(oder: Wie ich aus Versehen einen Nuttenhotel-Manager heiratete)
Nigeria gilt als eines der gefährlichsten Länder der Welt.
Ich habe in Ajegunle gewohnt, aus Versehen einen Manager eines Nuttenhotels geheiratet und betreibe heute eine Küche in einem Ashawo Hotel (Ashawo = Prostituierte).
Ich bin mir nicht sicher, ob Statistiken auf solche Lebensläufe vorbereitet sind.
Paradeisa
Ich lebe minimalistisch. Nicht als Konzept, sondern aus Gewohnheit. Wer so lebt, schließt Kompromisse. Und landet manchmal an Orten, die man sich nicht ausgesucht hätte – aber auch nicht mehr loswird.
Ajegunle: Chaos, aber mit System
Ajegunle.
Ich war viel zu Fuß unterwegs, mit dem Bus oder mit dem Motorrad (Okada – ich hasse Motorräder). Security konnte ich mir nicht leisten. Also lernte ich, selbst aufmerksam zu sein.
Paradeisa
Einmal ging ich im Boundary Market mitten auf der Straße.
Ein Mann packte mich wütend und zog mich zur Seite. Er erklärte mir, dass ich das nicht dürfe. Nicht, weil es verboten sei – sondern weil ich weiß bin und damit Aufmerksamkeit erzeuge. Entführungen, sagte er. Dann ging er weiter.
Das war kein Übergriff.
Das war Alltagslogik.
Ajegunle ist laut, arm, dicht. Aber es ist sozial kontrolliert. Jeder sieht alles. Dinge passieren selten unbemerkt.
Paradeisa
One Chance und mein Lieblingsgefühl: Nein
Ein anderes Mal saß ich in einem Bus, der noch nicht losgefahren war.
Ich bekam dieses seltene Gefühl. Kein Gedanke, eher ein inneres Nein.
Ich fragte den Fahrer:
„Du entführst mich jetzt aber nicht, oder?“
Er reagierte nicht.
Ich stieg aus, so schnell ich konnte, nahm einen anderen Bus und fuhr weiter. Sicher ist sicher.
Ob es wirklich ein One Chance gewesen wäre (so nennt man Entführungs- oder Raubfahrzeuge), weiß ich bis heute nicht.
Aber ich lebe noch. Das reicht mir als Beweisführung.
Die Heirat: Nicht verschwunden – geflüchtet
In Ajegunle heiratete ich einen Nuttenhotel-Manager.
Nicht geplant. Ich mochte ihn. Und ehrlich gesagt dachte ich, es sei ein normales Hotel – eines von diesen Orten, wo eben auch Prostituierte und zwielichtige Gestalten herumlungern. Ghetto halt.
Nach kurzer Zeit hielt er es nicht mehr aus.
Nicht wegen Nigeria. Sondern wegen mir: Ich kaue alles, was ich nicht glaube, hundertmal durch.
Er rannte weg. Verständlich.
Weniger verständlich war, dass er und seine Familie wollten, dass ich zurückkomme. Mit Schleim, Versprechen, Drama. Aber ich bin stur. Und das muss man in Nigeria auch sein. Nicht nur dort – aber dort besonders.
Der Süden: Wenn Sicherheit nervös wird
Später war ich als Volunteer im Süden unterwegs. Objektiv sicherer. Fahrer. Überwachung. Regeln.
Subjektiv anstrengender als Ajegunle.
Ich durfte kein Taxi nehmen.
Nicht allein in eine Mall.
Nicht länger an einer Bar sitzen.
Zwei Männer setzten sich zu mir. Sie gehörten zum Team und passten auf mich auf. Sehr gründlich. Ehrlich gesagt hätten sie mich manchmal wohl am liebsten gefesselt.
Einmal schlief ich in meinem Zimmer ein.
Plötzlich Panik. Alle suchten mich. Sie dachten, ich wäre weggelaufen.
Bis jemand wie wild an meine Tür hämmerte und ich verschlafen öffnete.
Ich war sicher.
Aber offenbar zu selbstständig.
Delta State: Das verspätete „Ups“
Paradeisa
In Ugbolu bei Asaba (Delta State) war es ähnlich.
Ich wusste damals nicht, wie angespannt die Lage dort ist – Öl, zerstörte Lebensgrundlagen, IPob, Misstrauen gegenüber Weißen.
Ich wurde gefahren. Immer.
