Das neue Feindbild hat goldblonde Haare, ist 25 Jahre alt und weiblich.

fotografiert in Friedrichshafen von mir selbst.

Von wem ich rede? Genau: Julia Engelmann.

Sie selbst tritt non-chalante auf die Bühne, plaudert aus dem Nähkästchen, hat ihre Eltern und ihren Bruder im Schlepptau, um etwa beim Publikumsgespräch das Mikrofon weiter zu reichen. Sie sagt, dass sie etwa das Lied "Grapefruit" für jemanden auf einer Party geschrieben habe, für eine fremde Person, die traurig aussah und die sie in der Situation nicht ansprechen konnte, was ihr im Nachheinein leid tat und daher schrieb sie dann das Liedgedicht "Grapefruit". Wie sie selbst durch eine Zitrusfruchtverwechslung ihres Opas bei der Grapefruit gelandet ist, schildert sie außerdem.

Locker, flockig, nein, für meine Begriffe auch nicht irre, ultra oder extrem tiefgründig - aber: unterhaltsam. Und dem Publikum schien es zu gefallen, einem überaus gemischten Publikum übrigens.

Da ich seit fünf Jahren für den Kulturteil einer Lokalzeitung - oder besser gesagt: DER Lokalzeitung hier im Ort - schreibe, bin ich oft an dem Veranstaltungsort, an dem auch Julia Engelmann aufgetreten ist. Ich kenne die "üblichen Verdächtigen", die das Haus als ihr zweites Wohnzimmer zu betrachten scheinen und ich kenne auch die übliche Altersstruktur.

Bei Engelmann geht es wirklich auffällig bunt zu: viele fremde Gesichter sind dabei und eine sehr große Altersspanne ist vertreten. Das gefällt mir.

Weniger gefällt mir die schwachsinnige Fotovorgabe ihres Managements - nur während der ersten drei Lieder (normal), ohne Blitz (eh klar), ohne Klick (hä? Werde ich jetzt gezwungen, mir eine spiegellose Kamera zuzulegen?). Dementsprechend genervt betrete ich den Saal. Die miese Laune weicht als das erste Lied eins zum Mitklatschen ist und ich munter klickend fotografieren kann, ohne dass es irgendwer hören könnte.

Und spätestens, als eine Dame aus dem Publikum nur deshalb zum Mikrofon greift (das eigentlich für Fragen an die junge Frau auf der Bühne herumgereicht wird), um sich herzlich zu bedanken für die gute Laune, die Motivation, all das, was diese ausstrahlt, bin ich ein bisschen gerührt. Die kann was, denke ich.

Später im Auto sage ich zu meiner Begleitung (den Presseluxus gönne ich mir ab und an): "Aber das war schon so ein Abend voller 'first world problems', oder?" und schäme mich direkt dafür, denn eigentlich weiß ich ganz genau, dass jeder ein eigenes Empfinden hat und das auch voll in Ordnung ist... oder wie mal eine Freundin gesagt hat, die vor ein paar Jahren wiederbelebt werden musste und seitdem an Nervenschäden leidet und kein Kurzzeitgedächtnis mehr hat: "Weißt du, ich kann doch nicht jemandem absprechen, dass es ihm scheiße geht und er leidet, wenn er eine Grippe hat, nur weil es mir selbst vielleicht schlechter geht."

Und ich glaube, das ist das Julia Engelmann-Problem.

Warum manche sie so hassen.

Weil sie sich nicht mit "echten Problemen" befasst. Und weil sie angeblich Depressionen heilen können will mit ihrem Grapefruitlied, obwohl sie das nie so gesagt hat und das Wort 'Depression' nicht einmal im Text vorkommt.

Ich finde: Unterhaltung darf genau das. Ein bisschen plänkeln, ein bisschen flach sein, kleine Alltagsprobleme lösen...

Ich finde, es ist schon verdammt viel, wenn jemand sagt, dass Julia Engelmann sie täglich motiviert.

Und ich wüsste gern, wieso das nicht einfach genug sein darf.

Denn offenbar ist es nicht genug, wenn ich mir die Shitstorms anschaue, die so harmlose Musik auslösen kann.

Und deshalb sage ich auch: Diese Kotzkultur kotzt mich an.

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pirandello

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robby

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