auch hier: https://angenehmwiderwaertigzugleich.home.blog/2026/09/15/hier-lag-arno-schmidt-richtig/

In den Sockel, erklärt Walter Eggers, leidenschaftlicher Sammler von Staatshandbüchern des Landes Hannover, seiner Geliebten Frieda Thumann, als sie aus dem Hauptbahnhof Hannover treten und am Ernst-August-Denkmal vorbeigehen, in den Sockel dieses Denkmals sei ein Hannoversches Staatshandbuch eingemauert. Die Szene spielt, wie der gesamte 1956 erschienene „historische Roman“ „Das steinerne Herz“, im Jahre 1954. Eggers und Frieda haben in einem Zwischenraum des thumannschen Hauses in Ahlden einen Münzschatz entdeckt, den sie nun in der Landeshauptstadt zu Geld machen wollen.

Man überliest diese Stelle im Roman leicht und könnte sie – unabhängig davon, ob die Behauptung überhaupt stimmt – lediglich für einen Ausdruck der Begeisterung von Eggers für sein Sammelgebiet halten, bei der Lektüre des Romans fiel mir aber auf, wie nüchtern das Land Hannover, das 1866 in Preußen und 5 Jahre später im deutschen Kaiserreich aufging, damals handelte: Weder militärische noch kulturelle Bezüge sind in der „Zeitkapsel“ zu finden, sondern ein Überblick über die Verwaltung des Landes, eine Art „frag den staat“ des 19. Jahrhunderts, in dem die Verantwortlichen und Akteure des Staatswesens aufgeführt werden. Es geht also um das, was man heute mit dem Begriff „Transparenz“ bezeichnet und zugleich verschleiert, dass in dem digitalen Nebel die Verantwortlichen oft schwer auffindbar bleiben. Im Staatshandbuch aber werden sie schwarz auf weiß aufgelistet.

Wenn aber einem Fürsten, der am Ende seiner Regentschaft dem Land eine liberale Verfassung gab (die sein Nachfolger prompt wieder aufhob), ein Verzeichnis seiner Verwaltungsmitarbeiter in den Sockel seines Denkmals gelegt wird, wirkt das wie ein Misstrauensvotum gegen jede Vorstellung von Gottesgnadentum: Ohne uns Beamte wärst du nix, ohne uns könntest du deinen Scheiß alleine machen. Und was ist ein Staat eigentlich anderes als die Summe seiner Administration? Das scheint wenig zu sein, ist aber eine ganze Menge, werden doch Kategorien wie „Kultur“ oder gar „Rasse“ außen vor gelassen, der Staat ist nichts mehr als seine verwalteten Bürger.

Eine schöne Utopie, zumal ich an dem Tag, an dem ich selbst am Ernst-August-Denkmal vorbeiging, einige hundert Meter weiter auf einen Stand der AfD stieß, der mit dem Slogan „Für ein schönes Stadtbild“ warb. Was sich scheinbar harmlos anhört, bezieht sich auf Merz‘ unsägliche Aussage vom „Stadtbild“, in dem fremd aussehende Menschen ihn stören. Ein „schönes“ Stadtbild im Sinne der Faschisten ist demnach eines, in dem „Fremde“ fehlen. Es ist die Fantasie von der „ethnischen Säuberung“ (Merz in einem lichteren Moment), die das Ergebnis der von der AfD propagierten „Remigration“ sein soll. Wer nicht dazugehört, soll weg, aussortiert werden nach willkürlichen Kategorien. Die Staatsbürgerschaft als völkisches Konzept, das hatten wir bereits. Was aber spricht dagegen, jede*n, der oder die in diesem Land lebt und von seiner Verwaltung verwaltet wird, als Staatsbürger*in anzusehen?

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