Einmal überredete ich Hotelmitarbeiter, mit mir draußen ein Keke (Tuk-Tuk) aufzuhalten. Ich war kurz euphorisch. Freiheit!
Ich hatte vergessen, dass das ganze Hotel videoüberwacht war.
Der Manager kam angerannt. Dann der Direktor. Dann saß ich wieder im Auto.
Später durfte ich doch mit einem Keke fahren. Aber nur mit einem bestimmten Fahrer. Er sah so gefährlich aus, dass ich verstand, warum ihn niemand ansprach. Billig war er nicht.
Als ich zurück in Lagos war, erklärte mir ein Freund erst, wie riskant Delta State tatsächlich ist.
Da habe ich kurz geschluckt.
Unser Wachposten hatte übrigens eine Dane Gun (alte, einläufige Schusswaffe). Einmal laden, einmal schießen. Der Wächter war kleiner als ich, sehr dünn, trank viel und weinte mir seine familiären Probleme vor.
Ich gab ihm Essen. Nicht aus reiner Nächstenliebe. Eher aus Risikomanagement. Ein betrunkener Sicherheitsbeamter, der mir weinend davon erzählte, dass seine Frau weg rannte, da wollte ich zumindest Bonuspunkte sammelt, falls er komplett durchdreht. Selbst wenn die Chancen, dass er jemanden mit einer Dane Gun trifft, sehr gering sind.
Aber dann kam das Problem: Er dachte, ich wolle ihn heiraten.
Danach stellte ich meine Gutmütigkeit ein.
Paradeisa
Die Küche im Ashawo Hotel: Nur aus Pragmatismus
Heute habe ich eine Küche in einem Ashawo Hotel eröffnet.
Eine weiße Frau. Küche. Nuttenhotel.
Ich bin konservativ.
Warum ich hier gelandet bin? Ein Zimmer war die Nacht extrem günstig. Punkt. Kein Lifestyle-Experiment. Kein Abenteuer. Kein „Ghetto-Flair“. Nur Pragmatismus.
Ich musste mich schnell behaupten. Denn anfangs dachten viele: „Weiße in einem Nuttenhotel – die ist einfach zu kriegen.“
Oh nein.
Ich kam nur für das Zimmer. Und ich mache klar, wie die Regeln laufen – schnell, trocken, effektiv.
Anmerkung: Man muss sich das auch mal vorstellen: Wie fertig die Manager und Direktoren waren! In Vierteln wie Lekki, Surulere oder Ikeja kennen die Hotels ja weiße Gäste. Ich wollte das Zimmer aber immer zum einheimischen Preis haben und frage deshalb mit meiner nigerianischen Telefonnummer an – sonst kommen ja die verrückten Ideen.
Dann steh ich da, zahle denselben Preis wie jeder andere, und trotzdem laufen alle wie wild herum, stehen kurz vor einem Kollaps und versuchen, alles perfekt zu machen. Man merkt sofort: Die Welt hat nicht mit jemandem wie mir gerechnet. 😅
Voodoo, Intrigen, Konkurrenzküchen, Machtspiele. Ich kam mir zeitweise vor wie in einer Star-Wars-Fantasy-Version.
Aber die Küche lief. Nicht perfekt. Nicht riesig. Aber sie lief. Und läuft noch. wir suchen einfach einen anderen, normalen Standort.
Hexe, Satan und moskitofreies Blut
Keine liebevollen Kosenamen. Am Anfang ein bisschen Neid.
Heute: Hexe. Satan.
Ein Mann sagte einmal:
„Du hast noch nie Malaria gehabt, weil selbst die Mosquitos Angst vor deinem Blut haben.“
Vielleicht stimmt das.
Vielleicht ist es einfach Erfahrung.
Ein letzter Blick
Ich bin keine Heldin.
Ich habe oft Angst gehabt.
Ich wäre oft gern weggelaufen.
Aber ich habe mein Erspartes investiert. Und das lasse ich nicht einfach liegen.
Nigeria ist nicht pauschal gefährlich.
Aber es verzeiht keine Naivität.
Und manchmal fühlt sich Ajegunle ehrlicher an als Orte, die dich zu gut beschützen wollen.
PS: Ich werde vermutlich noch eine Weile hier bleiben müssen – aber ehrlich gesagt freue ich mich schon sehr auf ein ruhigeres, entspannteres Land… vielleicht sogar eine einsame Insel.