Die AfD erzielt in Göttingen 1,8 Prozent – ein Ergebnis, das weniger überrascht als vielmehr bestätigt, wie stark lokale Realität und Demografie politische Mythen entlarven.

Göttingen ist keine Hochglanz‑Metropole, kein reiches Schaufenster deutscher Kommunalpolitik. Die Verwaltung kämpft wie überall mit Engpässen, die Grünen regieren klar linksökologisch, und dennoch bleibt die AfD politisch praktisch unsichtbar. Die Stadt wirkt wie eine lebendige Brandmauer gegen Faschismus, getragen von einer Bevölkerung, die demokratische Kultur nicht nur verwaltet, sondern lebt.

Der Blick auf die Wahl zeigt: Die üblichen Erzählungen – „Nichts läuft mehr“, „linksgrüne Politik treibt Menschen zur AfD“ – halten der Realität nicht stand. Göttingen ist ein Gegenbeweis im Maßstab einer ganzen Stadt. Die Warteschlange vor dem veganen Kebab‑Laden, 50 Meter lang und mit Ordnern organisiert, ist fast eine symbolische Szene: Eine junge, diverse, akademisch geprägte Stadtgesellschaft, die sich nicht von apokalyptischen AfD‑Narrativen beeindrucken lässt.

Der entscheidende Faktor bleibt die Demografie. Als klassische Hochschulstadt hat Göttingen einen hohen Anteil junger, gebildeter Menschen. In solchen Milieus haben rechtsextreme Parteien traditionell geringe Resonanz. Nicht, weil Studierende „besser“ wären, sondern weil sie häufiger Wahlprogramme lesen, politische Zusammenhänge verstehen und weniger empfänglich für einfache Feindbilder sind. Eine antifaschistische Grundhaltung ist hier kein Nischenprojekt, sondern Teil des Alltags.

Das Ergebnis zeigt auch, warum Teile der Union die Brandmauer gegen rechts scheuen. In einer Stadt wie Göttingen wäre die CDU hinter Grünen, SPD und Linken nur „ferner liefen“. In anderen Regionen dagegen winken Machtoptionen, Posten, Koalitionen – genau jene Dynamiken, die Markus Söder als „Linksruck“ dramatisiert. Göttingen beweist: Wo demokratische Kultur stark ist, verlieren rechte Parteien an Boden, ganz ohne Untergangsrhetorik.

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