Sie schlagen die Kunst und meinen Demokratie und Menschenrechte

Vor ein paar Tagen hat Hans Rauscher in seinem Einserkastl im Standard darüber berichtet, dass die Yale University drauf und dran ist, eine beliebte Einführung in die Kunst der Moderne zu streichen. Als Grund wurde "the overwhelming whiteness, maleness, and straightness of the artists who comprise the Western canon" genannt. Dementgegen soll künftig in der Auseinandersetzung mit Kunst ein stärkerer Fokus auf "questions of gender, class and race" sowie "the arts involvement with Western capitalism" gelegt werden.

Und also bricht ein weiterer Puzzle-Stein aus einem europäischen Selbstverständnis, einen spezifischen Kunstbegriff in die Welt gebracht zu haben, der zusammen mit anderen aufklärerischen Errungenschaften ein Versatzstück einer globalen Zivilisation und damit von universeller Bedeutung ist.

Der Widerspruch scheint unauflöslich: Ja, es waren überwiegend weiße, europäische - mit einigen Ausnahmen - heterosexuelle - Männer, die diese Errungenschaft einer europäischen Moderne in die Welt gesetzt haben. Die neue Generation der Zensor*innen vergisst dabei allzuleicht, dass es – innerhalb und zunehmend auch außerhalb des Kontinents - die jeweils nächsten Künstler*innen-Generationen und ihre Avantgarden waren, die diese Belegschaft aus Altvorderen nicht nur verehrt sondern auch heftig bekämpft haben. Damit muss jetzt Schluss sein! Kunst soll künftig ausschließlich getragen sein von einem identitätsverliebten, streng regional abgrenzbaren Antikolonialismus, der sich das Recht nimmt, das, was da an künstlerischen Äußerungen von den falschen Leuten in all den Jahrhunderten in Europa produziert worden ist, auf dem Misthaufen der Geschichte zu entsorgen.

Da kann man doch gleich noch einen Schritt weitergehen: Warum nicht auch die amerikanische Unabhängigkeitserklärung oder die Allgemeine Deklaration der Menschenrechte verabschieden? Sie wurden von demselben alteuropäischen Phänotypus verfasst und umgesetzt. Warum nicht gleich das gesamte aufklärerische Gedankengut, das als unverbrüchliche Wertvorstellungen, die von Europa ausgegangen (ohne deshalb als spezifisch europäische vereinnahmt werden zu können), universelle Gültigkeit beansprucht?

Über die Indienstnahme gutmeinender Totengräber und ihre verheerenden Wirkungen auf den gesellschaftlichen Fortschritt

Immerhin gibt es auch hierfür bereits entsprechende Hinweise: In der Wochenend-Ausgabe der Wiener Zeitung unterzieht Silvio Vietta "europäische Werte" (unter ihnen als Belege angeführt: Magna Carta, Bill of Rights oder die Déclaration des Droits de l'Homme) einer umfassenden Kulturrelativierung. Samuel Huntingtons "Clash of Civiliation" darf da nicht fehlen. Wir haben es halt, so nicht nur sein Befund, mit weitgehend unüberbrückbaren kulturellen Unterschieden zu tun. Also bezieht sich die eine Kultur halt auf Demokratie und individuelle unveräußerliche Menschenrechte, die anderen auf Autokratie und unbedingte Unterwerfung unter religiöse oder sonst wie einseitig verordnete Vorschriften. Da kann man halt nichts machen.

Man kann diese Geschichte aber auch anders lesen: Als einen weiteren Sieg derer, die in einem weltweiten Konkurrenzkampf die Chiffre „Europa“ als letztes Hindernis auf dem Weg zur Durchsetzung eines autoritär gelenkten, kapitalistischen Herrschaftsanspruches in Stellung bringen. Es wären dann ein paar „alte, weiße, machtgeile und übergriffige Männer“, die sich hinter europäischen Werten zu verschanzen suchen und doch nichts anderes wollen, als ihren überkommenen Herrschaftsanspruch aufrecht zu erhalten. Kein Grund, noch einmal deren Wertvorstellungen zu folgen.

Zum wievielten Mal: Kultur ist nicht Kunst. Eher ist Kunst das Gegenprogramm zu Kultur

Denn jetzt ist "Dawning of Europe" angesagt. Dazu gilt es, Europa nicht nur ökonomisch (mit Hilfe der Brexiteers sind die Kämpfer gegen einen europäischen Anspruch der Mitgestaltung einer künftigen Weltgesellschaft ein gutes Stück weitergekommen) nieder zu ringen. Europa muss auch symbolisch an sein Ende gebracht werden: Dabei hilft, auch der europäischen Kunst einen entscheidenden Schlag zu versetzen und sei es mit Hilfe der Indienstnahme diskriminierter Gruppen, die verzweifelt auf der Suche nach Identität sind und damit erfolgreich auf das Ersatzfeld der Kultur verwiesen werden. Und so wird Kunst mit ihren europäischen Ursprüngen vorgeschoben, um das eigentliche Ziel zu erreichen: Zumindest die Relativierung all der aufklärerischen Errungenschaften, die in Europa ihren Ursprung genommen haben, ohne dass der Kontinent – schon auf Grund all derer, die heute in allen Teilen der Welt für deren Durchsetzung kämpfen – heute noch einmal ein Monopol darauf erheben könnte. Also geht es nicht um Kunst (ihr ist so oder so enden wollend) sondern um die globale Durchsetzung einer autoritären Konterrevolution, gegen die das, wofür Europa auch steht, noch Widerstand zu leisten vermag.

Das wär doch was: Eine Europa erprobte Kulturministerin, die mit Hilfe der Kunst zur Durchsetzung überkultureller, weil global gültiger Wertvorstellungen beiträgt

Und plötzlich sehe ich die Bestellung von Ulrike Lunacek als Staatssekretärin für Kunst und Kultur in einem neuen Licht. Als versierte Europapolitikerin könnte es ihr in besonderer Weise gelingen, Kunst gegen alle Versuche eines neuen Autoritarismus in Stellung zu bringen. Sie könnte es sich zur besonderen Aufgabe machen, das „Kulturland Österreich“ als ein herausragendes Bollwerk gegen politische Tendenzen, noch einmal eine umfassende Kulturalisierung der nationalen Gesellschaft zu versuchen und bei der Gelegenheit die zentrale Wertvorstellungen der Aufklärung zu eliminieren vorzubereiten. In ihrer neuen Zuständigkeit wäre sie prädestiniert dafür, den Umgang mit der Freiheit der Kunst (dies schließt ein, sie uneingeschränkt erfahren zu dürfen – und sich selbst eine Meinung dazu zu bilden) zur aus Europa in die ganze Welt strahlenden Maßeinheit in der Wahrung der unverbrüchlichen Menschenrechte (die als solche nicht kulturell gefasst sind sondern alle kulturellen Gegebenheiten hinausweisen) zu machen.

Vielleicht ist das ja gemeint mit der Erarbeitung einer „Kulturstrategie“, wie sie das neue Regierungsprogramm vorsieht?

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