Es geschah an einer Kreuzung, an einem Fußgängerübergang, in Wien an einem September Sonntagmorgen, der verregneter nicht sein konnte.

Sie, eine Frau in jenem Alter, die genau wusste wo es langgeht und keine inneren Barrikaden zum anderen Geschlecht aufgebaut hatte, geschweige ihre inneren Zwänge diesen um die Ohren schmiss. Diese Frau schöpfte voll aus ihren Erfahrungen, die Frauen nun haben – wenn sie im Stande sind das Leben zu genießen und dabei die Welt umarmen können. Eine Frau, die die Männerwelt gut kannte und keine Wunden in ihr klafften, die sie mit Aggression und Vorverurteilung kitten musste, weil es eben keine Wunde gegenüber Männern gab. Eine Frau halt, keine gebärende Person, die sich auch von dieser Begrifflichkeit dummer Menschen nicht einordnen oder betiteln lassen wollte.

Sie schritt über die Straße mit Eleganz, Chick und mit einer Weiblichkeit, die ihre sanften Schwünge und Rundungen betonten und allen Entgegenkommenden signalisierte, dass sie sich ihrer Jahre voll bewusst sei und doch ihre Reize, die Reize einer Frau - gut einzusetzen wusste. Sie zählte nicht zu jenen verlorenen Gestalten, die in furchtbare, aber dafür umweltfreundliche, Kleidung behangen, mit bescheuerten Rucksäcken, als wären sie pubertierende Pfadfinderinnen oder gar verirrte Bergwanderinnen, die das Praktische niemals mit dem Weiblichen in Einklang bringen konnten. Nicht einmal als sie ihr Elternhaus verlassen mussten – weil sie die Eltern selbst nicht mehr gepackt haben.

Nein, so war diese Frau nicht und man durfte sie mit Recht Frau nennen. Wenn dir solche Frauen auf der Straße begegnen, dann lächle und nicke sanft mit dem Kopf, als Ehrerbietung und Verneigung vor solchen wundervollen Wesen und danke deinem Schöpfer oder wen auch immer, dass du diesen begegnen durftest. Solche Frauen, solltest du einmal den Wunsch empfinden, ihnen öfters auf den Straßen zu begegnen, dann fliege nach Zagreb oder Belgrad – und du wirst dich alle 10 Minuten aufs Neue verlieben. Das ist der Balkan – wo Frauen noch Frauen sind…

Zurück zu dieser Kreuzung nach Wien, wo es eine Seltenheit ist, solchen Frauen zu begegnen: Der Mann, der ihr auf den Zebrastreifen entgegenkam, erhaschte unter ihrem Regenschirm für einen kurzen Moment ihren Blick. Die langen nassen dunklen Haare, ihre langen Wimpern eines Rehes, ihr klarer und stolzer Blick und die strahlenden grünen Augen rissen den Mann aus seinem Tagtraum. Er wurde augenblicklich wach. Eine Begegnung Siddhartha gleich, der auf einem indischen Markt, seine Meisterin erkannte, und schlagartig im Leben erwachte.

Er war ein Mann, der sich ebenfalls in den Jahren befand, mit leichtem Narben im Gesicht, die nicht von einem Kampf herrührten, sondern vielmehr sein Leben widerspiegelten und jedem der in dieses Gesicht sah, sagte, ich habe gelebt und ich habe es geliebt - jeden Augenblick davon. Mit anderen Worten, es war ein Mann, der seine Männlichkeit in der Bewegung trug, in seinem aufrechten Gang und der - mit Sicherheit eines Jägers - seine Schritte wählte. Er gehörte nicht zu jenen sonderbaren Geschöpfen, die dem weiblichen Geschlecht, um ihre Gunst zu erwerben, mit allen Mitteln beweisen wollten, dass sie mehr und öfter weinen konnten als diese selbst. Er gehörte nicht zu der jämmerlichen Gattung Mann, der in seinem elterlich angelernten Zwang um jede Anerkennung raufte. Und raufen im wahrsten Sinne mit allen und jedem, verstand.

Nein, so ein Mann war er nicht. Er hatte reichlich Erfahrung mit dem Leben und den weiblichen Wesen und wusste zu gut, wie unterschiedlich sie sein konnten, und manchmal - vereint in nur einer einzigen Frau. Er hat gelernt, wenn man Frauen, Frauen seinlässt – dann gewinnen sie an Kraft. Sie entdecken dann ihre Flügel und erheben sich nach Lust und Laune in die luftigsten Höhen und kein Sterblicher kann sie je stoppen. Sie beginnen dann zu strahlen und sind in der Lage - sogar die Sonne zu überstrahlen. Und er hat gelernt, dass wenn man sie einschränkt, ihnen kaum Luft zum atmen lässt, wenn man sie einengt, sie in Käfigen sperrt, auch wenn diese aus purem Gold sind, dann wird man sie nie im freien Flug erleben, niemals ihre Kraft kosten, die sie zu verschenken haben – in jeder ihrer Bewegung, in jedem ihrer Worte und dem Lächeln – welches dich dem Himmel näher bring.

Ihre Blicke trafen sich. Seine braunen Augen strahlten sie an und seine Lippen, die zu einem Schmunzeln sanft nach unten gezogen waren, lösten ein Lächeln ihn ihr aus. Ihr Blick floss in seine Augen und er hielt, auch wenn nur für einen Augenblick, den Atem an. Sie befanden sich mitten am Zebrastreifen, es schüttete Hunde vom Himmel, sie blieben stehen. In diesem Augenblick verlor die Welt, um sie an Bedeutung. Sie öffnete sanft ihre Lippen, weiße Zähne strahlten hervor und sanfte Grübchen bildeten sich auf ihren Wangen. Sein Gesicht bildete bereits Lachfalten und kündigte eine Freude an – welche sich jeden Augenblick über sein Gesicht ergießen wird.

Doch die Hupe eines ungeduldigen Autofahrers beendet diesen stillen innigen Augenblick, der eine Welt der Zuneigung eröffnen konnte – sie auf eine Reise der gegenseitigen Erkundigungen geschickt, mit einem Raum, als wäre die Zeit stehengeblieben. Ihnen den Zugang des anderen gewährt, sie auf eine Ebene der Berührungen und Intimität und auch wenn es nur so ein kurzer Augenblick war – in die Welt der Liebe getragen. Wieder erklang die Hupe, die grässlicher und schrecklicher nicht dröhnen konnte. Der Lärm der Straße holte sie ein, brutal, wie ein Erschießungskommando – welches auf ihr Herz zielte. Die beiden zuckten zusammen, verloren den Blick des anderen und eilten zum gegenseitigen Straßenrand.

Am Gehsteig blieben sie stehen und wandten sich zueinander. Der strömende Regen, verwandelte jegliches Gesicht und Konturen des anderen in eine Wand, ein Bild voller grauer Striche. Sie blieben so stehen, drei Ampelphasen lang. Die Frau unter dem Regenschirm, er unter Mantel und Hut. Es sah aus, als warteten sie auf etwas, dann hoben sie langsam die Hände und gaben einen sanften Gruß dem anderen. So, als würden sich alte bekannte grüßen, so als hätten sie sich schon immer gekannt. Sie wendeten beinahe gleichzeitig und jeder von ihnen verlor den anderen im Regen…

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