Dieses kurze Statement richtet sich an alle vermeintlichen Antifaschisten, Gut- und Bessermenschen, an alle, die meinen, dieser Tage auf der moralisch richtigen Seite zu stehen und genau das Richtige zu tun.

Ich bin liberal. Und dazu gehört, dass man sich auch mit anderen Meinungen auseinandersetzt, auch wenn einem diese nicht gefallen. Genau das ist doch Demokratie: Streit, Debatten, Diskussionen. Was wir dieser Tage erleben, hat damit nichts mehr zu tun.

Auch ich wurde schon mehrfach Opfer der Säuberungsaktionen, weil ich immer ehrlich das niederschreibe, was ich denke, und zum Beispiel den politischen Islam kritisiere. Einer der Abtrünnigen war ein Pressekollege, der vor zwei Jahren noch in Afghanistan mit einem hochrangigen Mullah zum Interview Tee getrunken und anschließend in seinem Blog von dieser Begegnung geradezu geschwärmt hat ("dieser Mann hatte eine echte Aura" ). Ich bin in seinen Augen jetzt wahrscheinlich sogar schlimmer als ein Islamist, der Frauen am liebsten verschleiern will und von der islamischen Weltherrschaft träumt. Dass ich einen Beitrag von Ralph Giordano aus der WELT gepostet habe, war für meinen Kollegen zu viel der Meinungsfreiheit. Mit einem Klick hatte er der Demokratie einen Bärendienst erwiesen.

Menschen löschen Freunde, die die AfD gewählt haben oder gegen Merkels Flüchtlingspolitik sind, aus ihren Listen. Es gibt sogar eine App, die das Entfernen unliebsamer Meinungen noch einfacher macht. Wie pervers ist das denn? Was ist das Ziel? Dass wir irgendwann nur noch Leute in der Liste haben, die unsere Meinung haben? Eine gesäuberte, politisch korrekte Freundesliste sozusagen? Mit Nazis will auch ich natürlich nichts zu tun haben, aber wir sollten alle mal wieder runterkommen! Selbst die AfD ist keine Nazipartei und ihre Anhänger, die sie zumeist aus Protest gewählt haben, sind es in der überwältigenden Mehrheit auch nicht.

Diese Kultur des Löschens hat faschistische Züge. Man gibt vor, der größte Antifaschist zu sein, wird aber gerade dadurch selbst faschistisch. Ihr wollt antifaschistisch sein? Unternehmt etwas gegen die Salafisten, deren Zahl stetig steigt. Eine Freundin von mir, die sich dagegen einsetzt, hat deshalb Polizeischutz und alleine letztes Jahr unzählige Morddrohungen bekommen. Protestiert gegen Merkels Partner Erdogan und stellt die 60 Prozent der Deutschtürken zur Rede, die seinen Kurs unterstützen. Protestiert gegen die Grauen Wölfe (türkische Nazis), die z.B. auch in der CDU sind. Geht gegen die deutschen Waffenlieferungen auf die Straße, mit denen im Nahen und Mittleren Osten täglich Menschen massakriert werden und die die Flüchtlingsströme auslösen. Unternehmt auch etwas gegen deutsche Nazis: gegen die freien Kameradschaften zum Beispiel oder die rechten Hooligans. Aber versucht nicht, über 70 Jahre nach den Verbrechen des Dritten Reiches eure kollektive Selbstverachtung und euer schlechtes Gewissen zu beruhigen, indem ihr andere Meinungen, die auf dem Boden unserer Verfassung stehen, mit einem Mausklick entfernt. Ihr spielt Antifaschisten mit der Chipstüte vom Sofa aus, fühlt euch moralisch überlegen und merkt gar nicht, wie ihr dadurch selbst zu Faschisten mutiert. "Ich mag verdammen, was du sagst, aber ich werde mein Leben dafür einsetzen, dass du es sagen darfst." Das ist Demokratie! Wenn es eins gibt, das wir aus der Vergangenheit gelernt haben sollten, dann das, obwohl es natürlich mitunter anstrengend ist. Doch das gehört dazu.

Diskutiert auch mit AfDlern, aber macht das mit offenem Visier, fragt nach den Gründen für die Wahl, streitet und überzeugt die Leute von euren Ansichten und findet Lösungen. Sucht das Gespräch anstatt unliebsame Meinungen auszugrenzen. DAS ist Demokratie! Heimlich Andersdenkende löschen? Wow, eine tolle Leistung nach dem Motto: "Ich habe auf Entfreunden geklickt - was bin ich nur für ein toller Antifaschist!" Es war nie einfacher, sich mit einem Mausklick so dermaßen selbst zu feiern.

Churchill sagte einst: "Die Faschisten der Zukunft werden sich Antifaschisten nennen." Ich muss leider immer mehr feststellen: Er hatte Recht.

Markus Hibbeler

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