Die Erpressernummer

Eine funktionierende Rechtsstaatlichkeit ist etwas wahnsinnig Geiles, das wird uns besonders bewusst, wenn sie ausbleibt – so geschehen, geschieht und wird es geschehen in der Russischen Föderation.

Eine weißrussische Bekannte führte letzthin einen Wohnsitzwechsel von Minsk nach Moskau durch, allerdings nicht nur am Papier sondern zog mit Sack und Pack und Auto in die Russische Hauptstadt. Am dritten Tag ihres neuen Lebens in der 10-bis-20 Millionen Metropole fand sie ihr Auto ohne dessen weißrussische Kennzeichen, aber mit Handlungsanweisung unter dem Scheibenwischer: Ihre Nummerntaferln wurden gestohlen, können aber „wiedergefunden“ werden. Per SMS (!) wurde mit den Entführern Kontakt aufgenommen, 5000Rubel (ca 80 Euro) Lösegeld ausverhandelt und auf das pre-paid-Handy überwiesen. Siehe da, es wurde sogar Wort gehalten (keine Selbstverständlichkeit!) und die Kennzeichen tauchten wieder auf.

Ein Einzelfall? Keineswegs! Die Russische Duma verabschiedete letztes Jahr ein Gesetz, das es per 1.1.2014 ermöglicht, im Falle eines Diebstahls neue Taferln bei jedem Autohändler so billig zu bekommen (500 Rubel, also mittlerweile unter 10 Euro), dass und damit (!) das Geschäftsmodell der Kennzeichendiebe – mit russischen Taferln – unrentabel würde; mit ausländischen Kennzeichen funktioniert es auf Grund des höheren Wiederbeschaffungsaufwandes weiterhin.

Jetzt könnte man selbstverständlich die korrupte russische Gerichtsbarkeit und die bestechlichen und damit teilweise an Gerechtigkeit desinteressierten Cops anprangern. Man könnte auch anführen, dass die Drahtzieher solcher Geschäftsmodelle sich zumeist aus Gesocks aus den südlichen Ex-UdSSR Republiken rekrutieren, und dass Russland durch seine geographischen Ausmaße mit Herausforderungen zu kämpfen hat, die in Mitteleuropa kaum verstanden werden können.

Vielleicht hat der eine oder die andere LeserIn Lust sich dazu einladen zu lassen, vor der nächsten Vorverurteilung von Russischen Verhaltensweisen kurz inne zu halten, um sich das Milieu vor Augen zu führen, in dem spezifischen Herangehensweisen an Lebenssituationen nicht jegliche Daseinsberichtigung abgesprochen werden kann.

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fischundfleisch

fischundfleisch bewertete diesen Eintrag 14.12.2015 23:16:55

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