Ostern ist fast vorbei und damit die Fastenzeit. Wie Studien belegen, hat die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper in den letzten Jahrzehnten zugenommen. Schlanksein wird idealisiert und selbst normalgewichtige Menschen empfinden sich als zu dick. Idealmaße und durchschnittliches Körpergewicht der Bevölkerung klaffen immer weiter auseinander. Zugleich steigt die Anzahl esssgestörter Personen, wobei insbesondere Frauen betroffen sind. Für Jugendliche verstärken sich dadurch die Schwierigkeiten mit der Entwicklung eines gesunden subjektiven Körperbildes.

Das Körperbild macht Sorgen: Fragt man Jugendliche nach ihren Sorgen, wird das eigene Körperbild an erster Stelle genannt. Stress, Schule oder familiäre Beziehungen kommen erst danach. Laut einer australischen Studie, an der über 50.000 Jugendliche teilnahmen, reihten 50 Prozent der Mädchen und 27 Prozent der Burschen die Sorge um ihr Körperbild an erster Stelle.

Jedes zweite Mädchen fühlt sich zu dick: In Österreich sind die Ergebnisse zur Zufriedenheit mit dem eigenen Aussehen und Körper nicht weniger besorgniserregend: Laut HBSC-Studie der WHO 2014 gaben 51 Prozent der österreichischen Mädchen im Alter von 15 Jahren an, sie seien zu dick, obwohl nur 12 Prozent laut Body-Mass-Index als übergewichtig oder adipös eingestuft wurden. 24 Prozent (also fast ein Viertel der Befragten) hielten zum Zeitpunkt der Befragung Diät.

In Wien wurden insgesamt 737 Schülerinnen und 592 Schüler mit folgenden Ergebnissen befragt:

1/3 der Schülerinnen und 14.5% der Schüler hatten starke oder sehr starke Angst vor einer Gewichtszunahme

3/4 der Schülerinnen und 1/3 der Schüler möchten sehr dünn sein

31.5 Prozent der Schülerinnen und 17.5% der Schüler gaben an mindestens einmal in ihrem Leben einen Diätversuch gestartet zu haben

5% der Schülerinnen und 3% der Schüler gaben an, bereits in einer Therapie wegen Essstörungen gewesen zu sein

Wirtschaft und Industrie profitieren natürlich von der hohen Körperunzufriedenheit: Lebensmittel-, Diät- und Pharmaindustrie steigern mit laufend neuen Lösungsangeboten für die Gewichtsprobleme der Menschen ihre Gewinne und halten die Körperfokussierung gleichzeitig aufrecht. Kosmetik- und Schönheitsindustrie heben durch den Schönheitskult ihre Umsätze und die Modeindustrie betreibt eine Diktatur der Idealmaße 90-60-90, obwohl nur 6 von 10.000 Frauen diese Körperform haben.

Risiko für Essstörungen: 30,9% der Mädchen und 14,6% der Burschen sind gefährdet

5 Fragen zum eigenen Essverhalten bildeten die Basis für eine Studie der MedUni Wien, dem Ludwig-Boltzmann-Institut und der Porsche Fern-FH 2015.

Auf Fragen wie „fühlst du dich zu dick, während andere dich zu dünn finden?“ oder „würdest du sagen, dass Essen dein Leben beeinflusst?“ antworteten jedes dritte Mädchen und jeder siebente Bursch der insgesamt 3610 befragten Jugendlichen im Alter zwischen 10 und 18 Jahren mehr als zwei Mal mit Ja. Ein Hinweis für ein erhöhtes Risiko für Essstörungen. Auffallend war die Häufung an bejahten Antworten bei den stärker übergewichtigen Mädchen, wo jede Zweite mehr als zwei Mal zustimmte.

"Je höher das Gewicht, desto größer ist oft auch die Unzufriedenheit mit dem Körper", so Ass.-Prof. Gudrun Wagner, Psychologin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der MedUni Wien und Mitautorin der Studie. Scheinbar harmlos anmutende Diäten ebnen häufig den Einstieg in eine Essstörung. Univ.-Prof. Andreas Karwautz, Leiter der Ambulanz für Essstörungen am Wiener AKH warnt deshalb davor und rät: "Ausgewogene Ernährung und ein für Jugendliche übliches Bewegungspensum reichen zur Gewichtskontrolle völlig aus.“

Kontrollverlust und Angst zu dick zu sein

Ein erhöhtes Risiko für eine Essstörung haben laut der ersten repräsentativen Studie zur Häufigkeit psychischer Erkrankungen im Kindes- und Jugendalter in Österreich 30.9 Prozent der Mädchen (Schwankungsbreite: 28.8% – 33%) und 14.6 Prozent der Buben (Schwankungsbreite: 12.9% – 16.3%) zwischen 10 und 18 Jahren (Zeiler et al., 2015). Am häufigsten wurden angegeben: erlebter Kontrollverlust beim Essen, starker Einfluss des Essens im Allgemeinen und sich zu dick zu fühlen, obwohl andere einen für dünn halten. Rund 6 Prozent der 1976 befragten Mädchen und rund 5 Prozent der 1634 befragten Buben gaben an, schon einmal absichtlich erbrochen zu haben, weil sie ein unangenehmes Völlegefühl hatten (Zeiler et al., 2015).

Kampf ums Gewicht ein gesellschaftliches Phänomen

Der „Kampf ums Gewicht“ ist längst kein individuelles, sondern ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Ernährung ist von einem natürlichen Teil des Lebens zu einem diffizilen Faktor mit einer Unzahl von künstlichen Aspekten und Einflussfaktoren geworden.

Medien schrauben die ästhetischen Standards durch retuschierte Fotos von Hochglanz-Models in die Höhe. Mediales Mobbing von Prominenten, die den uniformen Körpernormen nicht entsprechen, ist in Society-Magazinen ein beliebter Sport, nur um zwei Seiten weiter die Botschaft des „Nimm dich an wie du bist“ zu verkünden.

Druck auf Jugendliche nimmt zu

Der Druck auf die Jugendlichen nimmt zu, denn im Gegensatz zum Erwachsenen haben Jugendliche oft nichts anderes als ihren Körper zur Darstellung ihres sozialen Status und ihrer selbst. Sich mit der eigenen Körperidentität anzufreunden, in einer Zeit, in der Körper zum Kultobjekt wird immer schwieriger und es wächst die Orientierungslosigkeit. Der Körper wird zur Dauerbaustelle, der Zwang zur Optimierung wächst, und ständige »Verbesserungen« sind political correct. Die Möglichkeiten scheinen unbegrenzt und alles ist erlaubt. Essstörungen sind hier oft eine „willkommene“ Begleiterscheinung.

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