuzes entwickelte App in Umlauf. Diese ist von der Funktionalität her noch unzureichend, nachdem ein automatisches Tracking gar nicht stattfindet. Stattdessen muss manuell ein "digitaler Handshake" durchgeführt werden, die Identifikation erfolgt mittels Bluetooth, außerdem werden Ultraschall-Signale ausgesendet, um die Distanz zu anderen App-Benutzern zu messen. Zum Abhören der Ultraschallsignale benötigt die App allerdings auch die Zugriffsberechtigung für das Mikrophon, was sicherlich nicht im Sinne einer datenarmen Erhebung ist.

3. Wie könnte man die technische Funktionalität der App verbessern und welche Probleme gibt es dabei?

Theoretisch wäre es wohl möglich, auf Ultraschall zu verzichten und nur Bluetooth zur Koppelung mit anderen Geräten einzusetzen. Nachdem BT allerdings eine Reichweite von mind 10m hat, würden dann wohl viele Geräte in Betracht gezogen, obwohl gar kein naher Kontakt erfolgte. Statt Ultraschall die Bluetooth-Signalstärke zur Distanzermittlung miteinzubeziehen, könnte Abhilfe schaffen.

Beim Thema Bluetooth stößt man aber an gewisse technische Sicherheitshürden, denn zumindest unter Android (Handys von Samsung, LG, Sony, Nokia etc) ist es Apps aus Sicherheitsgründen nicht einfach so gestattet, im Hintergrund automatisch nach Bluetooth-Geräten in der Umgebung zu scannen. Um dies zu ermöglichen, muss a) Bluetooth aktiviert sein, b) benötigt die App zum Scannen der Umgebung die aktivierte Standortberechtigung, c) muss darüber hinaus noch einmalig die sogenannte Bluetooth-Suche manuell innerhalb der Standortberechtigungseinstellungen aktiviert werden. Unterm Strich: Damit das Ermitteln der Geräte in der Umgebung vollautomatisch und verlässlich funktioniert, müsste sowohl Bluetooth als auch der Standort laufend eingeschaltet bleiben. Unwahrscheinlich, dass der Benutzer das so gerne hat, die Akkulaufzeit würde sicher etwas leiden. Man sieht nun wohl auch als Laie, dass es gar nicht so einfach ist, hier eine einwandfreie Lösung zu finden. Klarerweise handelt es sich beim automatischen Abscannen der Umgebung um einen sensiblen Bereich, deshalb sind die Voraussetzungen zurecht sehr strikt.

4. Was wäre in puncto Datenschutz und Sicherheit zu beachten?

Die App muss UNBEDINGT quellenoffen (open-source) sein. Das hätte zur Folge, dass jeder technisch kundige Progammierer sich den Programmcode ansehen kann, ggf. auf Fehler und Probleme hinweisen kann. Dazu sollten auch externe Security-Audits stattfinden, bei denen unbeteiligte Programmierer-Teams die App nochmals überprüfen. Beides trägt auch dazu bei, das Vertrauen in die Funktionsweise der App zu stärken und sicherzustellen, dass kein Datenmissbrauch stattfindet.

Wichtig ist natürlich auch die sogenannte dezentrale und verschlüsselte Speicherung der erhobenen Kontakte. Das wird laut Rotem Kreuz auch bereits so gehandhabt. Dezentral bedeutet hier, dass die Daten eben nicht für alle gemeinsam auf einem zentralen Server gespeichert werden, sondern nur lokal am eigenen Gerät. Solange keine Infektion gemeldet wurde, passiert mit den erhobenen Daten also auch gar nichts. Die Benachrichtigung im Falle einer Infektion muss vermutlich trotzdem über einen zentralen Server koordiniert werden, d.h., man kann nachvollziehen, von welchem Gerät aus eine Infektionsmeldung an andere Geräte erging. Das ist grundsätzlich auch nicht schlecht, anders könnte man keine Statistiken erstellen um die Funktionsweise der App nachvollziehen zu können und dem Staat liegen die positiven Infektionsmeldungen sowieso vor, da für Infektionskrankheiten eine Meldepflicht beim Amtsarzt besteht. Die App führt also nicht dazu, dass der Staat über die Infizierung eines Bürgers benachrichtigt wird - er weiß es ohnehin schon.

5. Fazit?

Es gibt sehr viele Variablen und Unsicherheitsfaktoren, weshalb ich strikt gegen eine Pflicht zur Installation einer solchen App bin. Trotzdem möchte ich dem ein oder anderen Zeitgenossen, der ob dieser Diskussion von Orwell bis zur DDR oder gar dem baldigen Wiederausbruch des Faschismus alles heraufbeschwört den Wind aus den Segeln nehmen: Was genau wäre denn eure Zauberlösung, um die Situation in den Griff zu bekommen? Man muss Kurz, Kogler, Van der Bellen oder Nehammer nicht mögen, aber sind das für euch faschistische Antidemokraten? Im Ernst?

Und nein, es haben sich nicht alle Staaten dieser Welt verschworen, um mit diesem Virus die Bevölkerung zu knechten - es ist eine reale Gefahr, und keine durch Staatspropaganda erfundene. Das ist eben ein fundamentaler Unterschied zu Orwell'schen Szenarien. Datenschutz, die DSGVO als lästiger Klotz am Bein von vielen belächelt, jetzt plötzlich wichtig? Der unter Türkis-Blau geplante Bundestrojaner keinerlei Problem, aber diese App auf einmal schon? Google, Facebook, Amazon schmeißt jeder Smartphonebenutzer freiwillig seine Daten in den gierigen Rachen, aber wenn der Staat zeitlich befristet und mit guten Grund dasselbe machen will, ist das Faschismus?

Bedenken sind ernst zu nehmen, das ist überhaupt keine Frage und ich kann jeden verstehen, der sich aus Prinzip gegen Derartiges sträubt. Aber die Diktaturen dieser Welt wurden nicht mittels einer App errichtet, sondern mit Lügenpropaganda, unterdrückten Medien und Waffengewalt. Von einer Pflicht dieser Appnutzung ist die österreichische Politik offensichtlich schon abgerückt, also kann der gelernte Österreicher seine Empörung hoffentlich wieder auf den Nachbarn richten, der fünf Minuten vor Ende der mittäglichen Ruhezeit begonnen hat Rasen zu mähen. Und das an einem Sonntag! Unfassbar!

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Benjamin

Benjamin bewertete diesen Eintrag 06.04.2020 16:14:49

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